Eine für den Nutzer praktisches Sache ist zur Plage geworden: Abfalleimer quellen über vor lauter Einweg-Kaffeebechern. Foto: dpa

Der Müllberg wächst zum Himmel, darum will der Ludwigsburger Innenstadtverein beim nächsten verkaufsoffenen Sonntag ein neues Zeitalter einläuten: Mehrfachgefäße sollen den Wegwerfbecher ersetzen.

Ludwigsburg - Jiwon Han hat herausgefunden, wie man verhindern kann, dass man Kaffee beim Gehen verschüttet. Die verblüffend einfache Lösung: Man muss rückwärts laufen. Dafür erhielt der Physiker jetzt von der Harvard-Universität den nicht ganz ernst gemeinten IG-Nobelpreis (IG steht für ignorable, also unwürdig). Als Forschungsobjekt diente ein herkömmlicher Plastikbecher. Einer von der Sorte, die in der Regel weniger von Langweile geplagte Physiker als vielmehr Stadtverwaltungen, Abfallentsorger und umweltbewusste Menschen umtreibt. Die Becher des To-go-Kaffees sind nicht wirklich recycelbar – und türmen sich entsorgt teils himmelhoch. Der Ludwigsburger Innenstadtverein Luis hat ihnen jetzt den Kampf angesagt.

Mit einem Rabattmodell – vergleichbar dem Flaschenpfand – will man der Becherplage Herr werden. Kernstück der Methode ist ein nach Aussage der Vertriebsfirma bis zu 500-mal wiederverwendbares Plastikgefäß. Wer Heißgetränke ausgibt, verwendet einen solchen Becher, der Kunde zahlt dafür einen Euro Pfand. Der Kaffeetrinker kann diesen Becher, sobald er leer ist, bei allen teilnehmenden Händlern und Gastronomen zurückgeben und erhält sogar für sein Getränk einen Rabatt von 20 bis 30 Cent.

Startschuss am „Shoptober“

„Der Kunde kriegt den Becher also auf jeden Fall wieder los und wird noch dafür belohnt“, sagt Laura Berner von Recup, einem Start-up-Unternehmen aus München, mit dem der Händlerverein Luis ins Geschäft kommen möchte. Wenn es mindestens zehn Akzeptanzstellen in der Stadt gebe, könne das System starten, glaubt Axel Müller. „Bis zum 8. Oktober werden wir das schaffen“, sagt der Luis-Sprecher. An diesem verkaufsoffenen Sonntag („Shoptober“) soll das System offiziell starten.

Glaubt man einer Studie, die die nordrhein-westfälische Verbraucherzentrale 2016 in Auftrag gegeben hat, werden in Deutschland pro Kopf und Jahr 60 Einwegbecher für Heißgetränke genutzt – und das im Schnitt nur 15 Minuten lang. Zum Vergleich: Die „Lebensdauer“ der mittlerweile geächteten Plastiktüte beträgt statistisch 25 Minuten. Die Abfallverwertungsgesellschaft des Landkreises Ludwigsburg (AVL) hat abgeleitet, dass die 534 074 Kreisbewohner pro Jahr 32 Millionen Plastikbecher in die Tonne oder in den Rinnstein werfen. „Wenn wir von zehn Zentimeter großen Bechern ausgehen und diese stapeln, bedeutet das, dass wir im Kreis Ludwigsburg Becher in der Größenordnung des Eiffelturms wegwerfen – und zwar stündlich“, sagt die AVL-Sprecherin Sandra Riedel. Inzwischen sei der Plastikbecher zum Symbol der modernen Wegwerfgesellschaft geworden.

Henne oder Ei?

Die Masse der Polyäthylenzylinder sei so groß geworden, dass sogar schon einzelne Anbieter von To-go-Kaffee an den Luis-Verein herangetreten seien und nach Lösungen gefragt hätten, sagt Müller. Viele Städte gehen eigene Wege, auch Ludwigsburg wollte ein eigenes System aufziehen. „Aber dann haben wir gemerkt, dass die Insel keine Lösung ist“, sagt Müller. Denn wer in Ludwigsburg mit seinem Becher in den Zug einsteige, müsse den auch wieder loswerden, egal ob er nach Stuttgart, Köln oder Berlin fahre.

Darum habe auch Recup im Frühjahr mit einer Firma in Berlin fusioniert, sagt Berner. Gemeinsam wolle man flächendeckend agieren. Innerhalb eines Jahres hat Recup 50 000 Pfandbecher in Umlauf gebracht. Die Schwerpunkte befinden sich – neben Berlin und München – in Nordrhein-Westfalen und Hamburg. In Stuttgart, Tübingen, den Kreisen Böblingen und Esslingen werden Gespräche geführt. „Aber am Weitesten sind wir in Ludwigsburg“, sagt Berner. „Das ist wie mit der Henne und dem Ei“, sagt Müller. Keiner wolle den Anfang machen, funktionieren könne es aber nur, wenn viele mitmachten.

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