Schon Im antiken Griechenland war Weihrauch als Aphrodisiakum bekannt. Foto: imago/H. Tschanz-Hofmann

Wer seine Libido in Schwung bringen möchte, braucht nicht unbedingt Medikamente. In der Natur finden sich Pflanzen, die die Lust fördern – und sie sind in jedem Garten zu finden.

Dem wilden Tanzabend folgte das Todesurteil: 1768 lud der Philosoph Donatien Alphonse François de Sade, genannt Marquis de Sade, zu einem Gelage in Marseille. Zum Dessert ließ er Schokoladenpastillen reichen, in die er einen metallisch grünen Käfer in gemahlener Form einarbeiten ließ. Alle, die davon gegessen hatten, wurden „von einer schamlosen Brunst ergriffen und begingen die tollsten Liebesexzesse“, so überliefern es die Geschichtsschreiber. Das Fest artete zu einer wilden Orgie aus. De Sade selbst missbrauchte seine Schwägerin.

 

Spanische Fliegen enthält eine erektionsfördernde Substanz

Obwohl das Ansehen des Marquis unter den Ausschweifungen litt, konnte er nicht davon lassen: 1772 beklagten sich zwei Prostituierte aus Marseille, er habe sie mit seinen „Bonbons“ für Gruppensex und Analverkehr gefügig gemacht. Sade, der bis in die Gegenwart für seine gewaltpornografischen Romane bekannt ist, wurde angeklagt und in Abwesenheit zum Tode verurteilt.

Bis heute stößt auf den grünen, daumennagellangen Käfer Lytta vesicatoria, auch Spanische Fliege genannt, wer sich für Aphrodisiaka von Mutter Natur interessiert. So enthält dieser Cantharidin – eine Substanz, die ähnlich wie Viagra erektionsfördernd ist. Produkte in Sexshops enthalten mitunter den gemahlenen Käfer in homöopathischen Dosen. Und so ist die Geschichte vom Käfer im Dessert auch Sinnbild für die Suche des Menschen, das sexuelle Verlangen und Vergnügen mit Mitteln der Natur zu steigern.

Überliefert sind unzählige Tinkturen, Tees und Auszüge von Pflanzen, Pilzen und Tieren, die die Lust anregen sollen. Im antiken Griechenland galten Wein, Weihrauch und Knabenkraut als liebesfördernd.

Pharmakologin rät von Selbstversuchen ab

Von Selbstversuchen mit der Spanischen Fliege raten Experten wie Sabine Glasl-Tazreiter ab. Die Pharmakologin an der Universität Wien gab mehrfach Vorlesungen zu pflanzlichen Liebesmitteln und warnt: Cantharidin verstärke die Durchblutung im Unterleib, aber auch am Herzen so sehr, dass es auch in geringen Dosen zu gefährlichen Blutungen kommen kann.

Andere Naturprodukte sind da ungefährlicher: Mit Heiterkeit erinnert sich Glasl-Tazreiter an ihre Zeit als Praktikantin in einer Wiener Apotheke. Damals waren Extrakte der Yohimberinde gefragt und Yohimbin das Potenzmittel für den Mann schlechthin. „Ich musste das dauernd bereitstellen, weil die Herren, die danach verlangten, nur so aus- und eingingen.“ Der Yohimbebaum wächst in Afrika und wird dort von der indigenen Bevölkerung seit jeher als Aphrodisiakum genutzt.

Bei anderen Gewächsen kann der bloße Anblick schon das sexuelle Verlangen erregen: Etwa erinnert der Aronstab, eine beliebte Zimmerpflanze, mit seinem langen freistehenden Fruchtstand an einen Phallus. Wenn der Anblick allein erotische Gedanken anregt, sprechen Forscher von sexuellen Signaturen, die den grünen Aphrodisiaka eingeschrieben sind. „Wenn ich so eingestimmt bin, wirkt das auch – und zwar psychisch“, sagt Glasl-Tazreiter.

Brennnessel als Liebesmittel in Vergessenheit geraten

Die österreichische Naturheilkundeexpertin Gabriela Nedoma geht gar davon aus: „Viele Aphrodisiaka aus der Natur wirken nicht physiologisch, sind aber psychologisch stimulierend.“ Nedoma hat sich auf pflanzliche Liebesmittel spezialisiert. Viele heimische Liebespflanzen seien regelrecht in Vergessenheit geraten, bedauert Nedoma. Dabei wächst eine unter ihnen bald auf jeder Wiese und an jedem Wegesrand: die Brennnessel.

Im Mittelalter empfahlen Kräuterkundige die Samen der Brennnessel mit Myrrhe zu Scheidenzäpfchen zu verarbeiten und so die Wollust der Frau zu steigern. Andere Quellen rieten dazu, die Samen in süßen Wein einzulegen und zu trinken. Auch soll es das sexuelle Verlangen stimulieren, wenn mit Brennnesselbündeln auf den Unterleib geschlagen wird.

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Es ist eins der wenigen stimulierenden Naturprodukte für die Frau, die überliefert sind. „Es ist ein ernstes Problem, dass wir viel mehr Aphrodisiaka für den Mann in der Literatur beschrieben finden und fast gar keine für die Frau“, sagt der Naturstoffforscher Ikhlas Khan von der Universität Mississippi, der sich mit der Arzneiwirkung von Pflanzen beschäftigt. Das gilt schon für ältere Schriften, die etwa den Sellerie als Potenzmittel preisen. Angeblich soll Bismarck ihn als „Stehsalat“ gelobt und jeden Tag gegessen haben. Was die weiße Knolle für die Frau bedeuten könnte, ist keine Erwähnung wert.

Bis dato liegen die physiologischen Mechanismen der weiblichen Sexualität im Verborgenen. Es ist ein subtiles Zusammenspiel von Hormonen wie Östrogenen und Testosteron, Botenstoffen wie Serotonin, aber auch dem Gesundheitszustand und dem Ausmaß an Stress, das die Libido beeinflusst.

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Und unter 53 Pflanzen, die als Aphrodisiaka beschrieben sind, machte Naturforscher Ikhlas Khan in einer Übersichtsarbeit 2019 fünf Pflanzen aus, die vielversprechend sind: Damiana, Gingko und Ginseng gehören dazu, daneben Bockshornklee, dessen Tee im Orient zur Rückbildung nach der Geburt getrunken wird. Die fünfte Pflanze trägt den Namen Erdsternchen und kann wohl einen Testosteronmangel ausgleichen.