Bislang gilt die Erschöpfung nach einer Corona-Infektion als häufigstes Symptom von Long Covid. Doch depressive Verstimmungen sind genauso relevant – wie neueste Untersuchungen ergeben haben. Foto: imago/photothek

Eine Auswertung der AOK von knapp 88 000 bestätigten Fällen im Land zeigt: Neben der Erschöpfung ist ein bislang unterschätztes, zweites Symptom prägend für die Erkrankung.

Bislang gilt die Erschöpfung nach einer Corona-Infektion als häufigstes Symptom von Long Covid. Nun zeigen Daten der AOK Baden-Württemberg, dass depressive Verstimmungen genauso relevant sind. Etwa jeder Vierte mit Diagnose Long Covid leidet darunter. Der Anteil ist deutlich höher als bei Atemnot (21 Prozent), Schlafstörung oder Kopfschmerz mit je rund 15 Prozent. Gemein ist allen Symptomen, dass sie unter Long-Covid-Patienten viel häufiger vorkommen als beim Rest der Bevölkerung.

 

Die große Häufigkeit von Depressionen ist eine neue Erkenntnis in der Beschreibung einer immer noch nicht klar greifbaren Erkrankung. Bisher wurden depressive Verstimmungen zwar meist als Begleiterscheinung genannt, zählten aber nicht zu den häufigsten Symptomen. Die AOK-Daten beruhen auf knapp 88 000 Long-Covid-Fällen, die bis Ende 2022 ärztlich diagnostiziert wurden. Die Krankenkasse ist mit gut 4,6 Millionen Versicherten die größte in Baden-Württemberg.

Die Ergebnisse legen nahe, bei der Long-Covid-Therapie stärker auf die Psyche zu achten. Dies betrifft auch die Hausärzte, die nach Angaben der AOK oft die erste Anlaufstelle sind, wenn die Symptome auch Wochen nach der akuten Erkrankung nicht verschwinden. Die Psyche sei mittlerweile ein „Reizwort“, war im März im „Deutschen Ärzteblatt“ zu lesen; auf keinen Fall dürfe auch nur der Verdacht geäußert werden, dass Long Covid auch mit psychischen Ursachen zu tun haben könne. Psychische Faktoren auszublenden sei aber „nicht nur diagnostisch fehlerhaft, sondern verbaut auch einen wichtigen therapeutischen Weg aus der Misere“, schrieben die drei Medizinprofessoren Frank Erbguth, Hans Förstl und Christoph Kleinschnitz.

Mehr Ältere – mehr Long Covid

Ob die Depression Ursache oder Folge von Long Covid ist, lässt sich freilich pauschal nicht beantworten, es handle sich „nicht um ein einheitliches Krankheitsbild“, sagt die AOK-Fachärztin für Psychiatrie, Alexandra Isaksson.

Long-Covid-Fälle sind ungleich übers Land verteilt. Warum, ist nicht ganz zu klären. Die Zahl der bestätigten Corona-Infektionen oder die Altersstruktur in den Stadt- und Landkreisen bestimmen nur bedingt, warum der Long-Covid-Anteil im Kreis Freudenstadt mit 4,4 Prozent so viel höher ist als in Stuttgart (1,7 Prozent) oder am Bodensee (1,3 Prozent). Von einigen Ausreißern abgesehen gibt es einen leichten Zusammenhang mit dem Anteil der über 50-Jährigen: je mehr Ältere, desto mehr Long Covid.

Klar ist, dass die Erkrankung das Gesundheitssystem belastet. Long-Covid-Patienten gehen ausweislich der AOK-Daten sechsmal häufiger zum Lungenarzt, dreimal so oft zum Kardiologen und fast doppelt so oft zum Hausarzt. Long Covid gehe „mit einer Beeinträchtigung der Lebensqualität und Alltagsfunktionen einher“, sagt Alexandra Isaksson. Spezielle Medikamente gibt es nicht, man könne nur „symptomatisch behandeln“. Dass das auf die Psyche schlägt, verwundert nicht.