Messungen der Deutschen Umwelthilfe zufolge stoßen die als sauber geltenden Euronorm-6-Diesel ein Vielfaches des zulässigen Stickstoffdioxids aus. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) und das Klima- und Umweltbündnis Stuttgart wollen, dass auch neueste Dieselfahrzeuge von 2018 an nicht mehr in die Innenstädte einfahren dürfen, wenn sie im Straßenbetrieb die angegebenen Stickstoffdioxid-Werte nicht einhalten.

Stuttgart - Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) erhebt erneut schwere Vorwürfe gegen verschiedene Automobilhersteller. Messungen der Umweltschutzorganisation in den Monaten September bis März 2016 im Straßenbetrieb ergaben, dass von insgesamt 15 getesteten Dieselfahrzeugen der Kategorie Euronorm 6, die als besonders schadstoffarm gelten, lediglich zwei Modelle den Wert von 80 Mikrogramm Stickstoffdioxid pro gefahrenem Kilometer unterschreiten. Die anderen Testfahrzeuge schnitten teilweise sogar schlechter ab als die Euronorm 1 aus dem Jahr 1992, sagte DUH- Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch am Donnerstag auf einer Pressekonferenz. Darunter befindet sich auch ein Wagen der B-Klasse von Mercedes, bei dem die Abgasreinigungsvorrichtung ab einer bestimmten Temperatur außer Betrieb genommen wird.

Aus Reschs Sicht sind damit generelle Ausnahmen der Euronorm-6-Diesel vom geplanten Fahrverbot ab 2018 vom Tisch: „Daimler, aber auch Porsche und andere Hersteller stellen die Abgasreinigung schon bei Außentemperaturen von 17 beziehungsweise 10 Grad ab. Das ist rechtswidrig und betrügerisch“, so Resch.

Die DUH hatte ihre Messungen diesmal in die Herbst- und Wintermonate – also die Feinstaubsaison – gelegt. Habe man im Sommerhalbjahr maximal 9,2-fache Überschreitungen der Herstellerangaben ermittelt, so sei in der kälteren Jahreszeit eine Überschreitung um das 17-fache festgestellt worden. „Zwei der drei schmutzigsten Fahrzeuge aus deutscher Produktion stammen aus dem Hause Daimler“, stellt Jürgen Resch fest. Es handelt sich dabei um die Modelle Mercedes B 180 d sowie Mercedes C 220 d. Ersteres Fahrzeug lag bei dem auf der Straße gemessenen Stickstoffdioxid-Ausstoß bei 1039 Mikrogramm, das zweite Modell bei 770 Mikrogramm. An der Spitze der Diesel mit den höchsten gemessenen Schadstoffwerten rangiert ein Fiat 500 X 2.0 Cross mit Allradantrieb- mit 1380 Mikrogramm.

Manfred Niess: „Der Diesel ist ein deutscher Irrweg“

Die DUH sowie das Klima- und Umweltbündnis Stuttgart (KUS) fordern daher nun von der Politik ein Einfahrverbot nach Stuttgart und in andere Innenstädte für alle Diesel, die im Straßenbetrieb die Jahresgrenzwerte nicht einhalten. Manfred Niess, Feinstaubkläger und Sprecher des KUS, sagte, die von 2018 an drohenden Fahrverbote seien das Resultat von Politikversagen und des „Betrugs der Autoindustrie“. Zugleich widersprach er Regierungschef Winfried Kretschmann (Grüne), der im Dieselmotor eine Brückentechnologie auf dem Weg ins Zeitalter des Elektroautos sieht: „Der Diesel ist ein deutscher Irrweg und kann für die heimische Automobilindustrie existenzgefährdend sein“, so Niess unter Hinweis auf ab 2020 geplante generelle Dieselfahrverbote in Athen, Madrid, Paris oder Mexiko City. Was die Umweltschützer besonders ärgert: Technisch ist es für die Hersteller sehr wohl möglich, Dieselmotoren zu produzieren, die die Stickstoffdioxid-Grenzwerte einhalten. Das zeigt etwa der Mercedes E 200 d, den die DUH ebenfalls getestet hat. Das Fahrzeug lag mit 43 Mikrogramm Stickstoffdioxidausstoß deutlich unter dem zugelassenen Grenzwert. „Die Motoren umzurüsten, ist technisch nicht schwer, aber teurer – und schmälert den Gewinn der Autoproduzenten“, so Resch. Niess sekundiert: „Nicht die Fahrverbote bedeuten eine Enteignung der Autofahrer, wie die Landtags-SPD behauptet, sondern der Etikettenschwindel der Hersteller.“

Umweltschützer sehen Zusammenhänge zwischen Grippewelle und Luftverschmutzung

Auf der Pressekonferenz forderten das KUS, der Verkehrsclub Deutschland, der BUND sowie die Arbeitsgemeinschaft Verkehrslärm Region Leonberg zudem erneut den Landesgesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) auf, die gesundheitlichen Bedrohungen durch die Luftschadstoffe nicht zu verharmlosen. Einer selbst gefertigten Untersuchung zufolge gebe es Korrelationen zwischen der Grippewelle 2016/2017 und Smog im gesamten Ballungsraum Stuttgart. Diesem Verdacht müsse das Ministerium nachgehen.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: