Mutter mit Tochter (Kathrin Hildebrand, rechts, und Mia Otto) beim Probewohnen: Lokstoff thematisiert die Mietmisere in einem Möbelhaus. Foto: Alexander Wunsch

„Wohnst du noch oder teilst du schon?“, das ist die Frage in „Lesshome“, dem neuen Stück von Lokstoff. Ungewöhnliche Lösungen für die Wohnungsnot findet die Stuttgarter Theatertruppe in einem Möbelhaus.

Stuttgart - Sie sitzt an einem Tisch, den sie freilich niemals bezahlen könnte. Sie kann sich ja nicht einmal eine Wohnung leisten. Deshalb wohnt sie im Möbelhaus, ein lebendes Ausstellungsstück, eine schicksalhafte Zwischennutzerin mit einer Tochter, deren Zimmer sich unter diesem Tisch befindet. „Lesshome – Wohnst du noch oder teilst du schon“ – so heißt das neue Stück der Theatergruppe Lokstoff, das am Donnerstagabend unter der Regie von Dieter Nelle und Wilhelm Schneck Premiere feierte, im Stuttgarter Einrichtungshaus Behr, in der Paulinenstraße 41.

Der findige Unternehmer Bernardo San Rafael ist es, der die Zuschauer im Foyer empfängt. Einst war er selber ohne Wohnsitz, verfiel auf eine gewagte Idee, um diesen Zustand zu ändern, hatte Erfolg. Nun glaubt er, die Zukunft des Wohnungsmarktproblems in Händen zu halten: er lädt ein zum Rundgang durch das Einrichtungshaus, dessen Räume und Möbel vier Stuttgarter Bürger nutzen dürfen, bis sie den Zuschlag für eine neue Wohnung erhalten.

Komisch und sehr berühren

Vier Menschen legen vor dem Besichtigungstrupp ihr ganzes Leben bloß: weshalb sie ihr Heim verloren, wie viel sie verdienen, wie sauber ihr Konto ist, wie fleißig sie sind, servil, wie hoch sie die Kehrwoche halten. „Manchmal“, sagt Bernardo San Rafael freundlich, „muss man sich halt ein bisschen nackig machen, um eine Wohnung zu bekommen!“ Und: „In unseren zertifizierten Möbelhäusern werdet Ihr ausschließlich hochwertige Lesshomies finden!“

Hannah Jasna Hess, Kathrin Hildebrand, Mia Otto, Natanaël Lienhard und Wilhelm Schneck geben den Wohnungsbewerbern Gesichter – hilflos, komisch, auch ein wenig eitel, ein wenig frech, immer aber sehr berührend. Da ist die Busfahrerin, die 25 Jahre lang im Stuttgarter Osten wohnte, ehe ihre Vermieterin starb. Da ist die junge Hotelmanagerin, deren Karriere platzte, als ihre Mutter erkrankte, der nun nur noch die Luftmatratze bleibt und der „One Sleep Stand“ via Tinder: „Schlechter Sex macht mir nichts, wenn ich dafür in der Nacht meine Ruhe habe.“ Da ist der Vertriebler, den seine Frau durch seinen eigenen Bruder ersetzte und der nun der familiären Zerrüttung auf engstem Raum entkommen möchte. Und da ist der Fotograf mit künstlerischen Ambitionen, den eine Steuerschuld überraschte: „Ich möchte nur einen Raum, in dem ich wieder ich selbst sein kann!“, klagt er.

Lokstoff haben mit „Lesshome“ ein brandaktuelles Thema aufgegriffen, gehen mit ihrer Inszenierung an ungewöhnlichem Ort über die treffende Satire aber weit hinaus: es sind sehr fein ausgestaltete Porträts, lebensnahe Charaktere, mit denen dieses Stück einen Abgrund aufzeigt, der sich allmählich auch in der Mitte der Gesellschaft öffnet.

Nächste Vorstellungen am 5./6.12. (ausverkauft), 23./24. Januar, 13./14. Februar, 26./27. März, 2./3. April

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