Das Gebäude steht leer, eine schnelle Wiederbelebung scheint ausgeschlossen. Foto: Simon Granville

Seit über einem Jahr steht das Gästehaus des Internationalen Bundes in Ludwigsburg leer. Die Anlage ist vermüllt, ein Obdachloser ist eingezogen. Bis auf dem Gelände wieder Leben einkehrt, könnten Jahre vergehen – das liegt vor allem an einem Problem

Silvesterraketen, Bierflaschen und Kartons. Es wirkt, als habe jemand auf dem Gelände des alten Jugendgästehauses eine große Party gefeiert – nur aufgeräumt hat niemand. Seit rund eineinhalb Jahren steht das Gebäude im Ludwigsburger Stadtteil Eglosheim leer, das 2100 Quadratmeter Grundstück ist verlottert, Schilder verbieten das Betreten des Privatgeländes. Offensichtlich hat hier dennoch ein obdachloser Mensch Unterschlupf gefunden.

 

„Eigentlich lief es in den letzten Jahren ganz gut in Eglosheim“, sagt ein Passant, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Durch städtische Entwicklungsprogramme seien viele Gebäude saniert, dem Stadtteil neues Leben eingehaucht worden. „Eglosheim hat sich herausgeputzt, das hier ist ein Rückschritt, ein kleiner Schandfleck“, sagt der 63-Jährige und zeigt auf das alte Jugendgästehaus. Er würde sich wünschen, dass das Gelände wieder genutzt wird, „zum Beispiel für sozialen Wohnungsbau“.

Keine Zukunft für Instrumentenbauer

Fast 60 Jahre hat der Internationale Bund im Herzen des Ludwigsburger Stadtteils Eglosheim ein Wohnheim betrieben – nun sorgt das leer stehende Gebäude bei einigen Anwohnern für Unmut. Auch Ludwigsburgs Baubürgermeisterin Andrea Schwarz hofft, dass auf dem Gelände bald eine neue Nutzung für die Gemeinschaft entsteht. Schnelle Lösungen wird es aber nicht geben: Der Grund ist eine Stromleitung.

Im Jahr 1964 eröffnete der gemeinnützige Internationale Bund (IB) in der Eglosheimer Hirschbergstraße eine Unterkunft für Berufsschüler aus aller Welt. Größtenteils wohnten dort junge Menschen, die eine Ausbildung zum Instrumentenbauer machten. Mitte des Jahres 2023 schloss der IB den Standort. Das Gästehaus sei defizitär gewesen, sagt IB-Finanzgeschäftsführer Frank Hofmann auf Nachfrage unserer Zeitung.

„Es wären zudem umfangreiche Sanierungen und Investitionen nötig gewesen, die sich nicht haben refinanzieren lassen.“ Das Gelände ist aktuell noch per Erbbaupacht im Besitz des IB, werde aber zeitnah zurück in den Besitz der Stadt Ludwigsburg übergehen, sagt Andrea Schwarz.

Während der IB den Standort in Eglosheim aufgegeben hat, blühte der Stadtteil auf. Die Stadtteilentwicklung in Eglosheim (STEP) und das Projekt Soziale Stadt setzten viele Impulse in dem Viertel, das lange mit großen und günstig gebauten Wohnblocks in Verbindung gebracht wurde. Die Stadtverwaltung zeigte in den vergangenen zehn Jahren immer wieder Präsenz, veranstaltete Stadtteilbegehungen und Stadtteilkonferenzen. „Über Jahre haben wir Kraft und Zeit investiert“, sagt Andrea Schwarz. Sie sieht deutliche Fortschritte in der baulichen und sozialen Struktur Eglosheims.

Bei den Beteiligungen der Bürger wurde deutlich, dass die Aktivierung von Leerstand, neue Einkaufsmöglichkeiten, mehr Betreuungsplätze, ein Repair Café oder eine neue Musikschule auf der Wunschliste ganz oben stehen. Alles Möglichkeiten für die frei werdende Fläche des ehemaligen Jugendgästehauses.

„Wir haben die Fläche natürlich schon in Augenschein genommen und überlegt, was wir damit machen können“, sagt Andrea Schwarz. Im Bebauungsplan ist ein Kinderhort vorgesehen, eine neue Kita sei also eine nahe liegende Idee, sagt die Baubürgermeisterin. „Aber einfache Grundstücksentwicklungen gibt es allgemein nicht mehr.“ Und auf diesem Gelände komme dann noch ein Problem erschwerend hinzu, sagt Schwarz: die Hochleitungsstromtrasse.

Stromleitung unter die Erde?

Die Leitung, die aus dem Südwesten über Eglosheim hinweg in Richtung Monrepos verläuft, hat schon in der Vergangenheit für bauliche Schwierigkeiten im Stadtteil gesorgt. Seit 2013 ist es verboten, neue Gebäude unter Stromtrasse zu bauen, die „zum dauerhaften Aufenthalt von Menschen bestimmt sind“, schreibt das Bundesamt für Strahlenschutz.

Es sei eine riesige Herausforderung, doch die Stadt werde versuchen, das Gelände trotz der Hochleitung zu entwickeln. Das könnte auch bedeuten, dass die Stromleitung unter die Erde muss. Der Bau einer Kita steht also noch in den Sternen und wird – wenn überhaupt – erst in Jahren beginnen. Vorher geht das Grundstück erst einmal wieder in die städtische Hand, und das 60 Jahre alte Gebäude wird abgerissen.

Der Bund und das Müll-Problem

Internationaler Bund
Der Internationale Bund (IB) ist ein freier Träger der Jugend-, Sozial- und Bildungsarbeit. Er wurde 1949 gegründet und ist eine gemeinnützige Organisation, die sich für soziale Gerechtigkeit, Chancengleichheit und die Förderung von Bildung sowie Integration einsetzt. Im Kreis Ludwigsburg betreibt der IB ein Berufliches Schulzentrum in Asperg.

Müll
Der IB wehrt sich gegen den Vorwurf der Vermüllung des Grundstücks. Ein Sicherheitsunternehmen sei beauftragt, das Gelände zu kontrollieren, sagt IB-Geschäftsführer Frank Hofmann. Die Gartenpflege wurden an einen Dienstleister vergeben. Der Obdachlose, der auf dem Gelände Unterschlupf gefunden hat, wurde laut Hofmann gebeten, das Privatgrundstück zu verlassen. Wenn Informationen über Müll oder ungebetene Gäste vorliegen, reagiere der IB direkt, so Hofmann.