Der Zugang zu den mittleren vier Plätzen in Stuttgart-Sonnenberg. Bis auf den roten Sand erinnert nichts mehr an eine fast sechs Jahrzehnte lange Tennis-Ära. Foto: Uli Nagel

Die elf Tennisplätze in Stuttgart-Sonnenberg liegen seit Jahren brach. Was dort eigentlich geplant ist, kommt nicht in die Gänge. Warum lässt die Stadt ihr Grundstück verwildern?

Auf den Feldern zwischen Möhringen und Sonnenberg kann man wunderschöne Spaziergänge machen. Doch wer etwas vom Weg abkommt, der landet kurz vor Beginn des Haldenwaldes auf einem von Pflanzen wild überwucherten Gelände, das größtenteils noch von einem grünen, knapp vier Meter hohen Zaun umrandet ist.

 

Dass es sich – wie vermutet – tatsächlich um eine stillgelegte Tennisanlage handelt, auf der bis vor einigen Jahren noch die gelbe Filzkugel hin- und herflog, wird nach wenigen Metern klar: Netzpfosten, Flutlichtmasten, Bewässerungsschläuche und jede Menge weißer Plastikstränge, die einst die Spielfelder markierten.

Einzigartiger Lost Place in Stuttgart

Was ist hier in den vergangenen Jahren passiert oder besser gesagt nicht passiert? Ein Spaziergänger, ausgestattet mit einer großen Kamera, gibt Nachhilfe über einen sehr speziellen Lost Place, wie es in der Landeshauptstadt wohl keinen zweiten gibt. Ja, er wohne in der Nachbarschaft und interessiere sich für das Grundstück. Aber nur, was die Entwicklung von Mutter Natur angehe. Das werde fotografiert und schriftlich festgehalten.

Und die Natur hat in den vergangenen Jahren ganze Arbeit geleistet und sich Stück für Stück zurückgeholt, was Menschen ihr einst vor Jahrzehnten abgerungen hatten: eine Tennisanlage mit elf Plätzen, Vereinsheim und Parkplatz.

Stuttgarter Ex-Tennisplatz. Überall liegen noch Wasserschläuche herum. Foto: Uli Nagel

Laut Archiv soll die Anlage im Jahr 1961 von der Familie Weinberger gebaut worden sein, die damals schon das Potenzial des Sports erkannt hatte. Ihr Ziel: Tennis für jedermann zugänglich und erschwinglich zu machen und somit als Volkssport zu etablieren.

Tennis war damals noch eine elitäre Veranstaltung in Stuttgart

Damals war Tennis noch eine ziemlich elitäre Veranstaltung, die Mitgliedschaft in einem Verein und somit auch das Spielen teilweise nur über Bürgen und horrende Jahresbeiträge möglich. Die Weinbergersche Tennisoffensive in Stuttgart nahm also in Sonnenberg ihren Anfang, im Lauf der Zeit kamen noch Plätze in Stammheim, Hofen und Ostfildern hinzu.

Doch der Tennisboom, der vor allem durch Boris Becker und Steffi Graf in den 80er- und 90er-Jahren ausgelöst worden war, ließ irgendwann nach. 2019 war endgültig Schluss. Die Familie Weinberger, die auch den Brand der beliebten Sportgaststätte Schwabenhäusle samt Umkleideräume und Duschen im Jahr 2014 wirtschaftlich überstanden hatte, gab auf.

Pläne wurden im Bezirksbeirat von Stuttgart-Möhringen präsentiert

„Nach reiflicher Überlegung haben wir uns entschieden, die Tennisanlage ab 2019 nicht weiter zu betreiben. Wir schauen auf 57 schöne und ereignisreiche, aber auch sehr arbeitsintensive Jahre zurück. Wir haben hier wirklich Einzigartiges erlebt. Gerade auch als uns das Schicksal mit dem Brand nicht hold war, haben wir unheimlich viel Anteilnahme und Soforthilfe erfahren dürfen“, lauteten die rührenden Abschiedszeilen auf der Homepage.

Das war auch gleichzeitig der Abschied des Tennissports aus Sonnenberg. Die Stadt als Eigentümerin des Geländes hatte andere Pläne. 400 000 Euro standen damals für die Reaktivierung der Fläche zur Verfügung, und 2021 stellten Vertreter des Sportamts erste Ideen im Bezirksbeirat Möhringen vor. Eine sportliche Nutzung war klar, aber eine, von der vor allem Kinder und Jugendliche profitieren sollten. Denn für sie gibt es in Sonnenberg wenig bis gar nichts. So wurde auch die Idee eines Pumptracks geboren, also einer Wellenstrecke für Radfahrer.

Anwohner richten jedes Jahr einen Platz in Stuttgart-Sonnenberg her. Foto: Uli Nagel

Eine Bürgerbeteiligung, bei der Jugendliche sich ebenfalls einbringen konnten, fand genauso statt wie Gespräche mit Vereinen und dem angrenzenden Jugendheim Sonnenberg. Zudem gab es einen Vorentwurf eines Landschaftsarchitekten, Boden- und Lärmgutachten sowie Grundstücksvermessungen.

Anwohner befürchten mehr Lärm

Während die Nachbarschaft mehr Radfahrer, Lärm und Müll befürchtete und dem Vorhaben kritisch gegenüberstand, gab es grünes Licht vom Bürgerverein Sonnenberg. Ziel war es, dass Projekt 2023 auf die Baustelle zu bringen. Jetzt schreiben wir 2026. Die Büsche und Bäume werden immer größer und dichter, der Zustand des Geländes immer wilder – bis auf einen Platz. Der wird von den Anwohnern während der Freiluftsaison immer mit viel Enthusiasmus zu ihrem privaten Center Court hergerichtet. Spiel, Satz und Sieg. Aber wie lange noch?

Artenschutzgutachten existiert bereits

Laut dem Stuttgarter Amt für Sport und Bewegung, das als Flächeneigentümerin gemeinsam mit dem Garten, Friedhofs- und Forstamt die Entwicklung der ehemaligen Tennisanlage betreut, wurde für die Fläche bereits ein artenschutzrechtliches Gutachten erstellt und vor einem Jahr eine Bauvoranfrage gestellt. Da sie sich planungsrechtlich jedoch im Außenbereich befindet, ist eine Bebauung oder Umnutzung schwierig, zumal für das Gelände mittlerweile naturschutzrechtliche Einschränkungen bestehen. Unter anderem durch das Vorkommen geschützter Pflanzen.

Kein Geld für Geländepflege

„Sogenannte Pionierpflanzen wie das Weideröschen breiten sich sehr schnell aus, wenn keine Sportnutzung mehr auf einer Anlage stattfindet“, sagt Oliver Hillinger, Sprecher der Stadt. Um Grundstücke wie die Tennisanlage in Sonneberg über viele Jahre zu pflegen und frei von Pionierpflanzen zu halten, fehlen dem Amt für Sport und Bewegung das nötige Geld. „Aktuell prüft die Stadt, ob Teilflächen, die davon nicht betroffen sind, grundsätzlich bebaut oder für Sport- und Bewegungsangebote genutzt werden könnten“, sagt Oliver Hillinger. Hierzu bedarf es noch weiterer stadtinterner Abstimmungen.