Überbleibsel von Menschen, die hier früher lebten: Seit fast zwei Jahrzehnten stehen zwei alte Bauernhäuser leer. Wie es dazu kam – und warum die Gebäude nicht abgerissen werden können.
Es ist ein auffallendes, stattliches Gebäudeensemble und dennoch kein Aushängeschild für den Ort: Verlassen und verwahrlost stehen die beiden Wohnhäuser mitten im Zentrum – aneinandergelehnt, als müsste eines dem anderen Halt geben. Der Denkmalschutz hat zwar den Abriss des um 1700 errichteten Doppelhauses verhindert. Doch die teils verputzten Fachwerkgebäude, in denen einstmals Bauernfamilien mit ihrem Vieh unter einem Dach lebten, stehen schon seit fast zwei Jahrzehnten leer.
„Sie passen so gar nicht in das aufgewertete Ortsbild von Oberensingen“, findet Ella Fellmann. Sie hat sich in den sogenannten Wohnstallhäusern umschauen dürfen – mit amtlicher Genehmigung der Stadt Nürtingen. Oberbürgermeister Johannes Fridrich hat ihr Vorhaben, sich am Geschichtswettbewerb 2023 des Bundespräsidenten zum Thema „Wohnen hat Geschichte“ zu beteiligen, unterstützt. Die Idee zu einem digitalen Magazin über Lost Places war schnell gefunden , sagt die Medizinstudentin rückblickend: „Die Widersprüchlichkeit zwischen dem Verfall und der Ästhetik der Vergänglichkeit fand ich sofort spannend.“
Anfangs habe sie Sorge gehabt, dass es in ihrer Heimatregion vielleicht keine aufgegebenen Bauwerke geben würde, berichtet die 20-Jährige. Doch schon kurz nach ihrer Anfrage habe sie aus dem Rathaus eine Liste verschiedener Häuser in städtischem Besitz erhalten, die seit Langem leer stehen. „Dazu kam eine Einladung, die Objekte zu besichtigen und fotografisch zu dokumentieren.“ Das sei ein großes Glück gewesen, ist sich Ella Fellmann bewusst. Lost Places sind für die Öffentlichkeit in der Regel ja nicht zugänglich. Wer sie ohne die Erlaubnis des Eigentümers betritt, kann sich strafbar machen.
Für ihren Wettbewerbsbeitrag hat sie insgesamt vier Lost Places erkundet, unter anderem das Gebäudeensemble mit den Adressen Denkendorfer Weg 10 und Wendlinger Straße 2. Es ist seit den 1960er Jahren im Eigentum der Stadt Nürtingen, die es einst als Platzhalter kaufte, um die viel befahrene Hauptstraße verbreitern zu können. Ein paar Jahrzehnte später kam der Gedanke auf, Oberensingen mit Hilfe eines Tunnels vom Durchgangsverkehr zu entlasten. 2006 – da stand eines der beiden Häuser bereits seit drei Jahren leer – sollte das marode Bauwerk laut einem Beschluss des Betriebsausschusses der Nürtinger Gebäudewirtschaft für den Tunnelbau abgerissen werden. Der letzte Mieter zog schließlich 2008 aus.
Die unterirdische Trasse sollte eine Länge von 700 Meter haben und an die nahe Bundesstraße angebunden werden. Kostenpunkt: etwa 45 Millionen Euro. Diese Planung reichte Nürtingen 2009 beim Stuttgarter Regierungspräsidium ein, um Fördermittel zu bekommen, ohne die das Bauvorhaben nicht zu stemmen wäre. Doch bereits zu diesem Zeitpunkt wurde das Großprojekt immer fraglicher.
Lost Place statt Tunnelbau
Inzwischen kletterten die Kosten auf geschätzte 70 Millionen Euro – auch aus diesem Grund hat sich die Stadtverwaltung im vergangenen Sommer offiziell von den Tunnelplänen verabschiedet. Die brachliegenden Immobilien sollen nun schnellstmöglich für den Wohnungsbau genutzt werden.
Ob sich für das denkmalgeschützte Gebäudeensemble ein Investor finden wird? Die Sanierung wäre keine einfache Sache. Die Bilder, die die begeisterte Hobbyfotografin gemacht hat, zeigen die Spuren des Verfalls: Putz rieselt von der Fassade, Tapete blättert von den Wänden ab, die Treppe marode, die zugigen Fenster teils mit Brettern verriegelt. „Jedes Knarzen der Holzdielen und Klirren loser Fliesen machte mir Angst“, berichtet Ella Fellmann von ihren Erkundungen. „Ständig die Sorge, es stürzt etwas ein oder der Boden unter mir gibt nach.“
Sie könne aber nachvollziehen, warum es so viele Neugierige, Urban Explorer genannt, an Lost Places zieht: „Der beginnende oder auch bereits fortgeschrittene Verfall sorgt für einen morbiden Charme, dem sich der Betrachter nur schwer entziehen kann.“ Auch ihr sei es so ergangen – insbesondere in einem seit 40 Jahren leer stehendem Haus, das noch vollständig möbliert ist. „Als kämen die Bewohner gleich zurück: Die Betten bezogen, die Schuhe noch da, Familienbilder auf dem Regal.“ In einem anderen Gebäude sorgte ein Dachbodenfund für Erschaudern – ein vollständiges Tierskelett, „vermutlich von einem Marder“.
An Lost Places mangelt es in vielen Kommunen nicht
Ella Fellmann beschränkt sich jedoch nicht aufs bloße Betrachten. „Beim Erkunden der Orte drängt sich unmittelbar die Frage nach dem Warum auf.“ So hat sie vom OB wissen wollen, was die Stadt gegen den Leerstand unternimmt. Man führe vor allem Gespräche mit den Eigentümern, antwortete Johannes Fridrich. Über 150 Hausbesitzer habe er angeschrieben und sie gebeten, ungenutzten Wohnraum zu reaktivieren. Eine Unterstützung seitens der Stadt scheitere aber oft daran, dass Eigentümergemeinschaften nicht auf einen gemeinsamen Nenner kämen und ihnen die Mittel für Sanierungen fehlten. An Lost Places wird es folglich auch künftig nicht mangeln.
Für ihr digitales Magazin erhielt Ella Fellmann zwar nicht den Preis des Bundespräsidenten, dafür aber einen vom Land. Das Stadtarchiv Nürtingen verfügt übrigens über ein gedrucktes Exemplar.
Aktualisierung im Januar 2026: Die Häuser gehören inzwischen einer Projektgesellschaft und werden rundum saniert.
Geheimnisvolle Orte in Stuttgart und Region
Lost Places
Der Begriff bezieht sich auf verlassene Orte, oftmals handelt es sich um aufgegebene, dem Verfall überlassene Gebäude. Gemein ist ihnen ihre geheimnisvolle Aura. "Lost Place" ist ein Pseudoanglizismus, der sich im deutschsprachigen Raum etabliert hat. Auf Englisch korrekt wäre zum Beispiel "Forgotten Place", "Ghosttown" oder "Abandoned Site".
Serie
In loser Folge stellen wir Lost Places in der Region Stuttgart vor, erzählen ihre Geschichte und dokumentieren fotografisch ihr morbides Ambiente. Manche dieser Orte sind offen sichtbar, andere verfallen – teils seit Jahrzehnten – unbemerkt von der Öffentlichkeit.