Das Umweltbundesamt sieht Luftreiniger, die mit UV-Strahlung arbeiten, kritisch. Dabei ist ein Mitentwickler solcher Geräte aus Remshalden überzeugt vom Nutzen solcher Geräte.
Remshalden - Man könnte den hohen, weißen Quader für eine Blumensäule halten, oder für ein schmales Regal. Wäre da nicht das Netzkabel. Ein dezentes Summen ertönt, als Jörg Weinmann es in die Steckdose steckt. Auch wenn die Kiste nicht viel lauter ist als ein Computer, tut sich im Inneren des sogenannten Air-Cleaners einiges: Verstärkt von Spezialspiegeln, zerstören UV-C-Strahlen das Erbgut von Bakterien und Viren. Eine Stunde, und die gesamte Raumluft wird umgewälzt sein.
Diese Kisten, sagt der Mit-Entwickler und Vertreiber Weinmann, hätten schon im vergangenen Jahr an Schulen eingesetzt werden können: „Sie wären ein gangbarer Weg gewesen, die Aerosol-Last auf fast Null zu reduzieren.“ Und das sage er nicht als Verkäufer, sondern als Vater zweier Schulkinder. „Das Geld, das wir in die Entwicklung gesteckt haben, holen wir ohnehin nicht wieder herein.“
Fraunhofer-Institut bescheinigt dem Air-Cleaner gute Wirksamkeit
Jörg Weinmann hat in Remshalden die Firma Simsystems – normalerweise verdient er sein Geld mit dem Bau von Flugsimulatoren für Airlines, Flugschulen und Enthusiasten. Nun liegt, auch Corona geschuldet, die Luftfahrtbranche darnieder. Weinmann tat sich mit einem Freund und Kunden aus der Schweiz, dem ebenfalls coronagebeutelten Messebauer Pascal Calzaferri, zusammen. „Wir haben dann gedacht, wir sollten zusammen etwas Sinnvolles entwickeln“, erzählt Weinmann.
Gemeinsam entwickelten die beiden Firmen den Air-Cleaner, der helfen soll, die Aerosolkonzentration in Büroräumen, Klassenzimmern und sogar Sporthallen zu reduzieren. Luft, die das Gerät verlässt, ist bis zu 99,9999 Prozent von Viren und Bakterien befreit. Calzaferri hat vom Fraunhofer-Institut testen lassen, wie effektiv sich damit die Luft in einem klassenzimmerähnlichen Raum reinigen lässt. Die Forscher stellten das Gerät in einen speziellen Messraum. Das Resultat stimmte die Macher zufrieden: 20 Minuten nach dem Einschalten war die Aerosollast um 77 Prozent, nach 50 Minuten um 71 Prozent reduziert, obwohl ständig neues Aerosol in die Luft abgegeben wurde.
UV-Strahlung wird in anderen Bereichen schon eingesetzt
Ein Luftfilter im klassischen Sinne ist der Air-Cleaner aber nicht – und genau das wird für seine Hersteller zumindest in Deutschland ein Problem. Bei herkömmlichen Luftfiltern wird die Luft durch ein Filtermedium geleitet, an dem Partikel dann hängen bleiben. Je feiner der Filter ist, desto kleinere Schadstoffe kann er herausfiltern. Allerdings müssen die Filtermedien regelmäßig gereinigt beziehungsweise ausgetauscht werden, weil sie ansonsten selbst zu Virenschleudern werden können.
UV-C-Strahlung, wie sie auch in Weinmanns Gerät zum Einsatz kommt, wird schon seit einer Weile genutzt, um zum Beispiel die Oberflächen in Schlachthöfen, Kläranlagen, Arztpraxen und Labors zu bestrahlen und damit zu desinfizieren, aber auch, um Trinkwasser von Keimen zu säubern. Doch UV-C-Strahlung löst akute und chronische Haut- und Augenprobleme aus, erregt Krebs und schädigt auch das menschliche Erbgut. „Deshalb wird der Einsatz dieser Strahlungsquellen als offene UV-C Lampe und auch in mobilen Luftreinigern vom Umweltbundesamt für den nicht gewerblichen Einsatz als kritisch betrachtet“, steht auf der Webseite der besagten Behörde. Generell sieht das Amt Luftfilter nur als Ergänzung zu aktivem Lüften.
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Dabei beteuert Weinmann, im Betrieb sei sein Air-Cleaner ungefährlich: Aus der Kiste dringe kein UV-Licht. Alles geschieht in der abgeschirmten Reaktionskammer. Diese kann nur mit Werkzeug geöffnet werden – alle 12 000 Stunden, um die Lampe zu wechseln. Mit der Strahlung kommt niemand in Kontakt. Auch das schädliche Gas Ozon, das unter bestimmten UV-C-Wellenlängen entstehen kann, ist beim Air-Cleaner – laut dem Fraunhofer-Institut – kein Thema.
Weinmann ist aber überzeugt, dass die Sichtweise des Umweltbundesamts viele öffentliche Stellen wie Schulen und Gemeinden von der Beschaffung seiner Geräte abgehalten hat. „Sie werden schlicht nicht berücksichtigt, obwohl ich ihnen unsere Air-Cleaner zum Test angeboten hatte“, sagt er.
Fördert das Land Baden-Württemberg trotzdem UV-C-Filter?
In der Schweiz verkaufen sich die Geräte wesentlich besser als hierzulande, in Deutschland kommen die Bestellungen eher aus der Industrie als von der öffentlichen Hand – „vor allem dann, wenn es viele Corona-Fälle in einem Unternehmen gab oder die bisherigen Filter zu laut waren“, sagt Weinmann. Immerhin: In Bayern gehören UV-C-Luftreiniger offiziell zu den Geräten, welche der Staat für Schulen, die Gastrobranche und Friseure zur Hälfte bezuschusst. Inzwischen hat auch das Land Baden-Württemberg 60 Millionen Euro an Zuschüssen für Luftfilter an Schulen bereitgestellt.
Laut dem SWR hat der Ministerpräsident Winfried Kretschmann „das Umweltministerium beauftragt, dass es die Geräte noch mal scannt, die auf dem Markt sind“. Das Land will den Kommunen Empfehlungen zur Anschaffung bestimmter Geräte geben. Ob UV-Filter wie die von Weinmann förderungsfähig sind, wird sich zeigen. Das Umweltministerium hat auf eine Anfrage unserer Zeitung nicht reagiert.