Im Raserprozess schildert Selins Schwester ihre Trauer und den Verlust. Derweil zeigt eine Gerichtsmedizinerin: Die beiden Frauen hatten bei dem Aufprall mit 127 km/h keine Chance.
Die beiden getöteten Frauen Merve (23) und Selin (22) verloren augenblicklich das Bewusstsein, als der wegen Mordes angeklagte Raser G. ihren Ford Focus am Abend des 20. März 2025 vor der Aral-Tankstelle an der Schwieberdinger Straße in Ludwigsburg regelrecht abschoss. Das geht aus dem medizinischen Gutachten hervor, das am 14. Verhandlungstag des Ludwigsburger Raserprozesses vor dem Landgericht Stuttgart präsentiert wurde.
Es war der letzte Tag der Beweisaufnahme – und noch einmal ein sehr emotionaler. Die Schwester der getöteten Beifahrerin erhielt die Gelegenheit, an Selin zu erinnern. „Sie war ein lebensfroher Mensch und hat jeden zum Lachen gebracht“, sagte sie. Selin sei für sie nicht nur Schwester, sondern auch beste Freundin gewesen, obwohl sie acht Jahre jünger war. „Ihr Bett steht gegenüber von meinem Bett.“
Für die Familie habe nach dem Unfall eine Leidenszeit begonnen, die bis heute anhält. Ihre Arbeit als Friseurin habe sie sechs Monate lang nicht ausüben können, erzählte die Schwester. Alle drei bis vier Wochen gehe sie zu einem Psychologen. Ihre Eltern können nach dem Schicksalsschlag nicht mehr arbeiten und leiden unter Depressionen, berichtete sie.
Merve wollte Selin mit einem Abendessen überraschen
Am Unfallabend habe die Schwester, wie sie selbst darlegte, nur noch geschrien und musste nach Hause gefahren werden, nachdem Polizisten ihr den Tod ihrer Schwester mitgeteilt hatten. Nur 15 Minuten vor dem Zusammenstoß habe Selin ihr in einem Video-Telefonat aus dem Auto heraus von ihrem ersten Probetag als Medizinische Fachangestellte berichtet. Merve habe sie mit einem Abendessen überraschen und sie noch einmal sehen wollen, weil Selin nicht mit zu Merves Junggesellinnenabschied nach Portugal mitfliegen konnte.
Gutachterin: Die Frauen waren beide sofort bewusstlos
Im Mittelpunkt des Prozesstags stand wenig später der Bericht der Gerichtsmedizinerin Adina Schweickhardt aus Tübingen. Die Leichen von Merve und Selin waren obduziert worden – aus Rücksicht ordnete der Vorsitzende Richter Norbert Winkelmann an, die Fotografien nicht im Gerichtssaal zu zeigen. Aber allein schon die mündlichen Erklärungen Schweickhardts zeichneten ein verheerendes Bild.
Die Wucht des Aufpralls mit 127 Kilometern pro Stunde ließ den beiden Frauen im Ford Focus keine Chance, so Schweickhardt. Die 1,53 Meter große Merve habe durch die heftige seitliche Beschleunigung ihres Körpers unter anderem ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten. „Sie war sofort bewusstlos“, erklärte die Medizinerin.
Die massive Seitenbeschleunigung von 160 g – also das 160-fache der Erdbeschleunigung – führte dazu, dass auch die 1,66 Meter große Selin sofort tödlich verletzt worden sei, erklärte die Gerichtsmedizinerin. Zum Vergleich: Formel‑1‑Fahrer erleben bis etwa 5 g in Kurven, Kampfjet-Piloten etwa neun g – 160 g treten nur bei extremen Unfällen als kurzer Spitzenwert auf.
Auch wenn sofort Ärzte zur Stelle gewesen wären, hätten sie Merve und Selin nicht mehr helfen können. „Es gab keine Überlebenschance“, erklärte Gerichtsmedizinerin Adina Schweickhardt.