Verlassen seit Jahrzehnten – wie es im Inneren der einst prächtigen Stuttgarter Villa Berg aussieht, zeigen Bildergalerie und Video. Foto: Golombek

Graffiti an der Wand, Wellen im Parkett – wird die Villa Berg ein Lost Place? Wie es im Inneren des seit 20 Jahren leer stehenden Prachtbaus aussieht, zeigt ein exklusiver Rundgang.

Und irgendwann ertönen ziemlich heitere Töne wie aus dem Nichts. Orgelmusik, aber nicht wie im Geisterschloss. Eher wie im Beatclub, ein Swingen, eine Füßewipp- und Fingerschnipp-Melodie hallt durch die über 170 Jahre alte Villa Berg im Stuttgarter Osten. Die Musik schwebt die geschwungene, mit Linoleum belegte Treppe aus den 50er Jahren hinauf bis in die leer geräumten Büros im Obergeschoss.

 

In einem Zimmer mit Ausblick in den Park verbirgt sich ein Waschtisch im Schrank, irgendwo steht einsam ein Fernseher auf dem Boden. Manche Türen lässt man lieber zu, weil sie nach dem Öffnen nur noch schwer wieder verschließbar wären. Und wo die Flügeltüren sich öffnen lassen, tritt nur der mutige Fotograf auf den Balkon.

Die Villa Berg – Stuttgarts berühmtester Lost Place?

Die seit Jahren verschlossene Villa Berg kann jeder Park-Spaziergänger sehen (auch wie sich Baumwurzeln auf den Terrassentreppen breitmachen). Doch wie schaut es im Inneren des seit zwanzig Jahren geschlossenen Baudenkmals aus? Hat das Architekturjuwel das Zeug zu einer traurigen Berühmtheit als Lost Place? Eine Anfrage des Videoteams unserer Zeitung bei der Stadt ermöglicht eine exklusive Möglichkeit zu spickeln.

Der Gang durch die traurig leere, doch blitzblank geputzte Villa Berg hat etwas von einer Reise mit einer Zeitmaschine, die ins Stottern gerät und immer wieder zwischen 1853 und 1951 springt. Neorenaissancepracht hier, Swinging-Fifties-Innenarchitektur dort. Stuckdecken einerseits, nierentischförmige Garderobe andererseits.

Wenn es nach dem Willen der Stadt geht, die 2015 die Villa gekauft hat, kommt bis 2031 eine neue Zeitspur hinzu, bis dahin könnte die Villa nämlich saniert sein. Die Baukosten für die Villa Berg betragen entsprechend des Gemeinderatsbeschlusses vom Sommer 2025 110,2 Millionen Euro. Wegen der klammen Haushaltskasse der Landeshauptstadt ist der Sanierungsbeginn um ein Jahr auf 2029 verschoben worden, ein Baubeschluss liegt auch noch nicht vor.

1853 bezog das Kronprinzenpaar (und spätere Königspaar) Karl und Olga die von dem Architekten Christian Friedrich von Leins entworfene Sommerresidenz. Auf dem 24 Hektar großen Areal entstand ein schlossartiges Anwesen mit Orangerie und Rehgehege, Wasserfällen, Nymphenbrunnen. Ballsäle hat es gegeben, eine Bibliothek. Nur noch einige Fenster, Flügeltüren wie auch die schmiedeeiserne Balkonverkleidungen sprechen davon.

Zwei Weltkriege und knapp hundert Jahre später wurde die 1944 im Bombenhagel zerstörte Königsvilla wieder aufgebaut, seine ursprüngliche Form behielt sie aber nur rein äußerlich.

In den 1950ern bezog der Rundfunk das Stuttgarter Edeldomizil

Steht unter Denkmalschutz: Sende- und Konzertsaal der Villa Berg in Stuttgart. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Anfang der 1950er zog der Süddeutsche Rundfunk (heute SWR) ein und baute die Villa für seine Zwecke aus. Erhalten ist nur weniges vom eingebauten Nachkriegsflair, die geschwungene Theke im Foyer immerhin. Im etwas tiefer liegenden Einstimm-Musik-Saal mit hölzernen Einbauschränken für die Instrumente hat seit einem Wasserschaden vor vielen Jahren das Fischgrätparkett hohe Wellen geschlagen. Gut beraten ist man, auf die Absperrbänder auf dem Boden zu achten, damit man nicht über die Bodenbeulen stolpert.

Noch originalgetreu und gut in Schuss ist der Sende- und Konzertsaal, in dem einst auch Popkultur stattfand– Konzerte der Fantastischen Vier, von Pur und BAP beispielsweise. Der mit Holz verkleidete Saal steht unter Denkmalschutz, wird also auch bei dem geplanten Umbau in ein „Haus der Musik und Mehr“ erhalten bleiben. Erst recht, seit die vergessene, komplett verstaubte Orgel von einem Spezialisten seiner Zunft wieder bearbeitet und für die Sanierung vorbereitet wird.

Die mächtige Domorgel wird wieder belebt

Orgelexperte Konrad Bucher im Sende- und Konzertsaal der Villa Berg in Stuttgart. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Aus dem Saal auch kam die Musik: Martin Dücker, ehemaliger Generalmusikdirektor der Domkirche St. Eberhard in Stuttgart, sitzt in Mantel und Schal eingemummelt an der Orgel und spielt ein Lied namens „A Rag“. Ein anderer Herr mit roter Wollmütze, Orgelexperte Konrad Bucher, steht daneben, drückt auf weiße, rote, gelbe, blaue Knöpfe und Schalter, auf denen Zahlen und Namen stehen, „75 – Zimbel“, „74 Scharfmixtur“, „60 Waldflöte,“ „83 Rauschpfeife“, „96 Rohrquintade“.

„Die Zungenregister haben schlechte Laune wegen der Kälte“, sagt Konrad Bucher. Klingt nach Orgellatein, doch als Martin Dücker ein mächtiges „Allegro brillante“ anstimmt, hört selbst die Laiin, dass es noch viel Arbeit bedarf, dem Instrument den gewünschten Klang zu entlocken. „Die Orgel war 50 Jahre nicht mehr im Betrieb, es war nur noch ein Rinnsal an Tönen zu hören.“

Die Orgel, auf der Berühmtheiten wie Olivier Messiaens höchstpersönlich ihre eigenen Werke zur deutschen Erstaufführung brachten, und der Sende- und Konzertsaal befinden sich da, wo einst das Königspaar prächtige Stufen hinab- und hinaufschritt, im Treppenhaus. Das rosafarben gestrichene Turmzimmer von Königin Olga weiter oben im Haus mit etwas Stuck an der Decke ist auch noch erhalten in seiner alten Form. Und das Foyer zum Sende- und Konzertsaal hat ebenfalls den selben Grundriss wie das einstige Speisezimmer von Herr und Frau König.

Wem die Villa Berg in Stuttgart gehörte

  • 1853 zieht das Königspaar ein
  • 1913 kauft die Stadt Stuttgart die Villa und öffnet sie samt Café fürs Volk
  • 1951 zieht der Rundfunk ein
  • 2004 zieht der Rundfunk aus
  • 2005-2015 gehört die Villa wechselnden Investoren, die im Park Wohnhäuser bauen wollen.
  • 2016 geht die Villa offiziell in den Besitz der Stadt über, sie hatte 2015 die Villa für 300.000 Euro zurückgekauft – angestoßen durch das bürgerschaftliche Engagement von über 3000 Stuttgarterinnen und Stuttgarter im Rahmen der Initiative Occupy Villa Berg.

Ein Labyrinth aus Treppen und Zimmern

Von der prächtigen Raumfolge mit Foyer, Treppenaufgang, Ballsaal und so fort ist keine Spur mehr. Treppenhäuser wurden in der Nachkriegszeit rücksichtslos entlang von Fensterflächen eingezogen, als wollte man jegliche Erinnerung an adeligen Pomp durchstreichen, tilgen.

Ein Labyrinth aus Treppen, Gängen, Zimmerchen, einer leeren Telefonzelle, Technikräumen ist entstanden, im Keller finden sich technische Anlagen, die vermutlich auch schon Denkmalreife haben, anders als die Toiletten mit quadratischen Fliesen, außer Betrieb, selbstredend.

Herrliche Aussicht auf Fernsehturm, Gaskessel, Rosensteinmuseum

Risse, Graffiti an den Wänden, in einem Raum liegt ein giftgrüner Generator mit mächtigen Kabeln wie der Wurm Fafner aus Wagners „Ring der Nibelungen“ auf dem Boden, tut seine Dienste, spendet Strom für Leuchten. Etwa wenn nächstes Mal beim Tag des offenen Denkmals Besucher durchs Haus geführt werden müssen, das wirklich sehr dringend darauf wartet, in die Zukunft geführt zu werden – vom Keller bis zum Dach, das aufgestockt und für Besucher geöffnet werden soll. Das Stuttgarter Atelier Brückner hat ja im Auftrag der Stadt einen entsprechenden Entwurf vorgelegt.

So könnte die Stuttgarter Villa Berg wieder erstrahlen: Sanierungsentwurf vom Atelier Brückner, Stand 2023. Foto: Rendering Atelier Brückner

Wer die schmale Hühnerleiter hinaufsteigt, steht auf dem Dach, auf der eine Krähe spazieren geht, staunt über die spektakuläre Rundum-Aussicht in den Osten bis zum Fernsehturm, zum Rosensteinmuseum und nach Bad Cannstatt. Das könnte dann ein Hotspot für alle Stuttgarterinnen und Stuttgarter werden. Mehr Selfie-Qualität hätte der Ort sicherlich als ein „Stuttgart-Sign“ – auch wenn die Sanierung (aktuell sind 170 Millionen Euro für Villa, Parkumgestaltung und die Sanierung der Tiefgarage veranschlagt) deutlich mehr als diese 470.000 Euro teure Marketingidee kostet.

Eigentum verpflichtet. Und die Stuttgarterinnen und Stuttgarter warten nun schon seit Jahrzehnten darauf, dass die königliche Sommerresidenz ihr demokratisches Ganzjahresvergnügungshaus wird. Sollten die Sanierungsumfänge weiter verringert werden, um Kosten zu sparen, sollten sich die Damen und Herren von der Stadt mit einer Entscheidung dafür beeilen, denn sonst fressen steigende Bau- und Handwerkerkosten die Einsparsumme rasch wieder auf.

Eindrücke aus der Villa Berg – heutige und historische – finden sich in der Bildergalerie.