In und um Ludwigsburg gibt es 27 Regenüberlaufbecken, die voll automatisiert und unbemerkt von der Bevölkerung eine wichtige Funktion erfüllen – das ganze Abwassersystem hängt daran.
Rund 80 Meter von der Häusergrenze im Ludwigsburger Stadtteil Oßweil entfernt liegt eine unscheinbare Wiese mit einer Senke, in der eine Weide wächst. Das Gras reicht einem bis zum Oberschenkel. Viel sieht man nicht, auch deshalb erschließt sich vielen Bürgerinnen und Bürgern die Bedeutung des Geländes nicht.
Immer wieder würde die Stadtentwässerung Post bekommen, dass man doch den Zaun wegmachen solle, damit mehr Platz für die Hunde sei. „Sie schreiben: Regen haben wir da noch nie gesehen“, erzählt Jörg Herrmann von der Stadtentwässerung. Das Gebiet ist Teil eines Muldensystems, in dem der Regen aufgefangen wird. „Damit Lebensräume nicht einfach weggespült werden, lassen wir das Wasser gezielt ablaufen“, erklärt Herrmann. Während sich in der Mulde nur Frischwasser sammelt, gibt es drei Minuten Fahrtweg entfernt eine Anlage, die nicht nur Regenwasser auffängt und damit eine besondere Bedeutung für den Gewässerschutz hat.
Nicht mehr als 90 Liter in der Sekunde
Dort liegen zwei große, aneinander liegende Betonbehälter, die aus der Luft aussehen wie eine graue Brille. Ein Regenüberlauf wie dieser, auch Mischwasserentlastung genannt, ist ein Bauwerk, welches das Abwasser aus einer Siedlung in eine Kläranlage und bei Überschuss in ein Gewässer lenkt.
In Ludwigsburg läuft das wie folgt: Das Wasser, das in Oßweil in den Abfluss fließt – sei es Duschwasser, Wasser aus der Waschmaschine oder Toilette – sowie das Regenwasser werden durch die Kanalisation und durch diese Becken geleitet. Hinter der Anlage befindet sich ein Gerät, das misst, wie viel Liter durchfließen. Sind es mehr als 90 Liter in der Sekunde, schließt sich ein Schieber stückweise, bis sich das Wasser anfängt, in den Becken zu stauen. Das Landratsamt gibt zum Schutz der Gewässer die Menge vor, die gleichzeitig in die Kläranlage fließen darf.
Sind beide Behälter voll, öffnet sich eine Klappe, und das Wasser fließt in den knapp ein Kilometer entfernten Neckar. Das bedeutet, wenn es besonders viel geregnet hat, läuft das Toilettenwasser direkt in den Fluss? „Sehr verdünnt“, sagt Michael Blumer, Leiter der Kläranlagen. Ungefähr 30- bis 40-mal im Jahr regnet es so stark, dass die 1540 Kubikmeter fassenden Becken nicht ausreichen. Der Sauberkeit des Neckars mache das nichts aus, sagt Blumer.
Die ganze Anlage ist hochautomatisiert, in den Becken sind Sensoren, eine Kamera zeigt auf den direkten Tunnel zum Neckar, zwischen den Becken wurde ein Regenmesser installiert. „Wir müssen dem Landratsamt regelmäßig Bericht erstatten“, sagt Jörg Herrmann.
Gleichmäßiger Regen wäre für das Becken am besten
Was auffällt: Anders als angenommen, riecht es auf dem Gelände nicht unangenehm. Das würde sich ändern, wenn es mehrere Wochen nicht regnet, erklärt Michael Blumer. Dann sammelt sich der Schmutz im Kanalsystem und beginnt zu faulen. „Perfekt ist, wenn sich der Regen gleichmäßig verteilt“, sagt Blumer. Dann könne das Wasser kontrolliert in die Kläranlage geleitet werden, und in den Kanälen setze sich nichts ab. Bleibt viel Schmutz am Boden der Becken zurück, wird er mit einem Hochdruckspülwagen abgepumpt.
Gäbe es die Regenüberlaufbecken nicht, wäre die Kläranlage mit der Menge an Mischwasser überlastet und das Wasser und somit auch der ganze Dreck, der sich in der Kanalisation sammelt, würde direkt in die Gewässer fließen. „Das war früher so, bis man gemerkt hat, dass die Gewässerqualität viel schlechter wird“, sagt Herrmann.
27 solcher Regenüberlaufbecken gibt es in Ludwigsburg, 21 davon befinden sich unterirdisch. Dadurch bleibt die Arbeit der Mitarbeiter der Stadtentwässerung und der Kläranlagen für die Bevölkerung größtenteils unbemerkt. Mehr Wertschätzung, mehr Anerkennung für seine Arbeit braucht Jörg Herrmann nicht. Er weiß, was er für den Gewässer- und Umweltschutz leistet. „Aber ich wünsche mir von manchen Bürgern das Verständnis, dass die Abwasserbeseitigung eine gemeinsame Aufgabe ist“, sagt er. Jedes Gebäude besitzt eine spezielle Infrastruktur für Abwassertechnik, die mit den Regenüberlaufbecken und Kläranlagen ein zusammenhängendes System ergibt. „Das ist also nicht nur eine Aufgabe der Stadt“, so Herrmann.