In Rottenburg am Neckar befindet sich ein Krankenhaus unter der Erde. Der Bau entstand während des Kalten Krieges und sollte bis zu 400 Menschen medizinisch versorgen können. Die Zukunft des Gebäudes ist jedoch ungewiss.
Es sieht aus wie ein ganz gewöhnlicher Schulhof – Bänke, ein paar Bäume, Kreidemarkierungen auf dem Boden. Doch über eine Tür seitlich des Gymnasiums führt eine Treppe hinab, unter das Gelände und hinein in ein Gebäude, das alles andere als gewöhnlich ist. Das unterirdische Hilfskrankenhaus in Rottenburg ist eines von dreien in Baden-Württemberg, die während des Kalten Krieges gebaut wurden.
Ein Bau aus Zeiten des Kalten Kriegs
Für seine ursprüngliche Nutzung ist der Medizinschutzraum aber nicht mehr brauchbar. Gedacht für bis zu 400 Patienten, Ärzte und Pflegepersonal, hätten die Räumlichkeiten bis zu zwei Wochen autarken Schutz vor der Außenwelt ermöglichen sollen. Einen Blinddarm zu entfernen oder Röntgenaufnahmen zu machen wäre kein Problem gewesen – auch wenn die spartanische Ausstattung mit Konzentration auf das Allernötigste und die Unterbringung in Krankenzimmern mit bis zu 48 Betten gewiss keinen Komfort geboten hätte.
Der Betonbau ist bis zu 3,6 Meter in die Erde eingetieft und behauste einst unter anderem einen Operationsbereich inklusive Labor-, Röntgen- und Sterilisationseinrichtungen, einen Kranken- und Pflegebereich sowie eine Notküche. In dieser hätten Mahlzeiten aus Dosen für bis zu 1500 Menschen aufgewärmt werden können. Viele der Räume sind baulich fast identisch, um sie bei Bedarf für unterschiedliche Zwecke verwenden zu können.
Denkmalauszeichnung wegen Modellcharakters
Doch die auf etwa 2400 Quadratmetern verteilten Räume sind in keinem guten Zustand. Die Rohre rosten vor sich hin, die Küche zerfällt langsam in ihre Einzelteile. Spinnweben hängen von den Türrahmen, es ist kalt und riecht muffig. Die Betten und restlichen Möbel wurden längst entsorgt, was das Krankenhaus in Kombination mit den gleichförmigen Räumen in ein Labyrinth verwandelt. Dabei habe das Hilfskrankenhaus bei dessen Bau in den Sechzigerjahren Modellcharakter gehabt, sagt Jörg Widmaier vom Landesamt für Denkmalpflege: „Das war mitausschlaggebend für die Denkmalauszeichnung.“
Die Anlage wurde vor wenigen Jahren, fast zeitgleich mit dem Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine im Februar 2022, als Denkmal ausgezeichnet. Ein Zufall, der die traurige Aktualität des Gebäudes verdeutlicht. Fürchtete die westdeutsche Regierung damals permanent, durch den schwelenden Ost-West-Konflikt zur Zielscheibe des Kalten Krieges zu werden, herrscht heute wieder Krieg in Europa.
Dieser geschichtliche Aspekt machte das Hilfskrankenhaus unlängst zu einem Besuchsziel beim Tag des offenen Denkmals. Dieser stand in diesem Jahr unter dem Motto „Wahr-Zeichen. Zeitzeugen der Geschichte“. Staatssekretärin Andrea Lindlohr bezeichnete den unterirdischen Bau vor dem Rundgang als „herausforderndes Denkmal und Gebäude“.
Herausfordernd deshalb, weil die Zukunft der Anlage unklar ist. Bereits seit Ende der Neunzigerjahre wartet das Hilfskrankenhaus auf eine neue Bestimmung. Da das Eugen-Bolz-Gymnasium oberhalb des Bunkers renovierungsbedürftig ist, wird die Frage zunehmend dringlicher.
Die Kosten für den unterirdischen Bau übernahm damals der Bund. Auch die Finanzierung einer eventuellen Renovierung, da sind sich die Beteiligten bei der Führung einig, sollte die Stadt nicht allein stemmen müssen. „Wir sind in Rottenburg denkmalschutzerprobt“, sagt Finanzbürgermeister Hendrik Bednarz optimistisch im Hinblick auf die besondere Herausforderung.
Ein Beispiel hierfür ist die römische Badeanlage, die während des Bau des Krankenhauses freigelegt wurde und die man beim Betreten des unterirdischen Gebäudes passiert. Die Anlage stammt aus dem zweiten Jahrhundert und wurde als archäologisches Fenster aufbereitet. Beim Vorbeigehen in Richtung Krankenhaus blickt man hauptsächlich auf eine Wand heller Steine, die jedoch verdeutlichen, das hier komplett unterschiedliche Epochen nah aufeinandertreffen.
Durch die versteckte Lage ist das Hilfskrankenhaus lange Zeit in Vergessenheit geraten. Nun, durch die Auszeichnung als Denkmal, sei es wieder in den Blickpunkt gerückt, so Hendrik Bednarz. Eine der Überlegungen ist der Umbau in ein Museum, um die Anlage der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.