Die Grippe gerät nach zwei Coronawintern dieses Jahr wieder in den Blick – und nach einer neuen Studie auch der Feinstaub. Die Region Stuttgart ist besonders betroffen.
Die Grippewelle rollt, nach zwei Coronawintern wird Influenza aktuell bei 25 Prozent der neu mit Atemwegserkrankung ins Krankenhaus eingewiesenen Patienten nachgewiesen, Covid-19 nur bei 9 Prozent. Nun zeigt eine unserer Zeitung vorab vorliegende Studie des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrttechnik (DLR) und der AOK Baden-Württemberg, wie deutlich Influenzafälle mit der Feinstaubbelastung zusammenhängen.
Zwei Datenquellen wurden zusammengefügt: Die Influenzafälle unter den 4,2 Millionen Versicherten der AOK Baden-Württemberg sowie die mittels Satellit erfasste Feinstaub- und Stickoxidbelastung – jeweils für die Jahre 2010 bis 2018. Wegen umfassender Qualitätssicherung liegen keine neueren Werte vor. Dafür sind sie sogar auf Ebene der Postleitzahlengebiete verfügbar.
Doppelt so viel Feinstaub – doppelt so viele Grippefälle
Die Forscher zeigen, dass Grippefälle linear mit der Konzentration von Feinstaubpartikeln mit weniger als 2,5 Mikrometer Durchmesser (PM2.5) zusammenhängen. „Es ist bereits bekannt, dass Feinstaub und Grippe gemeinsam auftreten“, sagt der Studienleiter Jörn Rittweger vom DLR, „uns hat die Effektstärke interessiert“. Das Ergebnis: Bei im Jahresmittel 16 Mikrogramm Feinstaub je Kubikmeter Luft sind etwa 1100 Grippefälle je 100 000 Einwohner zu erwarten. Bei 8 Mikrogramm sind es rund 600.
Zu den möglichen Gründen gibt es zwei Antworten: Feinstaub stabilisiert Viruspartikel und erhöht das Infektionsrisiko, außerdem schwächt er das Immunsystem. Neben häuslichen Feinstaubquellen wie Öfen, Laserdruckern oder Zigaretten „hängt die Feinstaubbelastung in Innenräumen maßgeblich von der im Außenbereich ab“, schreiben Rittweger und Kollegen in ihrer am Freitag im Fachjournal „Environmental Health“ veröffentlichten Studie.
Was ist mit Temperatur und Stickoxid?
Nicht bestätigt wurde der vermutete Zusammenhang von Stickoxidbelastung und Grippefällen. Sehr stark ist dagegen der Einfluss der Temperatur: Im Rahmen der Saisonalität von Influenza nehmen die Grippefälle mit sinkenden Temperaturen zu. Doch auch hier könnte es einen Zusammenhang zum Feinstaub geben: Die Studienautoren weisen drauf hin, dass bei niedrigen Außentemperaturen mehr geheizt wird. In der trockenen Heizungsluft verteilt sich Feinstaub im Raum. So könnten Wetter und Feinstaub möglicherweise gemeinsam die Häufigkeit von Grippefällen erklären.
Wichtig für das Verständnis der Studie ist, dass die Feinstaubbelastung in einem Jahr kein direkter Indikator für die Zahl der Grippefälle in einem Ort ist. Stattdessen haben die Forscher lokale Einflussfaktoren herausgerechnet und den Einfluss von Temperatur oder Feinstaub separat betrachtet.
Region Stuttgart besonders belastet
Am höchsten waren die Feinstaubwerte zwischen 2010 und 2018 in der Region Stuttgart sowie um Mannheim und Kehl mit im Mittel 12 Mikrogramm Feinstaub je Kubikmeter Luft. Am niedrigsten waren sie im Hochschwarzwald mit unter 9 Mikrogramm. Allerdings schwanken die Werte im Jahresverlauf und von Jahr zu Jahr erheblich, in Stuttgart etwa zwischen 13 und 19 Mikrogramm im feinstaubreichen ersten Quartal.
Die Studie ist auch politisch relevant. Die EU-Kommission hat eine neue Obergrenze von 10 Mikrogramm Feinstaub (PM2.5) im Jahresmittel vorgeschlagen. 2018 lagen in Baden-Württemberg genau neun Schwarzwaldgemeinden darunter. Sind strengere Grenzwerte also zwingend? Sie würden helfen, sagt der AOK-Chef Johannes Bauernfeind, „aber es geht vor allem um das eigene Verhalten“. Die Krankenkasse werde die Erkenntnisse nutzen, um Ärzte bei der Aufklärung von Risikogruppen zu unterstützen.