Wer erkennen möchte, ob jemand lügt, sollte auf Kaffee verzichten, denn mit dem Koffein erhöhen sich die Zustimmungswerte. Foto: Adobe Stock/stockbob//Chaowalit Chaisongkram

Lügenexperte Markus Schollmeyer verrät, wie man erkennen kann, ob der Partner, die Partnerin oder die eigenen Kinder lügen – und wieso Männer mehr lügen als Frauen.

Stuttgart - Zwischen zwei- und 200-mal – so oft, sagen Studien, lügen Menschen in etwa pro Tag. Einig sind sich die Studien nicht, der amerikanische Psychologe Robert Feldman behauptet sogar, dass bei einer zehnminütigen Unterhaltung bereits zwei bis drei Lügen fallen. Lügen-Experte Markus Schollmeyer glaubt das nicht: „Das ist unseriös und Quatsch.“ Wie oft ein Mensch lüge, sei ganz unterschiedlich, und auch das Alter habe wenig damit zu tun, wie oft ein Mensch lügt. Dass aber Männer durchschnittlich öfter lügen als Frauen, bestätigt Schollmeyer.

 

Institut für Gerechtigkeitsforschung

Markus Schollmeyer ist Rechtsanwalt, Gerechtigkeitsforscher und Autor. Durch seine jahrelange Erfahrung als Rechtsanwalt befasste er sich immer mehr mit dem Thema Gerechtigkeit und stellte fest, dass die Ursache von Unrecht oft auf Lügen fußt. 2010 gründete er daraufhin das Institut für Gerechtigkeitsforschung, das heute an die Universität Darmstadt angegliedert ist.

Zuletzt war der 52-jährige in der Sat.1-Talkshow „Ungelogen – das ehrlichste Gespräch deines Lebens“ zu sehen, in der er analysierte, ob die geladenen Paare lügen. Er hat schon mehrere Bücher geschrieben, zuletzt „Lüg mich nicht an!“, in dem er erklärt, wie man herausfinden kann, ob andere etwas verheimlichen.

Lügenbehaftet: Geld und Sex

„Die Wahrheit zu sagen heißt immer auch, sich selbst zurückzunehmen“, erklärt Schollmeyer. Und darin liege die Ursache fürs Lügen, denn wer lügt, muss auch Gegendruck aushalten. „Am meisten wird gelogen, wenn es ums Geld geht oder um Sexualität“, weiß er.

Beim Geld gehe es darum, Vorteile zu erlangen, zu betrügen, die Sexualität betreffend etwa beim Outing. Statt des Alters sieht er eher den Status für entscheidend, ob jemand öfter lügt: „Je höher der ist, desto eher lügt man, denn mit höherem Status hat man auch mehr zu verlieren.“ Zum Beispiel den Seitensprung eines verheirateten Mannes, der verheimlicht wird, weil im Falle einer Scheidung auch finanzieller Verlust droht.

Experte: Notlügen gibt es nicht

Wieso Männer öfter lügen als Frauen, sieht Schollmeyer im gesellschaftlichen Druck begründet: „Männer denken, sie müssten perfekt sein, wollen ihre Person aufwerten, vielleicht ihren Arbeitsplatz schützen.“ Das liege auch daran, dass es keine Fehlerkultur gebe in Deutschland. In Teilen Afrikas etwa werde darüber gelacht und gesagt, dass es nächstes Mal besser werde. In einem solchen Klima gebe man Fehler leichter zu, resümiert Schollmeyer. Notlügen gibt es für den Lügenexperten nicht. Auch nicht auf die Frage von Partner oder Partnerin, ob man sie dick finde, denn auch hier gehe es nur um den eigenen Vorteil, um Konfliktvermeidung. Und er plädiert dafür, auch beim Small Talk offen zu sagen, wenn es einem nicht gut gehe.

Digitalisierung verändert Wahrheit

Die Frage „Wie geht’s dir?“ verkomme immer mehr, stellt er fest, man sei nur noch wenig daran interessiert, wie es der anderen Person wirklich gehe. Ist die Frage nicht ernst gemeint, dürfe man auch lügen, denn auf Belangloses gebe es keine Notlügen. Mit der Digitalisierung verändere sich der Wert der Wahrheit, wie Schollmeyer es nennt. Auf den sozialen Medien werden Bilder bis zur Unkenntlichkeit bearbeitet, auf Dating-Plattformen bei der Größe geschummelt. Doch die digitale Welt im Netz mache Lügen auch leichter beweisbar.

Wie aber erkennt man, ob jemand die Wahrheit sagt? „Der erste Schritt, um Lügen zu erkennen, ist, den Kopf frei zu machen“, beginnt Schollmeyer. Es gehe darum, Vorurteile wegzuschieben oder sich derer bewusst zu sein und objektiv wahrzunehmen – schlechte Erfahrungen in der Partnerschaft etwa.

Kaffee erhöht die Zustimmungswerte

Kommen Partner oder Partnerin beispielsweise jede Woche später aus dem Büro, gelte es weder optimistisch zu denken, dass der Partner einen bestimmt nicht betrügen würde. Aber auch pessimistisch sollte man nicht herangehen und vorverurteilen, nur weil man etwa schlechte Erfahrungen gemacht habe. Man solle objektiv bleiben und nachfragen und die eigene Wahrnehmung nicht für die Wahrheit halten.

Ein Tipp des Experten: Auf Kaffee verzichten, denn mit dem Koffein erhöhen sich die Zustimmungswerte. Er empfiehlt daher auch, beim ersten Date nicht unbedingt Kaffee trinken zu gehen. Dass sogenannte Mentalisten anhand der Körpersprache oder der Blickrichtung erkennen können, ob jemand lügt, sei Unsinn.

Eine Methode wie ein Lügendetektor

Für das weitere Detektivspielen hat Schollmeyer eine eigene Methode entwickelt und auch schützen lassen. Die BACON-Methode, die vom Prinzip her wie ein Lügendetektor funktioniert, steht für „Baseline“ und „Context“. Ersteres beschreibt, wie eine Person ist – ob sie etwa ruhig ist, emotional, aufbrausend, nah am Wasser gebaut, ob sie viel oder wenig redet, intro- oder extrovertiert ist.

Kennt man jemanden nicht gut, kann man die Baseline ermitteln, indem man der Person verschiedene Fragen stellt und so versucht, ihren Charakter herauszufinden. In seinen Trainings bestimmt Schollmeyer die Baseline, indem er die Person an einen Polygrafen, einen Lügendetektor, anschließt. Bei Zweiterem, dem „Context“, geht es um die Situation und den Kontext, in dem sich eine Person bewegt.

Fakten versus Lügen

„Verhält sich dort jemand stark anders als sein Charakter, kann das darauf hindeuten, dass die Person lügt“, erklärt der Experte. Ist etwa jemand sonst stark emotional, reagiert aber bei einer Konfrontation nicht emotional. Wenn jemand, der sonst viel redet, plötzlich stumm ist, wenn er oder sie auf etwas angesprochen wird. Oder umgekehrt, wenn jemand Ruhiges auf einmal viel redet – all das kann darauf hindeuten, dass jemand nicht die Wahrheit sagt. Die BACON-Methode soll so Verzerrungen durch die Wahrnehmung verhindern.

Die Methode sei neben Partner oder Partnerin ebenso auf Kinder anzuwenden. „Kinder verstellen sich seltener“, erläutert er. „Wenn Eltern ihr Kind gut kennen, ist es bei ihnen leichter zu erkennen, ob sie lügen, als bei anderen Erwachsenen.“ Kinder seien zudem weniger abgebrüht. Unterscheiden sich jedoch Charakter und Kontext gemäß der BACON-Methode, ist das noch kein Beweis für eine Lüge. Beweisbar sind Lügen nur durch Fakten. Sein Tipp daher, wenn man das Gefühl habe, dass der Partner, das Kind oder jemand anderes einem etwas verheimlicht: „Fragen Sie, ob Sie ihn oder sie abholen sollen, und fahren Sie hin, auch wenn es verneint wird. Fragen Sie dann hinterher, wo er oder sie war, und vergleichen Sie das mit dem, was Sie gesehen haben.“