Bei der Konferenz „Jugend und Kommunalpolitik im Landkreis Böblingen“ haben Schüler Ideen für die Politik ausgearbeitet und sie Lokalpolitikern vorgeschlagen. Was beschäftigt die jungen Menschen zurzeit? Was könnte lokal besser laufen? Wir haben nachgefragt – und teils bedrückende Antworten erhalten.
„Die Politik schaut über uns hinweg“
Sicherheit ist für Olivier Mlynski ein wichtiges Thema. „Ich mache mir Sorgen, wenn ich nachts draußen unterwegs bin“, sagt der 17- jährige Böblinger. In Böblingen fühle er sich vor allem am Bahnhof auf sich alleine gestellt, wo in letzter Zeit vor allem junge Täter öfter auffällig geworden seien. „Wenn dann halt keine einzige Kamera vorhanden ist, fühlt man sich schon unwohl. Auch um meine 13-jährige Schwester mache ich mir Sorgen.“
Auf die Frage, ob die Politik auf Jugendliche und ihre Belange hört, antwortet Olivier mit einem klaren „Jein“. Sicher habe die Jugend Möglichkeiten, ihre Meinung zu äußern, aber wichtiger sei, was dann passiert. „Die Pandemie hat gezeigt: Die Politik schaut über uns hinweg. Während Corona haben viele junge Menschen gelitten.“
Deshalb macht er bei der Jugendkonferenz mit – und kann sich durchaus vorstellen, später selbst in die Politik zu gehen. Probleme gebe es genügend: Die Finanzierung seines Lebens, besonders in der Rente, und die Klimakrise machen ihm zu schaffen. „Würde man mich fragen, würde ich eher in die Vergangenheit zurückreisen wollen, als in die Zukunft.“
„Oft kommt die Polizei vorbei“
Ibrahim Ahmatović wünscht sich Orte, an denen er mit seinen Freunden in Ruhe chillen kann. „Wenn wir in Parks oder so unterwegs sind, kommt oft die Polizei vorbei“, erzählt er. Weil sich Anwohner gestört fühlten und eine Streife riefen. Am besten wäre ein Ort draußen, mit Überdachung, wo er und seine Freunde einfach sie selbst sein dürfen – ohne dabei andere zu stören, weil sie eben daneben wohnen.
Ansonsten ist der Sindelfinger „voll zufrieden“ mit seinem Wohnort. „Eigentlich ist mein Stadtteil Goldberg ganz gut vernetzt.“ Nur ein Nachtbus, der fehle. Er beschäftigt sich bei der Konferenz mit den Themen Freizeit und Infrastruktur, denn er ist gerne unterwegs.
Ibrahim wurde von seinem Lehrer animiert, bei der Jugendkonferenz mitzumachen – und von der Aufwandsentschädigung, die er dafür erhält. Politisch fühlt er sich eher nicht vertreten. „Das klappt nie, wenn man Wünsche äußert in Richtung Politik.“ In die Zukunft schaut er trotzdem recht entspannt: „Ich nehme das Schritt für Schritt“, meint er. Schnell auf eigenen Füßen stehen zu können, bereite ihm Druck. „Aber den mache ich mir selbst.“
„Ich habe Angst vor der Zukunft“
Jasmina Dervishe findet, dass Jugendliche durchaus Möglichkeiten zur Mitsprache haben. Sie selbst erlebt das als Mitglied des Jugendgemeinderats. „Wo ich kann, helfe ich mit“, erzählt die 17-Jährige. „Ich möchte die Wünsche von Jugendlichen einbringen und habe dort die Chance, sie umzusetzen.“
Deshalb ist sie auch bei der Jugendkonferenz dabei. Aber: „Viele engagieren sich nicht, weil sie zum Beispiel gar nicht wissen, dass es einen Jugendgemeinderat gibt.“ Sie sieht da sowohl die Jugendlichen in der Pflicht, nachzufragen, als auch die Schulen: Sie selbst hatte Kommunalpolitik im Unterricht – da habe sie viel lernen können. Jasmina findet Böblingen besser als andere Städte in der Nähe. Leonberg erwähnt sie als Negativbeispiel. „Da gibt es weniger Vereine und nicht so viele E-Roller.“ Und auch einen Jugendgemeinderat gebe es nicht überall.
Wie sie in die Zukunft blickt? „Ganz ehrlich, ich hab Angst vor der Zukunft“, sagt die 17-Jährige. Der Klimawandel spielt dabei eine große Rolle, oder der viele Müll, der auf der Straße herumliegt. Auf die Frage, ob sie sich auch auf etwas in der Zukunft freut, überlegt sie lange und antwortet dann: „Eigentlich nicht.“
„Man kann sich immer steigern“
Der Böblinger Arlind Bytyqi ist weder optimistisch noch pessimistisch, was seine Zukunft angeht. „Entweder alles geht den Bach runter, oder es rafft sich wieder“, meint der 16-Jährige, der sich ebenfalls in Böblingen im Jugendgemeinderat engagiert. „Mal schauen, was kommt.“
Es gebe schon Probleme: Kriege in anderen Ländern zum Beispiel, dazu noch die Preisanstiege, die „viele Menschen sehr stark beschäftigen“. Und auch das Schulsystem ist ein Kritikpunkt für ihn. „Wenn du in der Schule nicht so gut warst, ist es für dich der Absturz.“ Bei all diesen Problemen müsse die Politik noch einiges besser machen. „Obwohl in Deutschland schon vieles ganz gut ist, aber man kann sich ja immer steigern“, meint Arlind.
Gut findet er insgesamt seinen Wohnort Böblingen, obwohl dort manchmal wenig los sei. „Aber es ist halt die Heimat. Am Ende des Tages bin ich froh, wenn ich nach einem Urlaub oder so wieder nach Hause komme“, erzählt der Böblinger. Trotzdem hat er auch hier Wünsche, etwa Orte, an denen Jugendliche in Ruhe abhängen können. „Und dass sich alle gut verstehen, egal wie alt sie sind und welche Herkunft sie haben.“