„Lone Ranger“ ist ab 12 Jahren freigegeben und läuft in Stuttgart in den Kinos Cinemaxx, Corso, Gloria, Metropol, Ufa, Foto: Disney

Der Lone Ranger, maskierter Kämpfer gegen das Unrecht im Wilden Westen, ist eine Ikone der US-Kultur, Held vieler Bücher, Radio-Shows, Filme und Comics. Am ganz großen Wurf haben sich nun Gore Verbinski und Jerry Bruckheimer versucht, das Dream-Team von „Fluch der Karibik“.

Stuttgart - Der spätere Lone Ranger erwacht auf einem wackligen Holzgerüst auf der Spitze eines hohen Felsens und schaut in die atemberaubende Tiefe, eine entgleiste Dampflok rutscht auf den Lone Ranger und seinen Mitstreiter Tonto zu und droht sie zu zerquetschen: Die spektakulärsten Szenen verschenkt auch bei diesem Film wieder einmal der Trailer. Was hier allerdings in den Hintergrund tritt, denn es stellen sich viel grundsätzlichere Fragen.

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Man möchte ihn mögen, diesen Film, in dem so vieles steckt, und der es seinen ­Zuschauern doch so schwermacht. Denn „Lone Ranger“ ist nicht ein Film, sondern drei: erstens ein tiefgründiges Western-Drama über den Völkermord an den Indianern mit gigantischer Kulisse; zweitens eine aus Filmzitaten montierte Hommage ans Western-Genre; drittens eine Western-Persiflage mit turbulenten, federleichten Klamauk-Sequenzen und großen Effekten.

Es liegt auf der Hand, dass dieser dritte Teilaspekt überhaupt nicht zum ersten passt – wer tote Indianer en masse im Fluss hat treiben sehen, kann sich danach kaum auf eine Eisenbahnverfolgungsjagd in Buster-Keaton-Manier („Der General“, 1926) einlassen. Erstaunlich, dass ihnen das nicht aufgefallen ist, dem Hollywood-Produzenten Jerry Bruckheimer („Beverly Hills Cop“, „Top Gun“, „Staatsfeind No. 1“, „Armageddon“), seinem Blockbuster-Regie-Ziehsohn Gore Verbinski („Rango“) und den sechs Drehbuchautoren.

Wüste Desperados mit Narben und schlechten Zähnen

Bruckheimer und Verbinski wollten wohl dem Western ein Denkmal setzen, wie es ihnen im ersten Teil von „Fluch der Karibik“ mit dem damals mausetoten Piraten-Genre gelungen ist; und eigentlich ist auch alles da, was eine Western-Reflexion 2013 braucht. Als Folie dienen bekannte Panoramen, die Felskolosse des Monument Valley, gigantische Wüstendünen, das saftige Idyll der Prairie, äußerlich wie moralisch morsche Holzstädte des Wilden Westens.

Dort tummelt sich, gerade im richtigen Maße zugespitzt, vertrautes Personal: Wüste Desperados mit Narben und schlechten Zähnen, beinharte Sheriffs mit großen Büchsen und langen Mänteln, eine wehrhafte Hurenmutter mit bemaltem Holzbein und dem üppigsten Bordell aller Zeiten (grandios: Helena Bonham-Carter), stolze Komantschen-Häuptlinge, die eher untergehen, als sich weiter demütigen zu lassen, übereifrige Offiziere der US ­Army à la General Custer, die sich vor den Karren des Genozids spannen lassen, gierige Eisenbahnmanager, die nur an ihren Profit denken (einmal mehr Oscar-reif als größenwahnsinniger Zyniker: Tom Wilkinson) – und ein Greenhorn, das mit Hilfe des verrückten Indianers Tonto und des weißen Hengstes Silver zum Helden wird.

Die Klammer bildet die Erzählung des uralten Tonto, der als lebendes Exponat einer Wildwest-Show einem Jungen seine Geschichte darlegt – genau so, wie in ­Arthur Penns „Little Big Man“ (1970) die Hauptfigur (Dustin Hoffman) einem Journalisten von ihrem wechselvollen Leben zwischen Weißen und Indianern berichtet.

Man möchte ihn mögen, diesen Film

Im Zentrum der Handlung des Jahres 1869 steht der Bau der transkontinentalen Eisenbahn, die ­alles verändern wird, und Verbinski zitiert ganze Einstellungen von Sergio Leone, etwa die aus „Spiel mir das Lied vom Tod“ (1968), in der ein Haufen Bewaffneter am Bahnhof wartet – die freilich bereits ein Zitat aus „High Noon“ (1952) war. Hans Zimmer greift in seiner Filmmusik Themen Ennio Morricones auf. Und Tonto schützt sich in der Wüste mit einem rosa Damenschirmchen vor der Sonne wie einst Eli Wallach in „The Good, the Bad and the Ugly“ (1966), der sich mit Clint Eastwood einen Kleinkrieg lieferte, wie es abgeschwächt nun der Lone Ranger und Tonto tun; sie werden sogar ­gemeinsam eine Brücke sprengen.

Wie einst James Stewart in John Fords „The Man Who Shot Liberty Valance“ (1962) ­betritt Armie Hammer die Szenerie als ­anzugtragender Jurist von der Ostküste, der dem Westen Recht und Gesetz bringen möchte. Doch ihm fehlt ein Lehrmeister wie John Wayne, und so bleibt er ein Leichtgewicht, dessen Wandlung zum gallopierenden Kunstschützen sich viel zu plötzlich wie aus dem Nichts vollzieht. Da war die Mutation vom Buchhalter zum Outlaw in Jim Jarmuschs „Dead Man“ (1995) weitaus glaubwürdiger, die Johnny Depp verkörperte. Diesen haben Verbinski und Bruckheimer als Tonto engagiert, und er spielt einfach seine Paraderolle aus „Fluch der Karibik“ in anderer Kostümierung weiter – wirres Zeug murmelnd, einen toten Vogel als Kopfschmuck, irrt er durch den Westen wie Captain Jack Sparrow über die Weltmeere. Das muss scheitern, denn Tonto trägt ein viel schwereres Päckchen mit sich herum als Captain Jack. Eines, angesichts dessen sich jeder Klamauk verbietet. Wie in Sam Peckinpahs „The Wild Bunch“ kommt ein Maschinengewehr zum Einsatz, ein weiterer Bote der neuen Zeit, der hier die Komantschen hinwegfegt.

Und bald drängt sich noch eine Parallele auf, eine ungewollte freilich: Wie Michael Ciminos mit riesigem Aufwand produzierter Monumentalwestern „Heaven’s Gate“ (1980), der als einer der größten Flops der Filmgeschichte gilt, könnte „Lone Ranger“ sang- und klanglos untergehen, unverstanden von der Welt.

Man möchte ihn mögen, diesen Film, der viele denkwürdige Bilder bietet, lange nachwirkt – und es seinen Zuschauern doch so schwermacht.

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