Anke Barth hatte zuletzt mit mehreren Krankheiten zu kämpfen. Foto: privat

Anke Barth stammte aus Dresden, lebte aber die letzten Jahre ihres Lebens in Baden-Württemberg. Mit 80 Jahren starb sie nun nach einer Corona-Infektion. Ihre zwei Töchter trauern um sie.

Stuttgart - Den beiden Töchter lag es am Herzen, den Nachruf selbst zu schreiben – das helfe ihnen, den Tod ihrer Mutter Anke Barth (9. Juli 1940 bis 20. November 2020) besser zu verarbeiten, sagten sie. Der folgende Text stammt deshalb von Antje und Christiane Barth persönlich; am Ende schreibt alleine Antje Barth, da sie bei ihrer Mutter war, als diese starb:

In unseren dunklen Stunden machen wir uns immer noch Vorwürfe. Vorwürfe, dass wir sie nicht aus dem Altenheim rausgenommen haben, als die zweite Welle begann. Vielleicht hätten wir die Infektion dann verhindern können. Aber wohin mit unserer Mutter? Sie war 80 Jahre alt und pflegebedürftig, saß im Rollstuhl. Zu uns in die Wohnung im zweiten Obergeschoss mit Holzwendeltreppe oder in eine Ferienwohnung, das war unrealistisch. Denn wir hätten einen Pflegedienst gebraucht, weil wir, die beiden Töchter, voll arbeiten.

Sie mochte lieber Kartoffeln statt Spätzle

Unsere Mama ist vor fünf Jahren schweren Herzens von Dresden zu uns ins Schwabenländle umgezogen. Zu Hause in Dresden ging es trotz Pflegedienst und Essen auf Rädern nicht mehr alleine weiter – die Entscheidung war alternativlos. Das Pflegeheim in Ludwigsburg haben wir ausgesucht, weil es in unserer Nähe war und weil wir es bezahlen konnten. Richtig warm geworden ist sie da leider nie: Über Spätzle statt Kartoffeln und die aus ihrer Sicht wenig gesprächigen Schwaben hat sie sich oft beschwert, aber eigentlich vermisste sie vor allem ihr Dresden.

Wir haben ihr Zimmer schön dekoriert, und zu ihren kleinen Freuden gehörten die Restaurantbesuche mit uns und der einwöchige Urlaub in Dresden, der zu Ostern 2019 das letzte Mal möglich war. Wenn ich sie fragte, was sie am Wochenende gern mal essen würde, hörten wir oft „Fischbrötchen“ – dann mussten wir ihr klar machen, dass hier nicht an jeder Ecke frischer Fisch zu haben war wie auf dem Darß an der Ostsee, wo wir viele Familienurlaube verbrachten.

40 Jahre lang hat Anke Barth als Krankenschwester gearbeitet

Unsere Mama hat ihr Leben lang gearbeitet, anderen geholfen und nicht viel Aufhebens um sich selbst gemacht. Als Krankenschwester auf einer internistischen Station hat sie 40 Jahre lang aufopferungsvoll Patienten betreut und immer das Wohl ihrer Lieben im Auge gehabt. Vor allem uns beide, die Töchter Antje und Christiane, hat sie immer unterstützt und verwöhnt, sich selbst aber hat sie wenig gegönnt.

In unserer Kindheit in der DDR ist uns durch ehemalige Patienten meiner Mutter viel Gutes widerfahren, sozusagen als Tauschgeschäft für die gute Betreuung im Krankenhaus. Unser langjähriger Fernsehmonteur war ein ehemaliger Patient meiner Mutter; auch die beste Buchhändlerin der Welt, die mich, Antje Barth, während meines Studiums mit Lektüre unter dem Ladentisch versorgte, gehörte zu ihnen.

Die Scheidung war eine ganz persönliche Niederlage für meine Mutter, diese hat sie nie wirklich verkraftet und sich selbst die Schuld gegeben, obwohl ihr Mann aus unserer Sicht deutlich mehr Anteil daran hatte. Mit der daraus entstandenen Depression hat sie ein Leben lang gekämpft. Auch der Abschied aus dem Berufsleben war hart für sie: Trotz großer Verdienste und langjähriger Tätigkeit entließ sie der Arbeitgeber nach der Wende ohne Abschied in die Berufsunfähigkeit. Für sie war das eine große Enttäuschung.

Der Darß war der Sehnsuchtsort von Eltern und Kinder

Die Wende brachte unserer Mutter viele Veränderungen, nicht alle waren positiv: Wir Töchter wanderten als Hebamme und Lehrerin berufsbedingt nach Baden-Württemberg aus und blieben dort. Bis auf Kurzbesuche sollten wir nicht mehr in die alte Heimat zurückkehren. Sie musste sich allein behelfen, was sie eine lange Zeit tapfer meisterte. Unsere gemeinsamen Urlaube wurden zu Höhepunkten in ihrem Leben: Wir zeigten ihr Italien und Griechenland, sie besuchte mich während meiner beruflichen Tätigkeit in England und Schottland, und immer wieder kehrten wir gemeinsam auf den Darß zurück, wo wir schon als Kinder waren.

Und als sie sich dann selbst helfen lassen musste, meinte es das Leben nicht mehr gut mit ihr. Ein kaputtes Knie und eine Fraktur der Wirbelsäule zwangen sie in den Rollstuhl, hinzu kamen weitere komplexe Erkrankungen, ganz zuletzt noch ein gutartiger, aber nicht mehr operabler Tumor im Hirn. Auf die am Telefon täglich gestellte Frage, wie es ihr gehe, antwortete sie oft ganz knapp mit „Soweit ganz gut“, um dann sofort die Gegenfrage zu stellen: „Und dir, meine Gute?“ Jammern stand bei ihr nie im Vordergrund.

Als sie in die Klinik musste, weinte sie am Telefon

Als die Pandemie begann, wurde auch unsere Mutter im Pflegeheim weitgehend von ihrer Familie getrennt. Es gab keine Videotelefonie, und die kurzen Besuchszeiten lagen so, dass Arbeitnehmer sie kaum wahrnehmen konnten. Ende Oktober 2020 war dann unser letzter Besuch; zwei Wochen später wurde das Heim wegen Quarantäne geschlossen.

An einem Samstag wurde uns dann telefonisch mitgeteilt, dass unsere Mutter positiv getestet worden sei. Ein paar Tage später kam sie mit Atemproblemen ins Krankenhaus Ludwigsburg. Ihren Rollstuhl durfte sie nicht mitnehmen, daher war sie komplett immobil und sehr verzagt. Sie weinte am Telefon. Kurze Zeit später verlegte man sie auf die Intensivstation, die Situation war für uns lange unklar. Mal hörten wir am Telefon „stabil“, mal „nur drei Liter Sauerstoff“.

Am Ende mussten die Töchter sie gehen lassen

Endlich bekam ich über Skype kurz Kontakt, und ich war erschrocken: Sie atmete schwer, hatte einen zentralen Zugang und war ganz grün und blau am Hals. Ich bekam kaum aus ihr heraus, wie sie sich fühlte, denn sie machte sich vor allem Sorgen um meine Schwester, deren geplante Knie-OP unmittelbar bevorstand. „Pass nur gut auf sie auf“, waren ihre letzten Worte zu mir.

Vier Tage später rief mich eine Ärztin der Intensivstation in der Schule an, was ein Schock für mich war: Wir sollten uns überlegen, sagte sie, wie invasiv wir vorgehen möchten, denn nun reiche die aktuelle Sauerstoffgabe über Maske und die CPAP-Beatmung (ein Beatmungsverfahren, welches den spontan atmenden Patienten unterstützt) nicht mehr aus, und eine Intubation werde sie wahrscheinlich aufgrund ihrer Herzprobleme nicht überstehen.

Wir haben uns dann schweren Herzens entschieden, ihre strenge Patientenverfügung zu achten und sie gehen zu lassen.

Ich war bei ihr, als sie starb.

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