Lost River Filmkritik: Ryan Gosling im Lynch-Universum

Von Wolfram Hannemann 

Mondäne Kulisse: Christina Hendricks in „Lost River“ Foto: Tiberius
Mondäne Kulisse: Christina Hendricks in „Lost River“ Foto: Tiberius

Auf den Spuren von David Lynch: Ryan Goslings brillantes Regie-Debüt lebt von starken Bildern

Filmkritik und Trailer zum Kinofilm "Lost River"

Eine gespenstische Szenerie: Der Protagonist passiert verlassene Gebäude, Tausende Graffiti zieren die Betonwände. Parallel mit ihm bewegt sich die ­Kamera, unheilschwangere Musik komplettiert die surreale Stimmung. Wir befinden uns in Lost River, einer abgewirtschafteten Stadt irgendwo und irgendwann in den USA.

Billy (herzzerreißend verzweifelnd: „Mad Men“-Ikone Christina Hendricks), Mutter zweier Söhne, versucht, ihr Haus zu retten, und lässt sich mit dem perversen Banker ­Dave ein (aalglatt: Ben Mendelsohn), in dessen morbidem Nachtclub sie anheuert. Ihr älterer Sohn Bones (in der Gosling-Rolle: Iain De Caestecker) bastelt an seinem Auto und verkauft Schrott, was aber ­Bully missfällt (als perfekter Psychopath: Matt Smith), dem selbst ernannten Herrscher der Stadt. Vom Nachbarsmädchen Ratte (überzeugend als Gothic-Esoterikerin: Saoirse Ronan) erfährt Bones von einer mysteriösen Unterwasserstadt und einem Fluch, den es zu brechen gilt. Sobald sein Auto fahrtüchtig sei, sagt sie, werde sich alles ändern.

Die eingangs erwähnte Parallelfahrt ist nur eine von vielen, die Ryan Goslings Regie­Debüt prägen. Der Schauspieler hat das Handwerk bei Dreharbeiten mit Regisseuren wie Nicolas Winding Refn („Drive“) und Derek Cianfrance („The Place Beyond The Pines“) gelernt, und er hat sich mit Benoît Debie („Every Thing Will Be Fine“) einen erstklassigen Kameramann geangelt.

Ein faszinierendes visuelles Konzept

Die beiden haben ein faszinierendes visuelles Konzept entwickelt, das Endzeitdrama mit Film Noir vermischt und an die frühen Werke David Lynchs erinnert. Insbesondere „Blue Velvet“ stand wohl Pate, wenn die ­Kamera zum ersten Mal durch den Monsterschlund-Eingang in den Amüsiertempel des Bankers eindringt und in dessen neonlichtvernebelte Untiefen eintaucht. Bizarr und bedrohlich wirkt das, und die starken Bilder, die in einer sehr dramatischen ­Sequenz ­ sogar um 90 Grad kippen, füllen das Cinemascope-Format gekonnt aus.

Auch untermalende Songs der 1950er verbinden Gosling mit Lynchs Universum. Dazu gesellt sich ein Sounddesign, das diese Bezeichnung mehr als verdient: Oft sind Dialoge von den Bildern entkoppelt, hüllen Klangatmosphären die Zuschauer komplett ein, wobei die Musik eine tragende Rolle spielt.

Dass Bones alias Iain De Caestecker nicht nur optisch Ähnlichkeit mit Gosling hat, sondern seine Figur auch an dessen oft wortkarge Charaktere erinnert, ist ganz sicher kein Zufall. „Lost River“ ist ein atmosphärisch dichter Mystery-Thriller und ein brillantes Regie-Debüt.

Unsere Bewertung zu "Lost River": 4 von 5 Sternen - empfehlenswert.

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