Sandra Gerling und Paul Grill in einem Labyrinth aus Reflexionen Foto: Thomas Aurin

Armin Petras inszeniert am Schauspiel Nord Frank Wedekinds Skandalstück „Lulu“ als finster-grotesken Karneval der Bilder.

Stuttgart - „Was sind das für Häuser, und in den Häusern Menschen, die einander hassen, oder traurig sind, weil die Liebe vorbei ist“, sagt sie, irgendwann. „Lulu“ wird am Schauspiel Nord zu einer Moritat auf das Begehren. Nicht Frank Wedekinds Skandalstück der Jahrhundertwende diente Armin Petras als Vorlage für seine Inszenierung, sondern die Adaption durch die britische Musikgruppe The Tiger Lillies. : Und so gerät „Lulu“ zu einem finster-grotesken Karneval der Bilder, manchmal betäubend, mitunter überladen.

Wedekinds Stück wurde auch von Alban Berg zur Oper und von Lou Reed zur Rockoper verarbeitet; der freie Umgang mit dem Stoff hat sich längst eingebürgert. Die Hauptfigur ist zur Chiffre enthemmten weiblichen Begehrens geworden, sirenengleich lockt sie die Männer in den Abgrund und wird zuletzt selbst von Jack, dem Ripper, der populärsten Verkörperung destruktiv maskuliner Lust, zerrissen. Ein Traumpaar des Todestriebs sind sie beide, und doch ist Lulu das Opfer: sinnlich, amoralisch, unschuldig, verdorben zugleich.

Caroline Junghanns spielt im Nord den Ripper, gut markiert durch Beschriftung ihres schwarzen Umhangs, mit höhnisch schrillem Lachen manchmal aus dem Hintergrund vorpreschend. Und Sandra Gerling ist Lulu, die schwarze, animalische Mitte des Stückes. An ihr und ihrem sehr körperlichen Spiel hängt tatsächlich alles, in dieser Inszenierung. Die Männer, die sie umlagern, sich hechelnd, leckend, kopulierend an sie schieben, sind bloße Chargen, Narren, Popanze, das Hemd, die Krawatte auf die bloße Haut gemalt. Lulu bleibt meist stumm, sagt nur sehr wenige Sätze. Ihr großer Monolog kommt spät und ist entliehen: Höhnisch, wieder tierisch, wild, erzählt sie das Grimmsche Märchen „Allerleirauh“, das vom König handelt, der seiner sterbenden Königin versprochen hat, keine zu heiraten, die nicht so schön ist wie sie, der deshalb der Tochter nachstellt und sie auch bekommt.

Farbige Zuckungen

Das Inzestthema des Stücks wird schon in der Version der Tiger Lillies stark betont. Petras rückt auch die Figur der Gräfin Geschwitz, die verliebt in Lulu ist, in den Vordergrund; sie wird gespielt von Berit Jentzsch, die auch Choreografie des Stückes besorgte, in dem die Körper bei Stepptänzen und Rollschuhauftritten wirbeln. Ferdinand Lehmann, Andreas Leupold und André Willmund sind Alva, Dr. Goll und Shunning, die Männer, die Lulu begehren und benutzen treten mit Namensschildern auf. Paul Grill ist Schwartz, der Maler, der Lulu im ersten Teil von Wedekinds Doppeldrama portraitiert – eine Figur, ganz aus der Gegenwart: Rasend telefoniert er, plappert seinen ästhetisch-theoretischen Redeschwall selbstverliebt in den Hörer, schwafelt von „Intensität“ und davon, die Eigenbewegung, das Begehren der Menschen fassen zu wollen. Das Porträt Lulus, das Schwartz malt, besteht folgerichtig aus farbigen Zuckungen auf der Leinwand.

Spiegelwände, die sich wellen, kommen auf die Bühne, schließen Lulu ein in ein Labyrinth aus Reflexionen; diese Spiegel dann zum Publikum hin auszurichten, der Gesellschaft, die da sitzt, also nicht nur metaphorisch einen Spiegel vorzuhalten, ist wenig originell, aber effektvoll. Männer in leuchtend bunten Jacketts zielen mit gelben Gewehren; einer trägt Jonglierkeulen umher und erzählt Witze, die lahm, sexistisch, böse sind; ein Rapper spuckt ebensolche Silben. Lulu ist umgeben von Zeichen, die nach ihr greifen, sie besitzen wollen, denen sie sich entzieht.

„Vaudeville“ steht auf dem halb transparenten Vorhang, der die Szene zu Beginn verhüllt, vor dem Lulu erst aufreizend umher geht, der dann ihren Körper halb verbirgt oder durchscheinen lässt zur Musik von Ravel. Später ein erst schwarzer Vorhang, der dann einen tiefen grünen Ton annimmt: Lulu, im Wald, im Fetzenkleid des Märchenmädchens (Kostüme: Annette Riedel), inmitten ausgestopfter Tiere und tierischer Schauspieler. Immer wieder ein Kreuz, leuchtend, weit oben, flackernde Kerzen, unten: repressive Moral, Martyrium? „Lulu hält die Stellung; Lulu geht verloren“, heißt es. Und um Lulu, immerzu das Toben der Männer, die Gier, die albernen Tänze, die irre Musik.

Zwischen Tiger Lillies und „Black Rider“

Julian Marbach hat zur rechten Seite der Bühne eine verschachtelte hölzerne Fensterfront errichtet, halb Innenraum, halb Außenraum, dahinter Leuchtreklamen. Die Szenen wechseln: Das Maleratelier, der Salon, die Arztpraxis, vernebelt. Auf beiden Seiten offene Gerüste, dort spielt diese Musik. „Lulu“, das ist vor allem für Miles Perkin, der schon Armin Petras Inszenierung von „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ famos begleitete, eine große Stunde. Viele Stücke der Tiger Lillies singt er selbst, interpretiert sie kunstvoll mysteriös und voller Spannung, meist am Kontrabass; das Ensemble wird zu seiner Band, mit Gitarren, Trommeln, Kettengerassel, Cello, Spielzeugsaxofon, Kalimba. Die Klangwelt der Tiger Lillies ist nicht so weit entfernt von jener des Tom Waits, und irgendwie schleicht sich der Verdacht ein, Armin Petras möchte hier seinen eigenen „Black Rider“ inszenieren – dafür allerdings gerät der Wildwuchs an Bildern, mit denen er Lulu umstellt, doch ein wenig zu verkopft.

Lulu im Schauspiel Nord endet mit einer langen Zugabe, bei der ein Auto auf der Bühne steht, sich dreht, und das Ensemble noch ein Lied singt, inmitten all der Reste, der ausgestopften Tiere, Kerzen. Nicht von den Tiger Lillies stammt der Song, sondern von Linkin Park. Wenn kümmert es schon, wenn noch ein Licht erlischt, an einem Himmel, an dem Millionen Lichter flackern? „I do“, singt Miles Perkins, singen schließlich alle, die da stehen und sich drehen – populäre Empathie für Lulu, die Lüsterne, Geworfene, am Ende eines Abends, der ein wenig lang war, verwirrte, auch einmal verärgerte, dann wieder fesselte, von dem ein paar Bilder bleiben, und viel Musik.

Weitere Aufführungen am 6. und 23. Januar, 20 Uhr. Restkarten jeweils an der Abendkasse.

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