Der Ort atmet Geschichte. Doch kaum jemand weiß davon: Am Leuschnerplätzle im Hospitalviertel wurde das erste deutsche Parlament niedergeknüppelt.
Es war das Ende. Für lange Zeit. Hier in der Leuschnerstraße endete der erste Versuch, dass in Deutschland die Bürger und ihre gewählten Vertreter über die Geschicke des Landes bestimmen und nicht durch Geburtsrecht bestimmte Könige. Hier im Hospitalviertel trieben württembergische Dragoner mit ihren Säbeln die Parlamentarier auseinander. Das Ende der deutschen Demokratie. Für 69 Jahre.
Wer heute dort entlanggeht, sieht viel Grau. Innenstadt halt. In die Jahre gekommene Häuser. Parkplätze. Und eine Tafel, die an die Geschehnisse vom 18. Juni 1849 erinnert. Aber die findet man nicht einfach, wenn man sucht. Man muss schon wissen, wo sie ist an diesem Leuschnerplätze genannten Ort. Der eigentlich gar kein Platz ist, selbst das Plätzle ist noch geschmeichelt für diesen Zwickel der Leuschnerstraße zwischen Fritz-Elsas-Straße und Lange Straße.
Dass hier deutsche Geschichte geschrieben wurde, ist nicht zu erkennen. Das soll sich ändern. Angeregt vor zwölf Jahren schon vom Forum Hospitalviertel. Einen „Platz der Demokratie“ wünscht man sich. Studenten des Historischen Instituts der Universität Stuttgart sowie der Fachgruppen Architektur und Kunstwissenschaften-Restaurierung der Kunstakademie hatten sich überlegt, wie Geschichte im Städtebau dargestellt werden kann. Nun gibt es auch Vorschläge vom Stadtplanungsamt. Sie sind im Bezirksbeirat Mitte vorgestellt worden.
Statt wie bisher 17 Parkplätzen soll es Grünflächen mit Spiel- und Sportgeräten geben. Eine Gedenkstele aufgestellt werden und Demokraten gedacht werden in welcher Form auch immer. da denkt man noch nach. Zu den bisherigen drei Bäumen sollen sechs neu hinzukommen, um für Grün zu sorgen, Schatten zu spenden und um Menschen anzulocken. Der Platz soll schließlich belebt sein. Immerhin gehen 2000 Schüler im Hospitalviertel zur Schule. Es besteht also Hoffnung, dass der Platz genutzt wird – und seine Geschichte weitergetragen wird.
Diese Geschichte beginnt mit der Märzrevolution 1848. Sie mündete in Wahlen zu einer verfassungsgebenden Nationalversammlung, die in Frankfurt in der Paulskirche tagte. Unter einer Schwarz-Rot-Goldenen Fahne. Nach dem Vorbild der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und der französischen Menschenrechtserklärung erarbeiteten die Parlamentarier einen Grundrechtskatalog. Darin finden sich etwa die Unverletzlichkeit der Person, Meinungs- und Pressefreiheit, Demonstrationsrecht und Versammlungsfreiheit. Aber auch der Paragraph Sieben: „Vor dem Gesetz gilt kein Unterschied der Stände. Der Adel als Stand ist aufgehoben.“ Die alten Kräfte wehrten sich, im Mai 1849 befahlen zunächst Preußen und Österreich ihren Abgeordneten auszutreten, andere Länder folgten.
Dragoner zerschlagen das Parlament
Das sogenannte Rumpfparlament wollte sich nicht beugen, wurde aus der Paulskirche vertrieben, fand Unterschlupf in Stuttgart. Zunächst im Halbmondsaal des Landtagsgebäudes in der Kronprinzstraße, dann in der Brauerei Kolle in der Militärstraße, dann im Fritzschen Reithaus in der damaligen Kasernenstraße, der heutigen Leuschnerstraße. Am 18. Juni 1849 besetzen württembergische Soldaten das Reithaus. Die Abgeordneten dürfen nicht mehr hinein. Angeführt von Ludwig Uhland und Präsident Wilhelm Loew-Calbe ziehen sie trotzdem zum Reithaus. Dragoner treiben sie mit gezückten Säbeln auseinander. Anschließend zerstören sie das Mobiliar im Reithaus. So endete die erste deutsche Demokratie auf Stuttgarts Straßen.
Wie geht es weiter?
Ein Gedenken scheint überfällig. Doch man muss noch länger Geduld üben. 1,7 Millionen Euro soll die Umgestaltung kosten. Geld habe man aber keines, heißt es vom Stadtplanungsamt. Und weil vorerst auch keine Mittel in Sicht sind, rät Veronika Kienzle, Bezirksvorsteherin von Mitte: „Wir müssen ins Tun kommen!“ Der Bezirksbeirat will prüfen, welche Schritte man gehen kann. Gerne auch unter Beteiligung der Bürger. Demokratie, das ist eben nicht nur reden – sondern auch machen.