Zwischen Gottesdienst und antiker Tragödie: Spaniens Superstar Rosalía macht in Berlin deutlich, wie groß Pop denken kann: Setlist und Kritik von der Show in der Uber Arena.
Gerade noch hat das Kammerorchester mit betörend-furiosen harmonischen Läufen Vivaldi nachgeeifert. Gerade noch hat eine Art Opernchor grollend auf Deutsch seinen Katechismus aufgesagt („Seine Angst ist meine Angst/ Seine Wut ist meine Wut/Seine Liebe ist meine Liebe/Sein Blut ist mein Blut“). Gerade noch hat Rosalía mit Belcanto-Koloraturen über die Flammen in ihrem Kopf und die Schwere ihres Herzens geklagt. Doch dann beginnen auf einmal diese mit schwarzen Federn geschmückten Fabelwesen wild zuckend über die Bühne zu tanzen. Und als zum Stroboskoplicht ein dröhnender Beat durch die Halle poltert, erklärt sich irgendwie von selbst, warum Spaniens neuer Superstar dieses Monster von einem Song „Berghain“ genannt hat – nach diesem fast schon mythischen Technoclub, der nur ein paar Hundert Meter von der Uber Arena entfernt ist, in der gerade Rosalías Konzert stattfindet.
Rosalía inszeniert eine Pop-Oper
Die 33-jährige Katalanin reist mit ihrem großartigen Album „Lux“, das im November 2025 erschienen ist, um die Welt, macht in Deutschland aber nur in Köln und eben in Berlin Station. Das Stück „Berghain“ eröffnet den zweiten Akt der Show. Und dass Rosalía ihr zweistündiges Konzert in Akte unterteilt, ist keine übergeschnappte Marotte, sondern folgerichtig. Den hier bekommt man kein Popkonzert vorgesetzt, sondern ein Welttheater vorgeführt: vom Himmel durch die Welt zur Hölle beziehungsweise vom Himmel durchs Berghain in die Hölle. Die Wiedergeburt des Pop aus dem Geiste der antiken Tragödie.
Rosalía inszeniert sich als eine Verwandte von Antigone, Elektra, Kassandra oder Iphigenie, zugleich aber auch als heilige Sünderin, macht daraus mit ihrem kleinen Orchester, das statt auf der Bühne mitten im Saal seinen Platz findet, eine großartige Pop-Oper, in der es um Liebe und Leidenschaft, Verrat und Rache, Schuld und Sühne geht. Wie man es von der Oper kennt, gibt es bei der Show Obertitel (die spanischen Texte werden ins Deutsche übersetzt). Und wie man es von der griechischen Tragödie kennt, endet die Show mit einem kathartischen Opfertod: Zu den letzten Takten des Stücks „Facu ’ranni“ wird sich Rosalía, die inzwischen weiße Flügel trägt, nach hinten von der Bühne fallen lassen.
Rosalía versteht Pop als Experimentierfeld
Aus der antiken Tragödie hat sich Rosalía auch den Deus ex Machina geborgt „The only way to save us is through divine intervention!“ – Nur göttliches Eingreifen kann uns noch retten. Bei der Show in Berlin kommt die Stimme Björks, mit der Rosalía bei „Berghain“ zusammengearbeitet hat, allerdings nur vom Band.
Tatsächlich lassen sich einige Gemeinsamkeiten zwischen der Isländerin Björk und der Spanierin Rosalía finden: Beide bemühen sich unermüdlich darum, dem immer gesichts- und geschmackloser werdenden Mainstream-Pop eine Vision entgegenzusetzen, die Pop als ein Experimentierfeld versteht, in dem alles möglich sein sollte. Die Musik, die Rosalía am vergangenen Freitagabend in Berlin aufführt, ist voller grandioser Schnörkel, voller Brüche, voller Verweise, voller Dramatik und Theatralik.
Die Show ist pompös und exzentrisch
Dieser Wille zum Anderssein zeigt sich auch in der Show, die es zwar pompös, exzentrisch und pathetisch liebt, nie aber zum effekthascherischen Spektakel wird. Und auch die Choreografien, die Rosalía mit ihren Tänzerinnen und Tänzern zeigt, haben so gar nichts gemein mit dem, was man vor allem bei US-amerikanischen R’n’B-Shows gewohnt ist. Hier werden einen nicht die immer gleichen Beischlaf-Simulation-Balztänze vorgeführt, sondern Körper verwandeln sich zum Beispiel in Skulpturen, sie werden Teil eines Tableau vivant oder eines vielarmigen, vielbeinigen Menschenknäuels.
Rosalía ist „heiß auf Gott“
Man darf sich bei Rosalía auch an die Französin Zaho de Sagazan erinnert fühlen. Wie diese übersetzt sie das kulturelle Erbe ihrer Heimat ins 21. Jahrhundert. Bei de Sagazan trifft Chanson auf Techno, bei Rosalía Flamenco auf Dancefloor-Beats, aber auch auf Art-Pop, klassische und sakrale Motive. „Der beste Künstler ist Gott“, heißt es in dem Song „CUUUUuuuuuute“, in den sich irgendwann „Sweet Dreams“ von den Eurythmics einschleicht. „El redentor“ erzählt die Passionsgeschichte Jesu’ nach.
Nachdem sie im ersten Akt zunächst als eine Art Hartplastik-Ballerina auf die Bühne gekarrt wurde, verwandelt sich Rosalía kurze Zeit später in eine ganz in weiß gekleidete Nonne. Und draußen am Merch-Stand werden T-Shirts verkauft, auf denen „Hot For God“ steht – Heiß auf Gott.
Rosalías Konzert wird zum Gottesdienst – Beichte inklusive
Denn tatsächlich treffen bei der Show letztlich antike Tragödie und Gottesdienst aufeinander. Selbst wenn es in Rosalías Liedern vordergründig um Weißwein („Sauvignon blanc“) oder teure Mode („LA COMBI VERSACE“) geht, erzählt sie doch letztlich immer von einer zerrissenen Seele zwischen Himmel und Hölle, zwischen der spirituellen und der irdischen Welt.
Und wem das alles ein bisschen zu schwergewichtig daherkommt, der kann sich bei der Show auch über eine wunderbare Coverversion des Frankie-Valli-Klassikers „Can’t Take My Eyes Off You“ oder Schattentheater-Einlagen bei der zart-bösartigen Nummer „La Perla“ freuen. Oder darauf, dass es bei diesem Gottesdienst auch Zeit für die Beichte gibt: Diese legt auf der Bühne in Berlin die Schauspielerin und Musikerin Naiwa Nimri ab, die man aus der spanischen Netflix-Serie „Haus des Geldes“ kennt. Und tatsächlich spielen da auch die Türsteher dieses mythischen Berliner Technoclubs, dem Rosalía mit dem Song „Berghain“ ein Denkmal gesetzt hat, eine große Rolle.
Rosalía in Berlin: Setlist
- Ouvertüre
ACT I
- Sexo, violencia y llantas
- Reliquia
- Porcelana
- Divinize
- Mio Cristo piange diamanti
- Interlude
ACT II
- Berghain
- SAOKO
- LA FAMA
- LA COMBI VERSACE
- De madrugá
ACT III
- El redentor
- Can’t Take My Eyes Off You
- Confesionario
- La perla
- Sauvignon blanc
- La yugular
- Interlude
INTERMEZZO
- Dios es un stalker
- La rumba del perdón
- CUUUUuuuuuute
ACT IV
- BIZCOCHITO
- DESPECHÁ
- Focu ’ranni
ZUGABE
- Magnolias
Tourdaten Rosalía
Rosalía tritt noch am 5. und 6. Mai in London auf, bevor sie im Juni ihre Tour in Nord- und Südamerika fortsetzt. Informationen zu Terminen und Tickets gibt es hier.