Eine Firma aus Brandenburg wird ab Mitte Dezember die Fahrgäste auf der Zugstrecke zwischen Stuttgart und Nürnberg transportieren. Wie bereitet sie sich vor?
Crailsheim - Von außen hält sich die Schönheit der hier am Gleis 2 in Crailsheim stehenden N-Wagen der Firma WFL-Logistik aus Potsdam in Grenzen. Aber angeblich brauchen sie nur eine Außenreinigung, was in den Stuttgarter Bahnwerkstätten aber bei Minus-Graden nicht möglich ist. Mit einem beherzten Schritt ist man drin im Abteil dieser 1980 zuletzt produzierten Wagen, die auch „Silberlinge“ genannt werden – und da bullert eine warme Heizung und die blauen Sitzgarnituren sind gebraucht, aber sauber.
Die schöne, neue Bahnwelt in Baden-Württemberg, die Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) mit privaten Bahnbetreibern als Konkurrenz zur DB Regio versprochen hat, sie fängt zum Fahrplanwechsel am 15. Dezember mit einem Kuriosum auf der Murrbahn zwischen Stuttgart und Nürnberg an: Weil bestellte Neufahrzeuge des Zugherstellers Stadler nicht pünktlich geliefert worden sind, braucht der auf dieser Strecke neue Bahnbetreiber Go Ahead – deutsche Tochter eines britischen Konzerns – bis März 2020 Starthilfe von drei Subunternehmen.
„Diese Wagen sind kampferprobt und winterfest“
Eins davon ist die WFL-Logistik, die normalerweise Nostalgiezüge rollen lässt und Baulogistik betreibt. Sie lädt die Presse zur Testfahrt ein, bei der vier WFL-Lokführer sowie Zugführer – das sind sozusagen die begleitenden Zugmanager – gerade die Einweisung für Lokomotive, Wagen und Steuerwagen erhalten. Und ihnen werden die Besonderheiten der Strecke nahe gebracht. Um das Thema „Silberlinge“ aber mal gleich abzuhaken: „Diese Wagen sind kampferprobt und winterfest, sie haben keine anfällige Software und keine Probleme mit der Türschließung“, sagt Gregor Schulz, der örtliche Betriebsleiter von WFL. Mit einem Stab von 30 Mitarbeitern wird die WFL den „Job“ auf der Murrbahn stemmen, alle wohnen in einem Hotel in Crailsheim, nach sieben Tagen Schicht haben sie sieben Tage frei.
Die morgendliche Fahrt führt durch die Idylle des Welzheimer Waldes, noch liegt ein silberner Eismantel auf den Wiesen, an drei Bahnhöfen stehen Train-Spotter von Eisenbahnvereinen, die mit Kamera und Stativ Fotos schießen. „Oh, Sch...“, entfährt es einem Lokführer am Bahnhof Fichtenberg, er hat kurz auf den Ausdruck des Fahrplans geblickt und hätte beinahe das Anhalten vergessen. „Ich habe den Fehler geahnt, aber er hat es ja selbst erkannt. Wir brauchen die Lerneffekte“, sagt Gregor Schulz, der früher selbst bei der Deutschen Bahn als Lokführer gearbeitet hat und jetzt die Lizenz als akkreditierter Prüfer hat. In Gaildorf-West hatte das bei der Testfahrt ein Dutzend Mitarbeiter starke WFL-Team kurz Pause gemacht: Da wurde die Rampenhydraulik für die Rollstuhlfahrer erklärt, und ein Zugführer hat die Ansage „Bitte einsteigen!“, die Bahnsteigkontrolle und Türschließung geprobt.
Die Liberalisierung des Bahnverkehrs ist überall spürbar
Bis zu 140 Stundenkilometer fährt die Lokomotive der Baureihe 185 – und im Führerhaus kommt es einem ziemlich rasant vor. Aber dieses Tempo ist 20 Stundenkilometer langsamer als die noch nicht gelieferten Flirt-XL-Züge von Stadler. Und deshalb kommt es dazu, dass die Fahrgäste unter dem neuen Fahrplan einmal in der Woche einen Anschluss in Nürnberg nicht schaffen werden. Rund 1000 Kilometer am Tag wird die WFL-Logistik auf der Murrbahn fahren, mit zwei Zügen mit jeweils 430 Sitzplätzen – nur die Fahrkartenkontrolleure werden von Go Ahead sein. Gregor Schulz ist überzeugt davon, dass das für die Murrbahn ertüftelte Ersatzkonzept gut funktionieren wird.
Die WFL ist ohnehin auf Flexibilität im Betrieb geeicht, sie fährt eigentlich überall, bietet Sonderfahrten für Vereine und Firmen an, beispielsweise mit der schnellsten noch betriebsfähigen Dampflok (Baureihe 18 201). Und am Beispiel der Potsdamer ist die Liberalisierung im Bahnverkehr gut ablesbar: Sie „mieten“ sich beispielsweise Zugbegleiter auf dem freien Markt, sie nehmen für den Auftrag im Schwäbischen die Prüfdienste der Firma Smartrail entgegen und haben den Job der Betriebsführung an die UEF GmbH (Ulmer Eisenbahnfreunde) vergeben. Bahnmonopol, das war einmal.
Junge Leute scheuen die Schicht- und Wechseldienste
Der WFL-Lokführer Marcel Rehfeld (37) sagt, dass er „die Abwechslung“ suche, und die sei ihm beim jetzigen Arbeitgeber geboten. „Ich bin für die WFL auch schon Flix- und Güterzüge gefahren, bin gerne auf neuen Strecken. Als Lokführer ist man sein eigener Chef, ich habe Spaß am Beruf.“ Die Murrbahn, so Rehfeld, habe übrigens sehr schöne Ecken. Dass die Lokführer unter Nachwuchsmangel leiden, liegt seiner Ansicht nach daran, dass junge Leute die Schicht- und Wechseldienste scheuen.
„Verehrte Fahrgäste, in Kürze erreichen wir Stuttgart-Hauptbahnhof. Unsere Fahrt endet hier“, sagt ein Lokführer. Die Ansage ist noch eine Formulierung der WFL. Wie Go Ahead sich die Ansagen wünscht, wird sie noch mitteilen. Bis Sonntag ist ja noch Zeit.