Was niemand vermuten würde: In Stuttgart-Bad Cannstatt in Richtung Motorenwerk versteckt sich ein Dorado für die Graffiti-Szene. Ein stillgelegter Eisenbahntunnel.
Die Aufsiedelung des ehemaligen Güterbahnhof-Areals in Bad Cannstatt ist aktuell Stuttgarts größtes Städtebauprojekt. Neben den vielen Gewerbebauten sollen dort in den kommenden Jahren insgesamt gut 850 Wohneinheiten entstehen. Was dabei außergewöhnlich ist: Die beiden Grünbereiche zur Naherholung der künftigen Bewohner sind bereits seit Jahren fertig. Der schmucke, rund 2,3 Millionen Euro teure Quartierspark wurde bereits 2017 eingeweiht; und auch die Biotopfläche „Emy-Gordon-Straße“ ist längst fertig. Dabei handelt es sich um eine gut zwei Hektar große Ausgleichsfläche, die entlang des Bahndamms vom Spielplatz an der Morlockstraße bis ganz nach hinten in den letzten Zipfel des Neubaugebiets führt.
Und genau dort findet man etwas, was man nahe eines Neubaugebiets so nicht vermutet. Ein Lost Place, der irgendwie an den nahe gelegenen Seelbergdurchlass erinnert, Stuttgarts gruseligsten Tunnel. Die verwinkelte, dunkle Röhre ist die einzige Anbindung des Neubaugebiets an den Seelberg für Passanten und Radfahrer.
Zwei Millionen Euro für Eidechsenvergrämung
Bereits vor mehr als zehn Jahren hat die Stadt angefangen, den gut zwei Hektar großen Grünzug einzurichten. Mit ausschlaggebend für die eilige Maßnahme war damals, dass die Stadt die Tierarten, die auf dem ehemaligen Güterbahnhof ihr Zuhause hatten, umsiedeln musste. Allen voran die Mauer- und Zauneidechsen, die sich zuvor auf der 22 Hektar großen Güterbahnhofs-Brache pudelwohl gefühlt hatten und in mehreren Etappen und mit großem Aufwand umgesiedelt wurden. Die Kosten für die Vergrämung beliefen sich auf gut zwei Millionen Euro.
Wer über diesen sogenannten „gleisparallelen Grünzug“, so der Arbeitstitel des Garten-, Friedhofs- und Forstamts, in Richtung Motorenwerk spaziert, der steht plötzlich vor dem Eingang zu einer finsteren Röhre: ein Lost Place, über den es zwar in den Geschichtsbüchern und Archiven so gut wie gar nichts nachzulesen gibt, der optisch aber dennoch sehr eindrucksvoll ist.
Stillgelegter Eisenbahntunnel ist 70 Meter lang
Dabei handelt es sich um einen stillgelegten Eisenbahntunnel, über den heute noch täglich jede Menge Züge donnern. Das Portal der etwa 70 Meter langen Röhre ist nur schwer als solches zu erkennen, erst wenn der Spaziergänger rund 50 Meter davor steht. Schilder an dem Zaun mit der Aufschrift „Betreten verboten“ oder „Privatgelände“ gibt es keine, zudem steht das Tor offen und lädt neugierige Menschen geradezu ein zu einer Entdeckungstour.
Nach wenigen Metern wird einem beim Anblick von dem Prellbock und den Gleisüberresten klar: Hier war einst eine Zu- und Abfahrt zum Güterbahnhof, denn Ende des 19. Jahrhunderts war Cannstatt noch ein bedeutender Industriestandort. Doch erst zehn Jahre nach der „Zwangsehe“ mit Stuttgart am 1. April 1905 wurde im Jahr 1915 der „Ortsgüterbahnhof Cannstatt“ eingeweiht. In den 1980er-Jahren hatte der Bahnhof ausgedient, und der Zugbetrieb wurde stillgelegt. Daraufhin siedelten sich Recycling-Unternehmen, wie etwa die Firma Degenkolbe, etliche Schrotthändler, Speditionen und Logistiker auf dem Areal an. Der Lastwagenverkehr war enorm, Zugverkehr überflüssig, und die Gleise wurden entfernt.
Was den von einer gewissen Eisenbahn-Romantik gepackten Spaziergänger durch die Röhre gar nicht verwundert: auf der Entdeckungstour sind Graffiti ein ständiger Begleiter. Angesichts der Fülle müssen die Sprayer das Tunnelmauerwerk als Untergrund für ihre Bilder und Schriftzüge nicht erst in den vergangenen Monaten entdeckt haben. Kein Wunder, die Stuttgarter Sprayer-Szene, die ihre Hochburg in der Hall-of-Fame unter der König-Karls-Brücke hat, gehört längst zu Bad Cannstatt wie Wein und Mineralwasser. Beim näheren Betrachten erweisen sich die Graffiti zum Teil als echte Kunstwerke, die viel Farbe in die finstere Röhre mit hohem Gruselfaktor bringt.
Gehört das Gelände der Bahn?
Am anderen Ende des Tunnels in Richtung Untertürkheim steht ein weiterer Prellbock einsam in der Pampa, ebenfalls ein stummer Zeuge einer vergangenen Eisenbahnepoche. Allerdings deutet Baumaterial, das teilweise sauber gestapelt wurde, darauf hin, das hier immer noch gearbeitet wird. Auch hier sucht man vergeblich einen Hinweis, auf wessen Gelände man sich eigentlich befindet und ob man sich eventuell strafbar macht oder gar in Gefahr begibt.
Die neben dem Tunnelportal in Richtung Motorenwerk abgestellten Waggons sind zumindest ein Indiz dafür, dass der Spaziergänger sich vielleicht auf Bahngelände befindet. Schon etwas eigenartig, denn ansonsten ist die Bahn sehr akribisch, wenn es darum geht, dass aus ihren Gleisanlagen kein Abenteuerspielplatz für Kinder und Jugendlichen wird. Doch genau das könnte passieren, wenn in den kommenden Jahren die nur in etwa 200 Meter Entfernung liegenden gut 850 Wohnungen fertig sein werden und der neue Stadtteil dann zu leben beginnt.