Beklemmender Anblick: Die Ludwigsburger Fußgängerzone fast ohne Fußgänger. Foto: factum/Simon Granville

Not macht erfinderisch: In der Ludwigsburger Innenstadt haben einige Läden ihr Angebot und den Service ausgeweitet. Das kommt bei den Kunden gut an. Mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein kann das aber wohl nicht sein.

Ludwigsburg - Der Unverpackt-Laden Ohneplala in der Ludwigsburger Lindenstraße wirbt damit, dass es bei ihm auch Toilettenpapier gibt. Der Tee-Gschwendner in der Asperger Straße nutzt die ergraute Redewendung „Ruhig bleiben und Tee trinken“ für aktuelle Werbezwecke. Das Centermanagement des Marstall erinnert an die vielen Geschäfte im Einkaufszentrum, wo sich Dinge für den täglichen Bedarf besorgen lassen.

Die Corona-Krise macht viele Einzelhändler erfinderisch. Das sieht man auch an den vielen neuen Lieferdiensten, die jetzt plötzlich gibt.

Optik Schütt zum Beispiel bringt fertige Brillen oder Kontaktlinsen nach Hause. Der Delikatessenladen Aromakost legt seinen kostenfrei versendeten Päckchen Rabattgutscheine bei. Auch Käse Haas liefert an zwei Tagen pro Woche aus, das Haushaltswarengeschäft Lotter hat einen Bestell- und Lieferservice eingerichtet. Ebenso die Mörike Buchhandlung, die Bücher bisher nur in Ausnahmefällen persönlich zugestellt hat, weil sie das Geschäftsmodell von Amazon nicht nachahmen will.

Massive Einbußen sind kaum zu kompensieren

„Das sind viele tolle und kreative Angebote“, sagt der Citymanager Markus Fischer. Auf der neu gestalteten Homepage des Ludwigsburger Innenstadtvereins Luis und auf dessen Facebook-Seite werden all die Services und Dienstleistungen prägnant beworben. Nicht einmal Mitglied im kostenpflichtigen Verein muss ein Geschäft dafür sein. Der Lieferservice der kleinen Kaffeerösterei Bohnenstrolche zum Beispiel wird deshalb auch über Luis beworben. „In der aktuellen Situation kommt es auf Solidarität an“, sagt Markus Fischer, dem bewusst ist, dass die so generierten Einnahmen für viele Händler nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein werden.

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Der Lieferservice, den auch die Bäckerei Lutz eingerichtet hat, wird zwar gut nachgefragt, sagt Kathrin Lutz von der Inhaberfamilie. Allerdings sagt sie auch, dass diese Einnahmen die massiven Einbußen nicht annähernd kompensieren könnten. Der Bäcker verkauft in seinen zehn Läden in und um Ludwigsburg ja nicht nur Brötchen und Gebäck. Der Familienbetrieb in dritter Generation beliefert Kantinen großer Firmen, die inzwischen geschlossen sind. Er backt Kuchen und Torten für große Mitarbeiterfeiern, die jetzt abgesagt sind. Er ist Zulieferer für Cateringunternehmen, die aktuell selbst keine Aufträge haben. Und im Restaurant Gaumentanz, das Lutz in Freiberg betreibt, können kein Mittagstisch und keine Feiern mehr stattfinden. „Das kann man sich gar nicht vorstellen“, sagt Kathrin Lutz, deren Firma sich extra mehrere Standbeine geschaffen hat. Aber wenn alles wegbricht?

Keine Überlebenschance ohne Hilfen

Christoph Rieger weiß das bereits. Der Gastronom betreibt die Wirtschaft Allgäu an der Schloßstraße und das Restaurant im Heilbad im Stadtteil Hoheneck – beide hat er geschlossen, bevor die Anweisung aus Stuttgart kam. Normalerweise liefert Rieger auch das Catering für etliche Veranstaltungen, zum Beispiel im Residenzschloss. Aber auch dieses Geschäft liegt nun auf Eis. Vor zwei Wochen hagelte es Absagen, Rieger verzeichnete Einbußen von 34 000 Euro an einem einzigen Tag – passenderweise war es Freitag der 13.

Dass das vergangene Jahr für Rieger „sehr gut“ lief, hilft ihm zwar ein wenig über die Situation hinweg, „aber ohne Hilfen schaffen wir es maximal eineinhalb Monate“, schätzt der Gastronom.

Carsten Gieck formuliert es so: „Wir brauchen schnelles Geld!“ Gieck verkauft Kleidung, das Problem ist dasselbe: fehlender Umsatz. Giecks Unternehmen betreibt 17 Läden im Kreis Ludwigsburg und im Rems-Murr-Kreis. Alle sind geschlossen, die Mitarbeiter in Kurzarbeit. Was im Online-Shop nun womöglich mehr umgesetzt wird, reiche nicht aus, um die Ausfälle zu kompensieren, sagt Carsten Gieck. Er füllt nun Anträge und Formulare aus, um – „hoffentlich unbürokratisch“ – Geld aus den Hilfstöpfen von Bund und Land zu bekommen. Und er verhandelt mit den Vermietern seiner Läden, damit sie nicht auf der pünktlichen Überweisung der Miete beharren. „Die müssen zu uns stehen“, sagt Gieck. Es gehe nur miteinander.

Was kommt nach Corona?

Eine gewisse Verantwortung verspüren offenbar die Stammgäste einiger Restaurants in Ludwigsburg. „Wir hatten in den ersten Tagen circa die Hälfte des Geschäfts, das wir sonst haben“, sagt Florian Fleischmann von Lange am Markt – und meint das positiv. Die Gäste kamen und nahmen das Essen einfach mit. Trotzdem hat das Restaurant mittlerweile komplett zu, denn einen Lieferservice aus dem Boden stampfen wollten die Ludwigsburger nicht. „Wir wollten unsere Prinzipien nicht komplett über den Haufen werfen“, so Fleischmann. Plastikverpackungen sind bei Lange am Markt, wo auch Kochkurse angeboten werden, tabu – auch in Zeiten der Coronakrise. Dass die Stammgäste inzwischen jede Menge Gutscheine kaufen, sei zwar nur ein „kleiner Batzen“, aber „das motiviert die ganze Mannschaft“, sagt Fleischmann.

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Doch wie lange? Keiner weiß, wann Corona vorüber ist. Und welcher Laden danach noch da. All die ausgefallenen Einkäufe, Feiern und Restaurantbesuche nachzuholen wird nicht möglich sein. Auch aus Geldgründen. „Wenn viele Leute mal eine Weile Kurzarbeit hatten, dann sagen sich sicherlich einige: Wir kochen lieber erst mal daheim“, sagt Christoph Rieger über die Gastronomiebranche.

„Ludwigsburg hält zusammen“ lautet das Motto, unter dem Luis alle Angebote der Händler und Gastronomen bündelt. Und bestimmt ist der Verein nicht der einzige, der darauf baut, dass der Zusammenhalt noch besteht, wenn diese Hilfe über das Internet nicht mehr nötig ist.

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