Lukaskirche in S-Ost Hölzerner Zeitzeuge der biblischen Urväter

Von Petra Mostbacher-Dix 

Thomas Putze hat zur Einweihung seines Pults (links) Gitarre gespielt. Foto: Petra Mostbacher-Dix
Thomas Putze hat zur Einweihung seines Pults (links) Gitarre gespielt. Foto: Petra Mostbacher-Dix

Der Künstler Thomas Putze hat für die Lukaskirche in Stuttgart-Ost ein neues Lesepult geschaffen. Nun wurde es in einem von ihm gestalteten Abendgottesdienst mit dem Motto „aus Holz“ eingeweiht.

S-Ost - Das Boot ist fast fertig. Ein kleines Mädchen legt noch ein letztes Holzstück auf das schwarze Tuch, das vor dem Altar der evangelischen Lukaskirche in Stuttgart-Ost ausgebreitet ist. Sie hat den Eichenzweig, wie die anderen Besucher der Abendkirche auch, am Eingang in die Hand gedrückt bekommen. Mit ihrem Beitrag am Holzpuzzle steht der Bug der Arche Noah – still geht sie zu ihrem Stuhl. Die „Schiffsbauer“ zuvor äußerten indes Fürbitten. „Ich wünsche mir, dass die Menschen sich nicht mehr gegenseitig verletzen“, sagte ein Mann. Ein anderer ersehnte Frieden und Freiheit für alle. Dass die Ernten dieser Welt die Bedürftigen erreichen mögen, bat wiederum eine Frau zu einfühlsamen Gitarrenklängen, improvisiert vom Stuttgarter Künstler Thomas Putze. Er gestaltete denn auch disen Gottesdienst maßgeblich mit seinen Darbietungen „aus Holz“. Denn daraus besteht das neue Lesepult der Lukaskirche, das an diesem Abend offiziell mit einer Lesung aus dem Buch Mose über die Arche Noah eingeweiht wurde.

Das Holz ist 3800 Jahre alt

Putze sägte es aus einer Eiche, die der Rems zutage gefördert worden war. „Die Dendrologen der Universität Hohenheim stellten fest, dass dieser Stamm vor etwa 3800 Jahren gefällt wurde“, erklärte der Künstler. „Ich fand die Vorstellung wunderbar, dass auf dem betagten Holz die ebenfalls tausende Jahre alten Texte der Bibelurväter gelesen werden. Das Holz ist sozusagen ein Zeitzeuge.“

Er habe sich von der Struktur des Werkstoffs inspirieren lassen: „Da mussten Öffnungen hinein!“ Putze versah den mächtigen Stamm gemäß Maserungen und Witterungseinflüssen mit schrägen, rhythmischen Schlitzen. Die Oberfläche veränderte er – jenseits von Glättungen – kaum, ließ die Natur wirken. Das dynamische Werk stellt nun einen gelungenen Kontrast zur 50er-Jahre-Ästhetik der Lukaskirche dar, dessen Apsis ein reduziert gestalteter Jesus am Kreuz, ebenfalls aus Eichenholz, dominiert. „Ich wollte der Materialvielfalt, die in der Kirche herrscht, nicht noch vermehren“, so Putze. „Außerdem keine Konkurrenz zum Vorhandenen schaffen, sondern einen Dialogpartner liefern.“ Das kam gleich gut an beim Kirchengemeinderat, schildert Pfarrer Gerd Häußler, der mit seiner Frau Gabriella Costabella Putze bat, das Lesepult zu entwerfen. „Thomas Putze und seine Familie sind Mitglieder unserer Gemeinde, in Gesprächen kam das Thema auf, so hat er für uns Skizzen und kleinere Modelle gemacht.“

Der Performancekünstler und Bildhauer, der 1968 in Augsburg geboren wurde, studierte zunächst Theologie, bevor er als freiberuflicher Illustrator sowie Musiker arbeitete, dann an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart zu Werner Pokorny und Micha Ullman ging. In zahlreichen Kunst- und Performance-Projekten befasste er sich bereits mit dem Thema Glauben, etwa in der Impulsstationen im Feriendorf Tieringen, den Performances „Säulenheiliger“ an der Stadtkirche Schorndorf und „Durchzügler“ in der Universitätskirche in Marburg.

Berufung, nicht Beruf

„Holz ist eines meiner Hauptmaterialien. Es hat die größte Korrespondenz mit dem menschlichen Körper, es ist gewachsen, warm, verletzlich – man muss sich nach seinen Eigenheiten richten“, so Putze. „Aber ich arbeite auch mit Schrott, zeichne, mache Musik und mehr.“ Daher möge er den Begriff Bildhauer nicht, er klinge sehr nach Beruf, nicht nach Berufung. „Mir geht es um die Zusammenhänge, die Geschichte des Materials, um das Leben und um Schwingungen. Und die hat das Holz, genauso wie meine Gitarren, die daraus gefertigt sind.“

In der Lukaskirche hatte der Künstler denn auch eine Auswahl seiner Musikinstrumente dabei. Auf diesen intonierte er neben selbst geschriebenen Liedern wie „The Ship“, das sich mit Schiffbrüchigen beschäftigt, auch den Song „I Belong to the Band, Hallelujah“ von dem legendären Blues-Gitarristen Reverend Gary Davis. „Kunst und Musik machen, das gibt es auch eine Verbindung zum Thema Glauben“, so Putze. „Die Bibel arbeitet fast nur mit Bildern. Es geht darum zu berühren, zu fühlen, neue Perspektiven aufzuzeigen – da schließt sich der Kreis.“

Redaktion Stuttgart-Ost

Ansprechpartner
Jürgen Brand
s-ost@stz.zgs.de

Lesen Sie jetzt