Eine überraschende Wahl: Die amerikanische Lyrikerin Louise Glück erhält den diesjährigen Literaturnobelpreis. Wer ist die Autorin?
Stuttgart - Zumindest in Deutschland hatte Louise Glück wohl niemand auf der Rechnung als Anwärterin für den wichtigsten Literaturpreis der Welt. Denn wer sich hier einen Begriff von dem Werk machen möchte, das die Schwedische Akademie nun mit dem Literaturnobelpreis geadelt hat, der findet gerade einmal zwei übersetzte Titel, die zudem vergriffen sind. Auf eine besonders intensive Rezeption deutet das nicht eben hin. In den USA sieht die Sache freilich etwas anders aus. Hier kann die 1943 in New York geborene Autorin mit einer stolzen Liste von Ehrungen aufwarten, vom Pulitzer Preis bis zur Goldmedaille für Dichtung der Amerikanischen Akademie für Kunst und Literatur.
Exklusivität der Lyrik
Das mag vielleicht auch an einer interessanten Umkehrung der literarischen Ordnung in beiden kulturellen Sphären liegen: Während man in Deutschland die Zugänglichkeit amerikanischer Prosa-Autoren durchaus zu schätzen weiß, hält man in der Lyrik immer noch am Ideal einer hermetischen Exklusivität fest. Vergleicht man etwa Louise Glücks Gedichte mit denen Elke Erbs, die in diesem Monat in Darmstadt den Büchner-Preis erhält, fällt dies sogleich in den Blick: bei Glück eine grundsätzliche Verständlichkeit, die sich dem Leser zuwendet, wo sich Elke Erb ihm spröde verweigert. Beides hat sein Recht, erklärt aber den Unterschied in der Wahrnehmung.
„Man treibt zwischen Erde und Tod, / die sich, letztlich, / seltsam ähnlich scheinen“, heißt es in Versen ihres von Ulrike Draesner übersetzten Bandes „Averno“, der dorthin führt, wo die Elementarsprache der Lyrik ihren klassischen Ort hat: an die Schwelle zwischen Diesseits und Jenseits, für die der Vulkanische Kratersee steht, der dem Band den Namen gab, und der in der Antike als Eingang in die Unterwelt galt.
Zwischen Mythos und Wirklichkeit, Dichtung und Faktum nimmt Glück die Dinge in den Blick. Und in ihrer sprachlichen Weltbearbeitung wird das Zufällige und Individuelle ins Überzeitliche überhöht. Was manchmal nach hohem Stil, manchmal aber auch nach hohen Absätzen klingt. „Etwas später nahm ich es auf mich, / Künstler zu werden, / diesen Eindrücken eine Stimme zu geben”, schreibt Glück in Averno. Aber vielleicht schaut man zunächst am besten zurück auf den Anfang.
Vom Erwartungsdruck in die Schreibkrise
Glück wuchs in Long Island auf und studierte an der Columbia University. Mit 25 Jahren veröffentlichte sie ihren ersten Gedichtband „Firstborn“ („Erstgeboren“), eine düstere emotionale Selbstvermessung. Ein Rezensent schrieb damals: „Was dürfen wir von Louise Glück in der Zukunft erwarten?“ Dass es einmal der Literaturnobelpreis sein würde, hätte wohl noch niemand gedacht. Glück stürzte die Erwartung erst einmal in eine Schreibkrise. Neun Jahre später antwortete sie mit „House of Marshland“, worin sie zum ersten Mal die Fenster aus dem Innenraum der ersten Person hin auf das große mythische und historische Panorama öffnete, das fortan den Hintergrund ihrer Dichtung bilden sollte. „Triumph des Achilles“ oder in Anspielung auf Dante „Vita Nova“ lauten die Titel.
„Der Traum der Kunst ist es nicht, das bereits Bekannte wieder und wieder zu zeigen, sondern das Versteckte ans Licht zu bringen“, schreibt die Autorin in einem ihrer Essays. Und so macht sie sich auf, im Alltäglichen die Spuren tieferliegender Botschaften zu erkennen. In dem mit dem Pulitzer-Preis prämierten und von Ulrike Draesner kongenial nachgedichteten Band „Wilde Iris“ bringt sie die stummen Dinge zum Sprechen, um der Seele einen Platz zwischen dem Unbelebten und Lebendigen zuzuweisen. „Die Extreme sind einfach. Lediglich / die Mitte ist ein Rätsel.“
Glück bannt den Moment ins bleibende Wort
Nicht immer gelingt es, die Hinfälligkeiten und Enttäuschungen des Lebens auf die Höhe der klassischen Topoi Liebe, Tod, Natur zu ziehen, manche Verse wirken in der dünnen Luft erhabener Klassizität bleich, manche stürzen ab in den Kitsch. Doch in ihren besten Momenten durchstößt Glück den bedeutungsschwangeren Hochnebel um in einfachen Worten und lichter Klarheit den Moment ins bleibende Wort zu bannen. „Das ganze Leben wartet man auf die günstige Zeit. / Dann entpuppt die günstige Zeit sich / als am Schopf gepackte Gelegenheit.“
Man kann dem Nobelkommitee zugute halten, mit der längst überfälligen Auszeichnung einer US-amerikanischen Autorin ein aktuelles Zeichen für das erschütterte Land gesetzt zu haben. Die Zeiten sind noch nicht lange vorbei, in denen den Juroren die Literatur aus den USA unter den Stockholmer Ewigkeitskriterien als nicht satisfaktionsfähig galt. Man hätte sich in politischer Hinsicht allerdings durchaus noch eindeutiger positionierte Kandidaten vorstellen können. Die edle Lyrik Louise Glücks öffnet immerhin aus dem Chaos der amerikanischen Gegenwart ein eskapistisches Hintertürchen in die Welt sprachlicher Schönheiten und ewiger Formen.