Die große Sinnkrise nach dem Ersten Weltkrieg ließ zahlreiche Wanderprediger heranreifen. Die schillerndste Figur damals: Ludwig Christian Haeusser, Sohn eines Bönnigheimer Weinbauers.
Bönnigheim - Er war irre, aber unheimlich anziehend. Er war ein Hochstapler vor dem Herrn, machte in Champagner und liebte den Luxus. Dann zog er in Lumpen als besitzloser Wanderprediger umher, scharte eine Wahrheitsarmee um sich und reinigte Frauen, die ihn anbeteten, durch Sex. Dann ging er in die Politik, gründete seine eigene Partei und sah sich schon als den nächsten Reichspräsidenten. Wer war Ludwig Christian Haeusser?
Einer von vielen Wanderheiligen und Naturpropheten, die in den 1920er Jahren aufblühten, weil die allgemeine Sinnkrise nach dem Ersten Weltkrieg ihnen zum Nährboden geworden war. Sie nannten sich Christus II, Zarathustra, Dschingis Khan. Aber Haeusser war der faszinierendste von allen. Der Neu-Ulmer Historiker Ulrich Linse ist in jahrelanger Recherche diesem Menschen nachgegangen – von seinen Anfängen her.
Ludwig kommt im November 1881 zur Welt. Sein Vater, der Bönnigheimer Weinbauer Adam Haeusser, hat ihn zur Viehzucht und Feldarbeit bestimmt. Doch der Sohn interessiert sich für Bücher, was den jähzornigen Vater bis zur Weißglut reizt. Nächtelang wird das Kind – Bettnässer und Nägelkauer – in die Dunkelkammer des Schweinestalls gesperrt. Zeit seines Lebens bleibt nur Verachtung für den Vater: „Er hatte den Wahn, mir durch viehische Behandlung und so brutales Schlagen, daß ich oft wochenlang nicht zur Schule konnte, die Freude am ,Sinnieren’ wie er es nannte, zu vertreiben. Aber es hat meinen Drang nach Wissen nicht gebändigt.“
Reichtum durch halbseidenen Geschäften
Immerhin muss Ludwig nach der Schule nicht Bauer werden, sondern darf eine Kaufmannslehre in einer Stuttgarter Trikotagenfabrik anfangen. Nebenher lernt er Fremdsprachen. Mit 17 zieht es ihn nach London, wo er in einer Hohlschleiferei unterkommt. Nach zehn Monaten lockt ihn Paris.
Dort wird der Kaufmann Haeusser mit halbseidenen Geschäften reich. 1905 heiratet er die wohlhabende Gabrielle. Die kleine Familie hält sich eine elegante Stadtwohnung in einer Seitenstraße des Bois de Boulogne. Auf schwindlerische Weise gründet Haeusser eine Aktiengesellschaft ohne eigenes Geld. Er nennt sich „Direktor und Präsident der Sekt AG Louis Haeußer.“ Ein schwäbischer Felix Krull. Sein Schwager bekundet, die Qualität seines Champagners sei zwar schlecht, aber die Aufmachung der Flaschen gut gewesen. Führende Hotels zählen zu Haeussers Kunden. Er liefert viel in den Orient.
Indes wird 1914 ein Haftbefehl wegen gewerbsmäßigen Betriebs von Wettgeschäften gegen ihn erlassen. Die Schweiz, sein neuer Wohnsitz, liefert ihn aber nicht aus. Er kann seinen großartigen Lebensstil fortführen.
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Da steckt noch was anderes in ihm. Die spirituelle Suche. Schon als Jugendlicher verkehrte er viel im Christlichen Jünglingsverein Stuttgart-Ostheim. In Paris packt sie ihn: die Vision, nur seinem Geist und seinen Gedanken zu leben. Seine Frau meint dazu „Tu as un grain – un poil dans la main“, was soviel heißt wie „du arbeitsscheuer Spinner“. Aber es hilft nichts. 1917 beginnen sein Schreibzwang und sein Berufungsgefühl, die Geschäftsenergie lahmzulegen. Zum Propheten wird er im Sommer 1918. Statt Kunden Champagner anzubieten, monologisiert er über religiöse Dinge. Er nimmt 50 Pfund ab, versinkt nächtelang in Gedanken.
In den Züricher Volksküchen wird er zum täglichen Gast. Frühere Freunde, die ihn nun wie einen Aussätzigen meiden, entbindet er von der Grußpflicht. Schließlich lässt er seine Familie im Stich, emotional wie finanziell. Er wagt sich auf die Rednerbühne der Höheren Töchterschule Zürich. Ein Misserfolg, wie er selber einsieht.
Erweckung bei Gustav Gräser auf dem Monte Verità
In seiner Krise verzieht er sich auf den Monte Verità im Tessin. Dort hat in ländlicher Abgeschiedenheit Gustav Gräser einen Zufluchtsort für Suchende geschaffen. Und dort hat Haeusser sein Erweckungserlebnis durch die Tao-Lehre von Laotse. Er zieht seinen Geschäftsanzug aus und ein Büßergewand an, rasiert sich nicht mehr und verwahrlost zusehens. So ist das eben, wenn einem Eigenliebe und Ehrgefühl fremde Begriffe geworden sind, wie Haeusser bekundet: „Ich bin still, heiter fröhlich wie das Kind.“ Seine große Reise als Heiland kann beginnen.
In seiner Erzählung „Morgenlandfahrt“ schreibt Hermann Hesse: „Unmittelbar nach dem Ende des großen Krieges war unser Land voll von Heilanden, Propheten und Jüngerschaften. Erschüttert vom Kriege, verzweifelt durch Not und Hunger, tief enttäuscht durch die anscheinende Nutzlosigkeit all der geleisteten Opfer an Blut und Gut, war unser Volk damals manchen Hirngespinsten, aber auch manchen echten Erhebungen der Seele zugänglich.“
Warum aber findet man die Inflationsheiligen, wie sie später genannt werden, fast ausschließlich in Deutschland? Weil hier nicht nur der Krieg, sondern auch Identität verloren ging. Die Niederlage und der schmähliche Versailler Vertrag haben die Idee des Nationalstaats zerstört. Was kann die Deutschen überhaupt noch zusammenhalten? Das bürgerliche Rückgrat ist gebrochen. Und dann schwinden in der Inflation die Vermögen auch noch wie Schnee in der Sonne. Wer sein Gehalt erhält, eilt in die Geschäfte, um es in Ware umzusetzen. Denn in den nächsten Stunden ist das Geld schon nichts mehr wert. Der Seelenzustand der Deutschen kommt dem Wahnsinn nahe.
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Die Währungssanierung wird mit der Verarmung einer ganzen Schicht erkauft. Die große Mehrheit des Mittelstands will mit der demokratischen Republik, von der sie sich betrogen und bestohlen fühlt, nichts mehr zu tun haben. Man giert nach neuen Antworten und neuer Selbstvergewisserung. Ein fruchtbares Feld für Führer und Verführer.
Die neuen Propheten gehen mit ihrem eigenen Leben aufs Ganze und zertrümmern die alte Ordnung als erstes bei sich selbst: kein Besitz, keine Familie, kein Staat. Dazu kommt ihre Willensmacht und Wortgewalt. In der Spur dieser Wanderheiligen zieht ein Jahrzehnt später noch eine ganz andere messianische Führerfigur auf. Und sie wird die Welt wirklich verändern.
Aber vor Hitler tritt Haeusser auf die Bühne. Ende 1919 taucht der ehemals reiche Bruder als 38-Jähriger Habenichts bei seinem Schwager in Pforzheim auf. Er hat nur zwei chinesische Bücher in der Tasche, wo alles grün und rot angestrichen ist.
Affen und Säue
Aber seine Reden zeigen jetzt Wirkung. Nicht nur, weil er seine Zuhörer als Affen und Säue beschimpft. Bald schon kann der Vollendete, wie er sich nennt, eine Gefolgschaft um sich zu scharen. Menschen, die für ihn alles aufgeben, um Plakate zu kleben. Einen jungen Mann namens Emil Leibold nehmen die Worte Haeussers besonders gefangen: „Es war wie eine unsichtbare Kraft, die von ihm ausstrahlte, die auf mich überging und mich so bewegte, dass ich das Gefühl hatte, diesem Mann schon einmal begegnet zu sein“, schreibt er. Leibold, dessen erste Liebe gerade in die Brüche gegangen ist, spendet dem Erlöser seine Ersparnisse und wird der ergebenste unter den Jüngern.
Haeusser umringt auch ein Schwarm von Jüngerinnen. Eine Nacht mit ihm kann keine Sünde sein. Er redet den Frauen ein, dass sie gereinigt und geheiligt aus dem Verkehr mit ihm hervorgehen. Gruppensex nennt er das „Heilige Abendmahl Gottes“. Als er in Hamburg volltrunken eine Rede hält und sich übergibt, rennen einige Frauen wie besessen nach draußen, um Eimer und Schwabber zu holen. Jede sieht es als Ehre an, den Mageninhalts ihre Heilands zu beseitigen.
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Und 1922 beginnt er, seine Mission politisch zu verstehen. Er will Retter Deutschlands werden, der sein Volk von Flauheit, Feigheit, Faulheit befreit. Der große Ausputzer: „Jeder, der die Erde bewohnenden Sünder ist eins der Arschlöcher, die das große Scheißhaus Welt mit Kot füllen.“ Er sieht sich als deutschvölkischen Kommunisten und anarchistischen Monarchisten – was immer das auch sein mag. Zu seinem Programm gehören die Öffnung aller Zuchthäuser und Irrenanstalten. Keiner soll irgendetwas besitzen. Und er will nicht zimperlich vorgehen: „Wer gegen die Wahrheit – verkörpert in mir – vorgeht, wird ohne Verhör hingerichtet.
Haeusser gründet die christlich-radikale Volkspartei und kürt sich zum Volkskaiser. Von Anfang an tun die Staatsorgane alles, um ihm das Leben schwer zu machen. Als ihn das Bürgermeisteramt Waiblingen wegen Ungebühr zu einer Geldstrafe verurteilt, antwortet er dem Bürgermeister: „Du nasses Huhn, Bettseicher, du verdienst angebrunst und in den Schatten gestellt zu werden.“
Aber er ist auf gutem Weg. Die Verlobung mit Irma von Pohl, Tochter eines früheren kaiserlichen Admirals, verspricht den Aufstieg in den Hochadel. Eine weitere Transformation geschieht. Das schäbige Büßergewand fällt. Ludwig Christian Haeusser schneidet sich die Haare, trägt jetzt Anzug und Mantel, eine Uhr mit Familienwappen und ein Notizbuch mit Goldschnitt.
Ein Jahr und neun Monate Haft
Doch die Beziehungen steigen ihm zu Kopf. Maßlos greift er die Regierung des Landes Oldenburg an, die darauf alle seine Versammlungen verbietet. Haeusser macht klar, dass er das Verbot als „Arschwisch“ behandeln und sich bis an die Zähne bewaffnen werde. Das geht nicht gut. 1923 steckt man ihn für ein Jahr und neun Monate in Haft.
Das Gefängnis führt zu einer schweren seelischen Krisis. In seinem Wahn verfasst er Tagebuchberichte auf Zetteln, Backpapier, Klopapier und allem, was er so findet. Seine Anhängerinnen stürzten sich auf das Werk, machen es in monatelanger Arbeit auf 2400 Seiten druckreif und vertreiben die Haeusser-Bibel als Drittes und Viertes Testament.
Sein Gesundheitszustand verschlimmert sich rapide, er verweigert Nahrung, nimmt nur noch Eigenurin und Eigensperma zu sich. Der Arzt diagnostiziert „hysterischen Stupor“. Als Haeusser im Juli 1925 entlassen wird, ist seine Gesundheit ruiniert, er ist innerlich gebrochen und politisch gescheitert – bei den Maiwahlen 1924 kam seine Partei auf 0,08 Prozent. Immerhin 25 000 Stimmen.
Statt wie ehedem in Kutte barfuß zu wandeln, trägt er nun ein unauffälliges bürgerliches Gewand. Zunächst spielt er mit dem Gedanken, wieder Champagnerfabrikant zu werden. Dann schwenkt er erneut um auf die Politik. Anfang Juni 1927 bittet er engste Freunde ans Bett des Städtischen Krankenhauses Neukölln – zur Gründungssitzung des „Haeusser-Reichs“. Doch dazu kommt es nicht mehr. Am 9. Juni stirbt er an einer Herzmuskelentzündung. Zur Beerdigung auf dem Alten Neuköllner Friedhof versammeln sich noch einmal Hunderte seiner Anhänger. Sein Grabstein trägt die von ihm ersonnene Aufschrift: „Ich bin das Glück.“
Ulrich Linse: „Barfüßige Propheten. Erlöser der 20er Jahre“. Siedler-Verlag, Berlin 1983