Große Dübel aus verzinktem Stahl bilden die Basis für die Trägerstruktur der Mooswand an der B 14. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Am Montag hat der Praxistest entlang der Bundesstraße 14 beim Neckartor mit dem Aufbau der Mooswand begonnen. Doch der Standort ist für die Pflanzen auch ein Stresstest.

Stuttgart. - Moose bedecken die Erde schon seit 400 bis 450 Millionen Jahren. Weil ihre Oberfläche im Verhältnis zum Volumen riesig ist und sie Staub gut binden können, sollen sie entlang des Feinstaub-Schwerpunkts Neckartor helfen, die übergroße Belastung zu senken. Am Montag ist mit dem Aufbau einer Trägerstruktur für die 100 Meter lange und rund drei Meter hohe Mooswand der Startschuss für den Praxistest gefallen.

Bis Mitte März soll die grünliche Wand mit vorwiegend Grauem Zackenmützenmoos (Racomitrium canes­cens) stehen. Außerdem werden auf rund 100 Meter Länge auf dem Boden zwei Meter breite Moosmatten entlang der Cannstatter Straße installiert. Den Aufbau übernimmt die Vertiko GmbH aus Kirchzarten, die sich auf Fassaden- und Dachbegrünungen auch mit Moosmatten spezialisiert hat . „Wir kultivieren die Moosmatten selbst“, sagt Stefan Brandhorst, der Vertiko-Geschäftsführer.

Die Bedingungen an der Straße sind hart

Dass Moose ein enormes Aufnahmevermögen haben und sie Feinstaub wohl auch abbauen können, konnte in Laborversuchen nachgewiesen werden. Ob die grüne Wand den „Industriebedingungen“ an der B 14 standhält, soll sich im einjährigen Test erweisen. Um den Stress für die Pflanzen zu mindern, werden sie je Stunde für eine Minute mit einem Sprühnebel bewässert. Eine feines Netz über den Pflanzen soll zudem Schatten spenden. Pro Kubikzentimeter Pflanze ergibt sich laut Brandhorst durch die feine Verästelung und Faltung eine Oberfläche von 1700 Quadratzentimetern. Darin verfängt sich der Feinstaub. Ein Großteil von dessen anorganischen Bestandteilen soll durch die Moose aufgelöst werden. Ein symbiotisch auf den Moosen lebender Bakterienrasen soll die organischen Bestandteile des Staubs zersetzen.

In den Praxistest, der von der Stadt mit 388 000 und vom Land mit 170 233 Euro finanziert wird, sind das Naturkundemuseum und das Institut für Feuerungs- und Kraftwerkstechnik der Uni Stuttgart eingebunden. An der Tragkonstruktion der Wand haben Tiefbauamt und das Institut für Tragkonstruktionen und konstruktives Entwerfen der Uni Stuttgart mitgewirkt.

Blick durch das Elektronenmikroskop

Das Institut für Feuerungs- und Kraftwerkstechnik hat bereits vor fünf Monaten mit Luftmessungen an der Parkseite der Straße begonnen. Damit habe man Vergleichsdaten gesammelt, sagt der promovierte Ingenieur Ulrich Vogt, der am Institut die Abteilung Luftreinhaltung leitet. An insgesamt vier Standorten sollen vor und hinter der Mooswand künftig Feinstäube mit der Partikelgröße zehn und 2,5 Mikrometer erfasst werden, außerdem ultrafeine Stäube und über Passivsammler und einen im Schlossgarten stehenden Container mit Schlauchansaugung ebenfalls Stäube und Stickoxide. Die Werte werden untereinander und mit denen verglichen, die die Landesanstalt für Umwelt und Messungen gegenüber vom Neckartor erhebt.

Einen wissenschaftlichen Blick auf die Pflanzen wirft Martin Nebel vom Naturkundemuseum. Der promovierte Biologe mit dem Schwerpunkt Botanik, eigentlich schon pensioniert, wird wöchentlich Proben aus der Wand entnehmen. Der Blick durch das Elektronenmikroskop soll die dann aufgetretene Belastung offenlegen. Dann sollen die Moose in Umgebung mit reiner Luft weiter wachsen, und ihr Appetit auf die Staubteilchen soll beobachtet werden. „Wir wollen wissen, wie schnell die Teilchen abgebaut werden“, sagt Nebel. Das könnte man über die Mikroskopie im Zeitverlauf beobachten. Mit dem Versuch betrete man Neuland, „das hat man noch nie gemacht“, so Nebel. Von einer Brücke über der Bundesstraße 14 wurde Moos entfernt. Hochgerechnet auf einen Quadratmeter Moos wurden an die 300 Milliarden Feinstaubpartikel gezählt – für die Pflanzen gibt es demnach viel zu tun.

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