Der Alte Friedhof wurde bereits 1628 angelegt und hat sich mittlerweile in ein friedliches kleines Refugium verwandelt. Foto: Simon Granville

Der Alte Friedhof in Kornwestheim liegt versteckt hinter Mauern und einem vergitterten Tor. Doch man kann ihn noch besichtigen – und dabei weit mehr entdecken als nur Grabsteine.

Grabsteine säumen die üppig bewachsene Wiese, manche sind schon dicht mit Moos überwachsen, die Schrift kaum noch zu lesen. Ein eindrucksvoller Torbogen erhebt sich am Ende des Weges. Hohe Bäume und dichte Büsche überragen die Szenerie. Es könnte eine Szene aus einem Gruselfilm sein. Das Gegenteil ist der Fall. Der Alte Friedhof in Kornwestheim, inzwischen ein Lapidarium – eine Art Museum für Werke aus Stein –, ist ein Ort zum Herunterkommen und Innehalten geworden. Ein Lost Place und friedvolles Refugium genau zwischen einer Anwaltskanzlei und einem Fensterbauer. Wer hinein will, muss nur fragen.

 

Eigentlich kaum zu glauben, dass aus dem Friedhof an der Aldinger Straße 2 diese kleine Oase geworden ist, geht ihm doch eine überaus tragische Geschichte voraus. In den Jahren 1611 bis 1625 wurden in Kornwestheim jährlich um die 20 bis 25 Personen beigesetzt, schreibt der Ortschronist Christian Lober. 1626 waren es dagegen plötzlich 184 – 166 davon allein in der Zeit von September bis Dezember. Und das Sterben ging weiter. Innerhalb von acht Monaten wurden die Kornwestheimer mit fast 200 Toten konfrontiert. Und das bei einer Bevölkerungszahl von gerade mal rund 650 Personen. Der Grund liegt auf der Hand: der Ausbruch der Pest.

Der Friedhof an der Kirche wurde zu klein

„Bis zu diesem Zeitpunkt befand sich der Friedhof noch, wie es damals üblich war, bei der Dorfkirche“, erklärt die Kornwestheimer Stadtarchivarin Natascha Richter. Im Fall von Kornwestheim war das die – heute evangelische – Martinskirche. „Die große Anzahl der Toten während der Pest und des 30-jährigen Krieges sprengte aber den Platz auf dem Kirchhof.“ Daher hat man 1628 in der Nähe den damals noch neuen Friedhof angelegt.

Die erste Person, die dort begraben wurde, war einer Ortschronik zufolge ein gewisser Martin Sorg, genannt der Fuchsmartin, gestorben am 23. Februar 1630. Seither sind dort mehr als 500 Grabplätze errichtet und immer wieder neu belegt worden.

Erst 1903 wurde schräg gegenüber, auch in der Aldinger Straße, der „Neue Friedhof“ errichtet, und aus dem vormals neuen Friedhof wurde der Alte Friedhof – auf dem zwar bis 1950 noch Beerdigungen stattfanden, aber nur auf Anfrage, zum Beispiel in Familiengräbern.

Selbst nach der endgültigen Stilllegung stand der Friedhof weiterhin offen, „jeder konnte ihn besuchen“, erzählt Natascha Richter. Allerdings wurde die Anlage weitgehend sich selbst überlassen. Mit der Zeit wurde der Besuch daher immer mehr zum Risiko, weil mehrere Steine nicht mehr standfest waren und jederzeit umzukippen drohten. Das brachte schließlich den Wendepunkt. 1973 wurde der Alte Friedhof geschlossen und zahlreiche Grabsteine abgebaut.

Inzwischen kann man den Friedhof, unter anderem bei Führungen, wieder besuchen – und entdeckt dort noch so manches andere übergroße „Kleinod“. „1980 wurde aus dem Friedhof ein Lapidarium gemacht“, erzählt die Archivarin. Gräber und Grabsteine, die als erhaltenswert betrachtet wurden, wurden stehen gelassen oder nach dem Abbau wieder neu aufgestellt. Gleichzeitig fanden weitere bedeutsame Funde aus der Stadt dort ein neues Zuhause.

Zum Beispiel das große Eingangstor eines einstigen Bauernhofs, des sogenannten Husarenhofs. Oder der Torbogen vom ehemaligen Schulhaus an der Wette, das 1880 errichtet wurde. „Man könnte sagen, der Alte Friedhof ist jetzt ein Friedhof für Steine“, formuliert es Natascha Richter schmunzelnd. Zum Teil wurden auch schon bedeutsame Grabsteine vom Neuen Friedhof dorthin gebracht, nachdem die Ruhezeit abgelaufen war.

Natascha Richter ist Stadtarchivarin von Kornwestheim und kennt sich aus auf dem Alten Friedhof. Foto: Simon Granville/Simon Granville

Wer hofft, uralte Gräber aus dem 30-jährigen Krieg auf dem Gelände zu finden, wird allerdings enttäuscht sein. Aus dieser Zeit ist nichts mehr erhalten. Die meisten Grabsteine stammen aus dem 19. oder 20. Jahrhundert, einige ältere noch aus dem 18. Jahrhundert. Dafür ruhen ein paar bekannte Größen auf dem Alten Friedhof oder zumindest deren Grabsteine, vor allem aus der Familie Sigle – die Salamander-Gründerfamilie.

Ein verwunschener kleiner Park

Nicht nur aufgrund der Steinwerke ist der Alte Friedhof einen Besuch wert. Das viele Grün zwischen den alten Friedhofsmauern verwandelt die Anlage in einen verwunschenen kleinen Park. Zudem verfügt der Ort über einen „sehr schönen und alten Baumbestand, der von unserer Stadtgärtnerei gepflegt wird“, sagt die Stadtsprecherin Sandra Schuon. „Gleiches gilt für die Krokusse, die so zahlreich auf dem Alten Friedhof wachsen.“

Die nächste Führung über den Alten Friedhof ist für kommenden Herbst geplant, das genaue Datum wird später noch auf der Homepage der Stadt Kornwestheim veröffentlicht. Wer nicht so lange warten möchte, kann sich unter 07154 / 202-7150 an die Friedhofsverwaltung wenden und den Schlüssel ausleihen.