Ludwigsburg Filmfestival „Natur Vision“ beginnt

Von Bernd Haasis 

Wie leben Tiere, wo brauchen sie Schutz, und worum geht es überhaupt im Leben? All diesen Fragen geht das Ludwigsburger Filmfestival „Natur Vision“ nach, das am heutigen Donnerstag beginnt.

Ludwigsburg - Ein Naturparadies liegt im Südosten Deutschlands: die Lausitz. Seltene Arten wie Elch, Fischotter und Rohrdommel tummeln sich hier, in direkter Nähe zum Braunkohlebergbau, dessen Brachen sich die Natur zurückholt. Die herzliche Annäherung von Henry M. Mix aus der Reihe „Wildes Deutschland“ ist nun beim Festival „Natur Vision“ zu sehen, das in Baden-Württemberg schnell Freunde gefunden hat: ­Ministerpräsident Winfried Kretsch­mann fungiert als Schirmherr, der ökologisch bewegte „Tatort“-Kommissar Andreas Hoppe als Festival-Pate.

Im Zentrum stehen Tierfilme. „Streifzug der Zebras“ zeigt die weiten Wanderungen der Huftiere durch die Kalahari-Wüste auf der Suche nach Futter, erforscht Harems-Strukturen und Gruppendynamik in der riesigen Herde – und auch das Gefressenwerden. Selbiges dominiert „The unlikely Leopard“: Filmstar Jeremy Irons kommentiert seltene Einblicke in die schwierige Kindheit eines Leoparden und gerät dabei ein wenig zu tief ins Psychologisieren.

Festivalleiter Ralph Thoms hat das Programm schon im Vorjahr um politische Filme erweitert. „Diese Themen werden immer dringlicher“, sagt er, „darum haben wir jetzt auch erstmals einen Umwelt- und Nachhaltigkeitspreis ausgelobt.“ Wer sich mit den Realitäten konfrontiert, kann Haarsträubendes sehen: In „Plastik – Fluch der Meere“ weisen Wissenschaftler die Verschmutzung im Pazifik nach und erklären die Folgen: Plastikmüll zerfällt im Meer in kleine Partikel, er zieht Giftstoffe an, er verseucht die ganze Nahrungskette und begünstigt die Wanderung von Organismen wie Algen und Muscheln in fremde Gefilde, wo sie gewachsene Ökosysteme durcheinanderbringen. Eine ebenso dichte Dokumentation wie „Der letzte Fang“, ein Film über die Folgen der Überfischung des europäischen Blauflossen-Thunfischs, der akut vom Aussterben bedroht ist.

Festival ist in Ludwigsburg angekommen

Um dem Kino-Format gerecht zu werden, zeigt „Natur Vision“ große Langfilmerfolge wie „More Than Honey“ und „Unser­ Wald“ noch einmal, die wirklich große Bilder zu bieten haben. Genau wie der 3-D-Animationsfilm „Konferenz der Tiere“, in dem die Vierbeiner sich gegen den Raubbau der Menschen erheben. Wieso auch die 45-Minüter, fürs Fernsehen produziert, einen Festivaleinsatz verdient haben, erklärt Programmberater Kay Hoffmann: „Wir wählen aus Reihen die herausragenden Episoden aus, die Zuschauer bekommen bei uns also komprimiert nur das Beste.“

Im zweiten Jahr in Ludwigsburg ist das Festival in der Stadt angekommen. „Wir wollen Diskussionen anstoßen über die Filme hinaus“, sagt Thoms, „wir machen Intensivarbeit mit Schulen, unser Sonderthema 2013 ist die Müll-Wiederverwertung.“ Zu diesem Themenkomplex wird es ein gläsernes Klassenzimmer geben, außerdem haben Schüler in einem Wettbewerb Filme dazu produziert. Die Gewinner werden im Rahmen der Eröffnung am Donnerstag von Landesumweltminister Franz Untersteller ausgezeichnet. Und das Festival geht selbst mit gutem Beispiel voran: Wer sechs alte CDs oder DVDs abgibt, die als Sondermüll gelten, bekommt dafür eine Eintrittskarte, wer 15 mitbringt, sogar eine Tageskarte.

„Natur Vision“-Gastland ist diesmal China, dessen enormes Wachstum bislang auch auf Kosten der Umwelt geht. „Den Menschen dort wird immer bewusster, dass es so nicht weitergehen kann“, sagt Hoffmann. „Wir zeigen sechs Filme aus China, in denen sich das spiegelt.“

Schnecken im Stuttgarter Wald und ihr Leben in Superzeitlupe

Einige Dokumentarfilme handeln von der Frage, worum es überhaupt geht im ­Leben. „What Happiness is“ zeigt den Gegenentwurf zum geschäftigen Westen: Der lange abgeschottete Himalaja-Staat Bhutan schützt sich bei seiner behutsamen Öffnung durch ein „Recht auf Glück“ – Regisseur Harald Friedl hat Staatsbeamte des Ministeriums für Glück begleitet, die im ganzen Land das „Bruttonationalglück“ messen. Florian Opitz untersucht in „Speed“, was es mit unserem Getriebensein auf sich hat, den Kontrapunkt dazu setzt Sascha Seifert in „Slow“: Er hat Schnecken im Stuttgarter Wald und ihr Leben in Superzeitlupe beobachtet, das vom Zuschauer viel Geduld fordert – garniert mit buddhistischen Weisheiten des vietnamesischen Mönchs Thích Nhât Hanh.

Ungewöhnliche Blicke nach innen bietet „Wir sind Planeten“: Der Mensch ist ein Ökosystem mit Milliarden winzigen Bewohnern, die seltsame Formen haben und dank ferngesteuerter Mikrokameras in Großaufnahmen zu sehen sind – wegen des immensen Aufwandes freilich mit vielen Wiederholungen und vielen zwischengeschalteten Schmucksequenzen.

Auf nachgestellte Szenen setzt Klaus T. Steindl in „Der Tulpen-Crash“, eine Pflanze ist hier das Objekt der Gier: 1637 platzte die erste Spekulationsblase der Menschheitsgeschichte, als der Handel mit Tulpenzwiebeln in Holland aus dem Ruder lief. Die Parallelen zur Gegenwart sind offensichtlich, allerdings musste damals nicht die Allgemeinheit für den Zockerschaden aufkommen. Die Krise wird hier anschaulich – auch wenn Steindl viel fiktionalen Anlauf braucht, ehe er zum Punkt kommt.

Viele Eindrücke bleiben, lassen hoffen – allen voran die heile Welt in dem Teil der Lausitz, den der Mensch unberührt lässt.

Adresse und Info

18. bis 21. Juli in Ludwigsburg im Central Theater (Arsenalstraße 4) und im Kino Caligari (Seestraße 25)

Karten gibt es telefonisch unter 0 71 41 / 9 92 24 80 oder im Netz bei den Kinos unter www.central-union.de und www.kinokult.de.

Informationen im Netz: www.natur-vision.de

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