Seit Januar ist Dirk Keuthen Marstall-Manager – und kämpft gegen das alte Image des 2015 runderneuerten Centers. Foto: factum/Granville

Händler klagen über zu wenig Kunden, Reserved hat gekündigt. Das ist die eine Seite. Die andere: Die Umsätze im Ludwigsburger Marstall-Center steigen, und mit Decathlon kommt ein Schwergewicht. Der neue Manager Dirk Keuthen erklärt, was gut läuft – und was weniger.

Dirk Keuthen hat einen kurzen Weg zur Arbeit. Der 43-Jährige lebt im Marstall-Wohnturm und arbeitet einige Etagen tiefer – seit Januar ist er Manager der Mall in der Ludwigsburger City. Der gebürtige Hamburger redet schnell, wirkt sympathisch, überzeugend – vor allem aber energisch. Energie wird er brauchen, wenn er seine Ziele erreichen will. Im Interview spricht Keuthen über das alte Image und die neue Aufgabe des Marstall-Centers, den harten Wettbewerb in der Region und darüber, ob Einkaufszentren schon bald nicht mehr gebraucht werden.

Herr Keuthen, wie geht es dem Marstall?

Gut, vielen Dank.

Spricht man mit Händlern, sagen einige: So richtig gut läuft es nicht.

In der Fußgängerzone sind sicher auch nicht alle Einzelhändler rundum zufrieden, wofür es unterschiedliche Gründe gibt. Wir haben einige große Mieter, und die entwickeln sich sehr positiv. Das ist für uns ein wichtiger Indikator. Die Kundenfrequenz im Marstall steigt und der Gesamtumsatz ebenfalls. Ich will nicht verhehlen, dass es noch Herausforderungen gibt, aber ich bin guter Dinge. Das Marstall wird weiter wachsen.

Was ist die größte Herausforderung?

Sicherlich die Historie des Centers, das viele Jahre eine Brache war. Das hängt immer noch nach. Was zehn bis 15 Jahre praktisch nicht existiert hat, lässt sich nicht in drei Jahren auf links drehen.

Die ECE hat mehr als 100 Millionen Euro in das Haus investiert. Vor allem unter der Woche wirken die Ladenpassgen aber oft leer.

Leer ist es sicher nicht: Wir haben werktags durchschnittlich 15 000 Kunden, an Samstagen 25 000, Tendenz steigend.

Aber die ECE hatte sich mehr erhofft.

Man muss vorsichtig sein. Die Markteinführung eines Einkaufszentrums dauert bis zu fünf Jahre, wir sind noch in dieser Phase – und bei der Kundenfrequenz da, wo wir zu diesem Zeitpunkt sein müssen.

Wie lautet das langfristige Ziel?

Das nur an einer Zahl festzumachen wäre gefährlich. Wir wünschen uns eine weitere Steigerung der Frequenz, das ist klar, denn die Frequenz wirkt sich eins zu eins auf den Umsatz aus.

Reserved ist weg – was nun?

Reserved hat offenbar nicht mehr an das Marstall geglaubt. Die Modekette hat das Center verlassen.

Reserved hat eine hohe Filialdichte in der Region und den Standort Ludwigsburg deswegen aufgegeben – das hat das Unternehmen selbst so erklärt. Für uns ist das natürlich erst einmal kein schöner Zustand, wenn 1800 Quadratmeter plötzlich leer stehen. Aber jetzt stellt sich heraus, dass daraus etwas Gutes wird: Noch in diesem November eröffnet an der Stelle Decathlon. Für uns ein riesiger Glücksfall.

Warum?

Decathlon wird ein Gewinn für ganz Ludwigsburg als Einzelhandelsstandort sein. Die Marke ist sehr erfolgreich mit Sportgeräten und Sportbekleidung, aber nicht oft vertreten in der Region. Die Filiale im Marstall wird also überregional Kunden anziehen. Wenn Menschen künftig vor der Wahl stehen, ob sie zum Shoppen nach Ludwigsburg oder Stuttgart fahren – das kann ein Grund sein, sich für Ludwigsburg zu entscheiden.

Dafür fehlt dann halt Reserved.

Ja, sicher. Wir haben hier 26 000 Quadratmeter Verkaufsfläche, das ist nicht wenig, und 70 Geschäfte. Wir müssen uns also fortlaufend Gedanken machen, wie wir den Mix gestalten. Mode ist und bleibt ein Faktor. Aber ich glaube, dass es nicht verkehrt ist, wenn wir andere Bereiche stärken.

Welche?

Ganz banal: Uns fehlt eine Apotheke, daran müssen wir arbeiten. Oder ein Blumenladen. Das Geheimnis des Erfolgs für das Marstall ist, die Nahversorgungsfunktion auszubauen. Wir sind in der Stadt. Das ist unsere Stärke, die wir ausspielen müssen.

Zeichnen sich weitere Wechsel in der Größenordnung von Reserved zu Decathlon ab?

Nein. Wir haben einen Leerstand, der bis Ende des Jahres von einem Dienstleister für medizinische Kosmetik gefüllt wird.

Ist das der Grund für den Wechsel im Management: Sollen Sie nach ihrer Vorgängerin für neue Impulse sorgen?

Nein. Die ECE betreibt Shoppingcenter in der ganzen Republik. Dass Center-Manager häufiger den Standort wechseln, ist nicht unüblich.

Wollten Sie nach Ludwigsburg?

Als ich gefragt wurde, habe ich sofort zugesagt. Ludwigsburg ist eine schöne Stadt und das Marstall ein wichtiger Bestandteil davon.

Inwiefern?

Man muss sich nur anschauen, was seit 2015 alles passiert ist. Hinter dem Marstall wird gerade ein Hotel gebaut. Viele Häuser und Straßen im Umfeld wurden saniert, der Reithausplatz komplett neu gestaltet. Ich behaupte mal, dass das stark mit dem neuen Marstall zusammenhängt.

Die Shishabars und Casinos sind trotzdem noch da.

Als das Marstall brach lag, hörte die Stadt quasi an der Lindenstraße auf, dahinter war nicht mehr viel. Jetzt findet eine Rückentwicklung statt, eine Aufwertung. Das dauert, aber wir merken alle: Wenn das Marstall Erfolg hat, profitiert die Stadt. Wenn die Stadt erfolgreich ist, profitiert das Marstall.

Die Ludwigsburger Fußgängerzone schwächelt

Dafür schwächelt jetzt der obere Teil der Fußgängerzone. Marstall, Wilhelm-Galerie, Breuningerland – ist das nicht ein bisschen zu viel für eine Stadt dieser Größe?

Wir haben einen starken Wettbewerb, nicht nur innerhalb von Ludwigsburg. Stuttgart ist einer der stärksten Einzelhandelsstandorte in Deutschland. Ich glaube, wir sind gut beraten, wenn wir Ludwigsburg als Ganzes betrachten und gegenüber anderen Kommunen stärken.

Wobei sich die ECE weitgehend selbst Konkurrenz macht, weil sie neben dem Marstall auch das Breuningerland und das Stuttgarter Milaneo betreibt. Ist das Breuningerland überhaupt ein Konkurrent für Sie?

Ja und nein. Es ist ein Wettbewerber. Das zu bestreiten wäre unsinnig. Aber wir tauschen uns aus, über Erfolge oder über Dinge, die nicht so gut funktionieren. Alle Einkaufszentren in Ludwigsburg haben ihre Berechtigung und sprechen unterschiedliche Zielgruppen an. Breuninger hat eine hohe Modekompetenz und verfügt über sehr exklusive Marken. Wir setzen auf das mittlere Preissegment. Die Wilhelm-Galerie hat eine sehr vorteilhafte Lage, ist aber kleiner als wir. Jedes Center hat seine Vor- und Nachteile.

Viele befürchten, dass wegen der harten Konkurrenzsituation langfristig einer auf der Strecke bleibt. Können Sie das für das Marstall, das schon einmal den Bach runterging, ausschließen? Ist das Marstall sicher?

Ich tue mich mit absoluten Aussagen immer schwer. Was ich sagen kann: Das Marstall ist sehr weit davon entfernt, nicht sicher zu sein.

Kommt die ECE womöglich irgendwann zu dem Schluss, dass der Bau von immer mehr Shoppingmalls nicht die Antwort ist, die der Handel braucht? Ihr härtester Konkurrent arbeitet nicht ums Eck, sondern im Internet. Amazon und andere graben dem stationären Handel zunehmend das Wasser ab.

Ich glaube, dass es immer Einkaufszentren geben wird. Menschen werden immer rausgehen wollen, Leute treffen, zum klassischen Einkaufsbummel. Aber das Internet ist da und geht auch nicht mehr weg, Einkaufszentren müssen sich darauf einstellen. Wir müssen noch erfindungsreicher sein und uns immer wieder fragen, wie wir attraktiv bleiben.

Konkret?

Nehmen wir unseren Gastrobereich. Da treffen sich Menschen, essen und gehen später nebenher noch shoppen. Die Freitreppe vor dem Marstall ist ebenfalls ein richtiger Treffpunkt geworden. Wir werden uns an dieser Stelle bald noch mehr in Richtung Stadt öffnen und eine Lücke im Gastrobereich schließen – auch das wird ein großer Gewinn für uns sein. Wir bieten sogar einen Fitnesskurs für Schwangere an. Auch hier: Die Mütter treffen sich, machen Sport – für sie ist das Marstall einmal pro Woche der Place to be. Das sind kleine Beispiele, wir sind ständig auf der Suche nach neuen Serviceleistungen. Nicht alles ist von Erfolg gekrönt. Aber das ist der Weg, den wir beschreiten müssen.

Karriere –
Dirk Keuthen, 43, ist gebürtiger Hamburger. Er hat nach dem Abitur eine Einzelhandelsausbildung bei Karstadt gemacht und wurde Abteilungsleiter Sport bei Karstadt in Nürnberg. Später wechselte er in den Einkauf, noch später ins Kundenmanagement einer Firma in Hamburg. Eher zufällig kam er 2013 zur ECE, für die er als Center-Manager in Heidelberg und in Darmstadt arbeitete. Mitte Januar wurde er als Nachfolger von Anne Marschner Manager des Marstalls.

Konzern
– Die ECE-Projektmanagement-Gesellschaft wurde 1965 von dem Versandhauspionier Werner Otto gegründet und befindet sich im Besitz der Familie Otto, Hauptsitz ist in Hamburg. Das Unternehmen plant, realisiert und vermietet Gewerbeimmobilien und ist nach eigenen Angaben „europäische Marktführerin im Shoppingcenterbereich“. Derzeit managt die ECE 200 Einkaufszentren, in der Region Stuttgart unter anderem das Breuningerland und das Marstall in Ludwigsburg und das Milaneo in Stuttgart.

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