Opfer von Love Scamming verlieren teils zehntausende Euro an Menschen, die es nicht gibt. Der Fall von Anja Kaufmann aus Nürtingen zeigt, wie schnell man in diesen Sog geraten kann.
Sie hat nur den letzten Chat behalten. Es ist im Winter 2024, in diesen unwirklichen Tagen zwischen den Jahren. Da schreibt der Love Scammer noch einmal. Okay, er sei nicht Michael Oliver, gut situierter Witwer Anfang 50 aus Portland, Oregon – das habe sie ja durchschaut –, sondern ein armer Schlucker aus Nigeria. 21 Jahre alt, ohne Familie und Chancen. Gut Englisch könne er, aber die Armut lasse ihm nichts anderes, als Europäerinnen das Geld aus der Tasche zu ziehen. Zehn Prozent bekomme er von dem, was er für die Bande im Hintergrund eintreibe. „Wenn ich dir die Wahrheit sage, hilfst du mir dann? Versprich es“, schreibt er. Da versteht Anja Kaufmann, dass noch immer keine Ruhe ist. „Ich kann dich nicht retten“, antwortet sie. Dann blockiert sie die Nummer. Dieses Mal zum letzten Mal.
Zwei Jahre später: Ein Wohngebiet am Rande von Nürtingen. Doppelhaushälften aus den 60ern wechseln sich mit grau-weißen Neubauten ab. Um die Ecke fließt ein Bächle, heute wird der Biomüll abgeholt. Anja Kaufmann, 53 Jahre alt, sitzt in ihrem Beratungs- und Atelierraum, den sie sich in den ehemaligen Kinderzimmern eingerichtet hat. Es riecht nach zitronigem Aromaöl und den Acrylfarben, mit denen sie ihre Steine betüpfelt. Engel und Krafttiere sind ihre liebsten Motive.
Die Scham muss die Seite wechseln
Anja Kaufmann will erzählen, wie ihr dieser Liebesbetrüger passieren konnte und wie sie sich von ihm frei gemacht hat, so gut das eben geht, wenn einer das Herz gestohlen wurde – und schier noch das Geld. Sie will es mit Namen und Gesicht tun, weil zu viele Opfer dieser Betrugsmasche im Internet schweigen würden, weil sich zu viele im Netz das Maul über Frauen wie sie zerrissen. „Wie blöd kann man sein!“ Die Scham muss die Seite wechseln – dieser Satz gilt auch für ihre Geschichte.
Als sie beginnt, im April 2023, ist Anja Kaufmann in einer Sortierungsphase, wie sie das nennt. Sie macht eine Therapie wegen ihrer Depressionen, die Arbeit als Lehrerin an einem Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrum musste sie aufgeben. Jeden Morgen um 7.30 Uhr alert vor den Kindern zu stehen, das geht einfach nicht mehr.
Die Tochter ist schon ausgezogen, der Sohn wird es bald tun. Mit ihrem Mann Ralf, denn sie ein halbes Leben kennt, ist es wie in vielen langen Beziehungen: Man findet den anderen und sich selbst nicht mehr wahnsinnig attraktiv. Anja Kaufmann wird 50. Was kommt jetzt noch? Da schreibt ihr dieser Mann auf Instagram. Ihre bemalten Steine, von denen sie Fotos herzeigt, sprächen ihn sehr an. Er nennt sich Michael Oliver.
An seinem Profilbild ist nichts bemerkenswert. Ein Mann Anfang 50 mit Bart. Gebürtiger Norweger sei er, Witwer seit sieben Jahren, Leiter eines Fliesenfachgeschäfts, Tochterfirma des deutschen Unternehmens Adler. Eine klug gebaute Chimäre, hinreichend normal und ein bisschen exotisch zugleich. In seinem Schmerz um die verstorbene Frau spiegeln sich Anja Kaufmanns dunklere Tage. Erst erzählt sie ihrem Mann Ralf noch von diesem netten neuen Kontakt nach Amerika. Da könnt’ man ja mal hinreisen. Als sie einander bald Dutzende Whatsapp-Nachrichten senden, Tag für Tag, lässt sie es bleiben. Und Ralf fragt nicht mehr nach.
14 Millionen Euro Schaden durch Love Scamming
Love Scamming ist keine neue Masche, aber in der Öffentlichkeit wird es erst nach und nach richtig offenbar. Die Polizei warnt vor dem Betrugsdelikt im Internet. Es gibt Podcasts und Dokumentationen darüber, wie in Afrika ganze Dörfer darauf spezialisiert sind, sich virtuell in die Herzen einsamer Europäer zu drängen. In den Zeitungen häufen sich die Meldungen: Frauen und Männer, aus Stuttgart, Böblingen, Plüderhausen, die Zehntausende Euro an Liebesphantome überweisen, auf Nimmerwiedersehen. Das Landeskriminalamt meldet für 2025 einen Schaden von 14 Millionen Euro für Baden-Württemberg, gerade mal drei waren es noch fünf Jahre zuvor. Die Dunkelziffer dürfte viel höher liegen.
Es ist das uralte Spiel mit der Sehnsucht nach Liebe, jetzt dank Vernetzung weltweit skaliert. Aus dem putzigen Begriff des Heiratsschwindlers haben die Zeitläufte den hartem Anglizismus des Scammers gemacht. Die Schriftstellerin Martina Hefter hat in ihrem Roman „Hey guten Morgen, wie geht es dir“ diese schicksalshafte Verquickung der Biografien im Love Scam beschrieben. Dieses Aufeinandertreffen der Ur-Ur-Ur-Enkel von Kolonialherren und Beherrschten im ständigen Rollentausch. Vereinsamung und Digitalisierung, Sehnsüchte und Entbehrung kondensieren hier. Wer ist eigentlich Verlierer und wer Gewinner in diesem sogenannten globalen Dorf? Über den jungen Scammer Benu schreibt Hefter: „Benu war ein Wesen aus der altägyptischen Mythologie. Benu verbrachte die Nacht im Duat, dem Totenreich, und stieg in der Morgenröte neu geboren als Reiher wieder auf.“
Was Anja Kaufmann erlebt – das weiß sie heute –, liest sich wie aus dem Betrugs-Bilderbuch. Mit jeder Nachricht schleicht sich der Scammer (oder war es eine Sie, mehrere sogar?) ein Stückchen weiter in ihr Vertrauen. Er will alles von ihr wissen. Bald begleiten sie einander durch den Tag. „Guten Morgen. Ich trinke gerade Kaffee.“ – „Ich bin bei den Igeln im Garten“ – „Oh, sind die süß.“ – „Wie fühlst du dich?“ – „Ich gehe jetzt los zur Arbeit.“ Vor allem die Tierchen, die sie für die Igelhilfe in Obhut nimmt, interessieren ihn sehr. Als es einem von ihnen schlecht geht, ist er ganz besorgt.
Die Nachrichten, die Anja Kaufmann im Gespräch aus dem Gedächtnis rekonstruiert, heften sich an Orte, Bilder, Alltagsbegebenheiten. Alles verknüpft sich mit diesem Mann. Der Supermarkt-Parkplatz, auf dem sie vielleicht steht, als diese schöne Nachricht von ihm kommt. Das Buch im Regal, von dem sie ihm erzählt. Das Pling des Handys, das eine neue Whatsapp-Nachricht anzeigt.
Nach ein paar Wochen fangen die Telefonate an. Jeden Morgen eine halbe Stunde. Michael Oliver macht ihr jetzt Komplimente für ihre Beine oder ihr rötliches Haar. „Ich möchte dich gern kennenlernen.“ Abends sitzt Anja Kaufmann im Garten auf ihrer Bank unter dem alten Birnbaum und blickt auf die Rückseite ihres Zuhauses, hinter dessen Fassade die Gewissheiten langsam bröckeln. „Das ist alles nicht zu kapieren, ich weiß“, wird Anja Kaufmann am Ende des Gesprächs sagen. Andererseits: Wer noch nie diese absolute Unvernunft der Liebe erlebt hat, der werfe hier den ersten Stein
Schwindeltief ist der Abgrund, der sich auftut, als Anja Kaufmann den Betrug erkennt. Im Juli ist das. Michael Oliver ist angeblich nach England gereist, um ein neues Fliesen-Geschäft aufzubauen. Er spricht jetzt von einem Leben mit Anja in Deutschland. Vielleicht ließe sich ein Business mit Wein aufziehen. Bald sollen sie sich zum ersten Mal treffen. Anja Kaufmann überlegt schon, wie und wo sie das anstellen kann.
Sie soll jetzt Daten preisgeben und Geld bezahlen
Dann hat sie die E-Mail eines Trading-Seite im Postfach. Jemand habe für sie 30.000 Dollar hinterlegt. „Das ist unser Startkapital für ein gemeinsames Leben sagt Michael Oliver im nächsten Telefonat. Um irgendwas mit Bitcoins geht es auch. Anja Kaufmann wird es mulmig, er macht jetzt Druck. „Vertrau mir!“ – „Warum bist du misstrauisch?“ – „Wenn du das nicht machst, passt es mit uns vielleicht nicht“. Per Telefon lotst er sie durch die Formulare. Sie gibt Daten ein, ihre Personalausweis-, die Kreditkartennummer. Gott sei dank klappt es mit dieser Online-Identifizierung nicht gleich.
Es sind Tage im Taumel. Anja Kaufmann hat Angst vor dem, was sie tut, und gleichzeitig, den Geliebten zu verlieren. Sie weiß gar nicht mehr, wie und was ihr geschieht. Eine Fortbildung sagt sie ab – zu sehr durch den Wind! Dann soll sie 2100 Euro überweisen. „Du musst zahlen, sonst ist alles Geld weg“, sagt er. Da endlich macht sie nicht mehr mit. Sie erzählt ihrer Therapeutin davon, die sofort versteht. Und Anja Kaufmann jetzt auch. Heute sagt sie: Das sei das Wichtigste überhaupt, sich jemandem anzuvertrauen, das Geheimnis zu teilen.
Der Rest ist die Geschichte eines kalten Entzugs im Hochsommer, wie Anja Kaufmann das nennt. Ein verliebtes Gehirn tickt ja ähnlich wie eines im Drogenrausch. In den ersten Tagen tigert sie durchs Haus, nimmt das Handy, legt es weg, setzt sich, fährt auf, löscht Nachrichten und Fotos, hunderte. Um nicht immer wieder darin nach Zeichen zu suchen, dass das alles doch ein Missverständnis ist, wie der Scammer beteuert, dass es den Mann aus Oregon wirklich gibt.
Mehrmals blockiert sie die Nummer, entsperrt sie wieder, schreibt „Du bist das Letzte!“ – „Weißt du, was du mir angetan hast?“, will verstehen und dann auch Beweise sammeln. „Mein Kopf hatte schon kapiert, dass es Betrug war, aber mein Herz in keinster Weise.“ Jedes Handy-Pling elektrisiert sie wie ein kleiner Stromstoß.
Sie machen eine Paartherapie
Dazu kommt die Angst, was mit all den Daten passiert, die sie preisgegeben hat. Ob da jetzt noch was kommt. Gleich am ersten Abend erzählt sie ihrem Mann Ralf die ganze Geschichte. Der ist erst mal fassungslos, und dann pragmatisch. „Du musst die Kreditkarte sperren.“ Später werden sie reden, viel, auch mit einem Paartherapeuten darüber. Sie bleiben beieinander.
Es dauert Monate, bis Anja Kaufmann ihr Leben von Michael Oliver entwirrt hat, bis sie sich selbst wieder trauen kann. Diese Erfahrung, manipulierbar zu sein, sei das Schlimmste gewesen, sagt Anja Kaufmann. Sie hat viel über Love Scamming gelesen, hat Kontakt zum Opferverband Weißer Ring aufgenommen. Sie hat versucht eine Selbsthilfegruppe zu gründen, die nicht zustande kam. Und sie hat Anzeige erstattet. Die führte zu nichts, aber dass in den Akten „schwerer Betrug“ stand, hat ihr geholfen zu verstehen, dass es vielen passieren könnte.
Anja Kaufmann arbeitet heute als Beraterin für Menschen an Weggabelungen und in Krisen. Sie bietet therapeutisches Malen und Bogenschießen an. Wenn man nur auf den Atem, die Bewegung und Kraft mit dem Bogen, das schnörkellose Rund der Scheibe konzentriert sei, dann erkenne man seine Ängste und Muster, die guten und schlechten Tage und was darunter brodelt, sagt Anja Kaufmann. Man sucht festen Stand. Und dann lässt man los.
Betroffene sollten sich an die Polizei vor Ort wenden, auch wenn sie kein Geld verloren haben. Der Opferverband Weißer Ring hilft ebenfalls weiter: www.weisser-ring.de.
Hilfe für Love Scamming Opfer
Polizei
Die Polizei warnt vor Love oder Romance Scamming, bei dem Opfer über Dating-Portale oder soziale Medien angeschrieben, emotional abhängig gemacht und dann um Geld betrogen werden sollen. Das Landeskriminalamt spricht auf Anfrage unserer Zeitung von einer fast vierstelligen Zahl an Fällen im Land mit rund 14 Millionen Euro Schaden im vergangenen Jahr. Die Fallzahlen stiegen in den vergangenen Jahren jeweils im „unteren zweistelligen Prozentbereich“. Da viele Opfer aus Scham schweigen, dürfte das Ausmaß höher sein. Wer den Verdacht hat, ein Opfer von Love Scamming zu sein, solle sich an die Polizei wenden, vor allem wenn Geld gefordert oder schon bezahlt wurde. Die örtlichen Polizeidienststellen helfen weiter. Informationen finden sich auf dieser Seite www.polizei-beratung.de
Weißer Ring
Der Opferverband Weißer Ring berät Betrugsopfer mit seinen Ansprechpartern vor Ort: www.weisser-ring.de. Auf seiner Homepage gibt er folgende Tipps, wie man Love Scammer auf die Schliche kommt: „Behalten Sie Ihren „klaren Kopf“! Ein gesundes Misstrauen ist der beste Schutz. Schlagen Sie plötzlich einen Video-Chat vor und beobachten Sie die Reaktion der anderen Person. Geben Sie keine persönlichen Daten preis. Die Nennung von Telefonnummer, Anschrift usw. sind tabu. Oft bittet die andere Person um den Wechsel auf WhatsApp. Hierdurch kann sie an Ihre persönlichen Daten kommen. Überweisen Sie niemals Geld an Personen, die Sie nicht persönlich kennengelernt haben, die Person Ihnen also nur von Chats oder Fotos bekannt ist.“
Literatur Zuletzt sind gleich zwei Romane erschienen, in denen das Thema Love Scamming wichtig ist: Martina Hefter „Hey guten Morgen, wie geht es dir?“ (Klett-Cotta 2024) erzählt die Geschichte von Juno, Anfang 50, die mit dem jungen Scammer Benu chattet. Sarah Kuttner hat in „Mama & Sam“ (Fischer 2025) die Geschichte ihrer Mutter verarbeitet, die Opfer eines Love Scammers wurde. Am Montag, 23. Februar, um 19.30 Uhr kommt Sarah Kuttner damit ins Alte Schauspielhaus.