Beim Theaterkollektiv Hauen und Stechen entfaltet Paul Dessaus und Bertolt Brechts Friedensoper „Die Verurteilung des Lukullus“ eine tolle Wirkung, aber die musikalische Seite kommt dabei zu kurz.
Stuttgart - Es ist ein Abend der Überwältigung. Erst trifft es den Intendanten Viktor Schoner, der am Montag die Bühne betritt, um voller Freude einen verspäteten Vorstellungsbeginn zu verkünden: Mit einem solchen Zuschauerandrang an den Abendkassen habe sein Haus am ersten Abend der Vollbesetzung nicht gerechnet, aber was seien schon ein paar Minuten im Vergleich zu zwei Jahren pandemischer Entbehrungen. Für den Rest der Überwältigung ist das Theaterkollektiv mit dem sprechenden Namen Hauen und Stechen zuständig. Unter der Federführung der beiden Regisseurinnen Franziska Kronforth und Julia Lwowski hat sich die Berliner Truppe der nur selten gespielten Oper „Die Verurteilung des Lukullus“ angenommen, die der Komponist Paul Dessau zusammen mit Bertolt Brecht über dessen fast gleichnamiges Hörspiel geschrieben hat. Die Wiederbelebung des 1951 in Ostberlin uraufgeführten pazifistischen Musiktheaters wird in der Staatsoper Stuttgart zu einer grellbunten Collage aus Bildern, Videos und Bühnenaktion.
Das entspricht dem Stück, denn dieses ist im Kern ebenfalls eine Revue. Schon der Trauerzug nach dem Tod des Feldherrn Lukullus, den die Regisseurinnen vorab laut lamentierend durch das Foyer des Opernhauses ziehen lassen, stimmt das Publikum ein auf den ironischen Unterton einer im Kern sehr ernsten Geschichte, die den Abgelebten vor ein Totengericht befördert und dort für seine Untaten zur Rechenschaft zieht. Natürlich versucht sich Lukullus, hier ein spinnerter Römer in Puschelpantinen, so herauszureden, wie sich Täter und Mitläufer immer schon herausgeredet haben: Man habe nicht anders gekonnt, habe bloß seine Pflicht erfüllt, und das System sei halt so gewesen. Aber Zeugen berichten von den Kehrseiten seines Heldentums, den Verbrechen, den Toten. „Aus der Welt geht der Schwächere, und zurück bleibt die Lüge“, lässt Brecht den Richter sagen, und Sätze wie dieser belegen: Das Thema des Stücks ist immer noch bedrückend aktuell.
Das Thema des Stücks ist immer noch brandaktuell
Staub angesetzt hat nur die Art der Präsentation. „Die Verurteilung des Lukullus“ hebt nach Art eines Lehrstücks permanent den Zeigefinger und durchbricht nach Art des epischen Theaters mithilfe zweier Sprecher ständig die Bühnenillusion. Immer wieder kippt das verinnerlichte Spiel um in einen Kommentar von außen, gleichzeitig wechseln Ernst und Parodie, und so fragt man sich als Zuschauer verwirrt, was hier nun eigentlich gesagt und gefordert wird. Haltung und Meinung verbergen sich.
Die Leute von Hauen und Stechen gestalten mit großer Fantasie. Aber sie füllen auf der Bühne fast jeden Raum. Wo es neben skurrilen Kostümen und wilden Aktionen noch nicht bunt genug zugeht, ergänzen Videos die Szene, die oft bei der Verfolgung von Darstellern entstehen (wer empfindlich ist, könnte an diesem Abend schmerzhafte Symptome einer ausgeprägten Handkamera-Allergie entwickeln).
So tappen Regie und Ausstattung in die gefährlichste Falle, in die man bei diesem Stück tappen kann. Bertolt Brecht wollte beim „Lukullus“ dezidiert alles spätbürgerlich Lukullische vermeiden. In Stuttgart ist das allerdings nicht geglückt: Auf lust- und durchaus auch auf wirkungsvolle Weise feiert die Inszenierung hier ein Fest der Dekoration. Und über dem visuellen Zuviel und über den gleichwertig nebeneinander gestellten Bildzitaten aus der Deutschen Demokratischen Republik, aus Russland, China und dem alten Rom gerät die Frage nach der Haltung vollends aus dem Blick. Erst kommt das Fressen, dann die Moral – das ist auch ein Brecht-Zitat.
Aus dem Fokus geraten die Details. Das Leise. Beides könnte man hören, wenn die Musik vom visuellen Getöse nicht so sehr überdeckt würde. Der Dirigent Bernhard Kontarsky koordiniert präzise die Massen, darunter den sehr genau einstudierten Staatsopern- und Kinderchor sowie das schlagzeug- und bläserlastig besetzte Staatsorchester. Und neben Gerhard Siegel, der mit schneidendem Tenor dem Lukullus geradezu Cartoon-Format verleiht, stehen weitere exzellente Sänger auf der Bühne. Eine von ihnen, Cheryl Studer, Primadonna von ehedem, liefert als alte Frau Tertullia eine laut bejubelte Charakterstudie ab.
Das visuelle Getöse überdeckt die Musik
Vor allem zwei Szenen sprechen für sich und für das, was möglich gewesen wäre. In der einen singt eine Königin davon, wie „50 fremde Männer“ sie „besiegten“, und Alina Adamski singt die besiegte Frau mit einer wunderbaren Mischung aus Koloraturschärfe und emotionaler Zerbrechlichkeit. Die zweite Szene gestaltet Maria Theresa Ullrich hochempathisch: als Fischweib, das um seinen gefallenen Sohn trauert. Beiden Sängerinnen ist ein Instrumentalsolist zugeordnet, der auf der Bühne spielt, hier Andrea Berger an der Harfe, dort Ulrich Schlumberger am Akkordeon; in beiden Szenen hält die Inszenierung den Atem an, und das Muskel- wird zum Kammerspiel. Auf ein Neues.
Staatsoper Stuttgart im November
„Lukullus“
Die Oper von Dessau/Brecht ist nochmals am 6., 13., 15. und 20. 11. zu sehen.
„Holle“
Sebastian Schwabs Märchenoper für Kinder ab 6 Jahren hat am 10. November Premiere (Join im Nord). Weitere Aufführungen am 11., 14., 16., 17., 19. und 21. 11.
„Rheingold“ Der neue Stuttgarter „Ring“ beginnt am 21. 11. mit einer Inszenierung von Stephan Kimmig. Musikalische Leitung: Cornelius Meister. Weitere Aufführungen am 24. und 27. 11. sowie am 12., 17. und 19. 12.
Karten unter 07 11 / 20 20 90. (ben)