Nichts geht mehr in Teilen des Einzelhandels – das stellt die Tarifpolitik vor große Herausforderungen. Foto: dpa/Bernd Weissbrod

Zu Beginn der Tarifrunde im baden-württembergischen Einzelhandel zeigt sich die große Schwierigkeit, der gesamten Branche im Tarifvertrag gerecht zu werden. Noch nie war der Graben zwischen florierenden und notleidenden Betrieben so groß.

Stuttgart - Der Einzelhandel ist gespalten wie nie: Der Lebensmittel-, Versand- und Online-Bereich verzeichnen rekordverdächtige Umsatzzuwächse, während der Bekleidungs- und Innenstadthandel am Boden liegt. Wie man vor diesem Hintergrund einen Tarifabschluss hinbekommt, der allen Betrieben einigermaßen gerecht wird und den Flächentarifvertrag nicht vollends zerstört, das ist die Herausforderung, der sich die Arbeitgeber und Gewerkschaft in Baden-Württemberg gegenübersehen. Virtuell trafen sie sich am Mittwoch zur ersten Verhandlung.

 

Große Nervosität auf beiden Seiten

„Dies ist keine Tarifrunde wie alle anderen“, sagt Verdi-Fachbereichsleiter Bernhard Franke. Ähnlich heißt es auf der Gegenseite: „Das ist keine 08/15-Runde.“ Die Nervosität sei jeweils so groß wie noch nie. „Da kann man das Brutzeln der Elektrospannung hören.“ Ziel müsse ein Tarifabschluss sein, der die komplett auseinanderlaufende Branche am Ende der womöglich längeren Laufzeit wieder auf einem Niveau im Branchentarifvertrag vereint, ohne dass ein Betrieb mit den Kostensteigerungen überfordert werde, heißt es im Arbeitgeberlager. Der Abschluss dürfe für den Einzelhandel nicht zur dauerhaften Spaltung führen.

Verdi fordert für die rund 490 000 Beschäftigten unter anderem 4,5 Prozent höhere Löhne plus 45 Euro – was in den unteren Entgeltgruppen einem Plus von gut sechs Prozent gleichkäme. „Wir wollen auch in der schwierigen Zeit der Pandemie deutliche tabellenwirksame Erhöhungen der Entgelte durchzusetzen – auch um der Altersarmut entgegenzuwirken“, sagt Franke. Für tarifgebundene Krisenbetriebe bietet Verdi „als Brücke“ differenzierte Lösungen zur Zukunfts- und Beschäftigungssicherung in Form von Unternehmenstarifverträgen an. Das heißt: Wer mit dem Abschluss überfordert sei, solle mit der Gewerkschaft reden.

Differenzierung ja – aber anders

Auf der Arbeitgeberseite wird durchaus anerkannt, dass auch Verdi die Notwendigkeit einer Differenzierung sieht. Allerdings hält man das vorgeschlagene Instrument für falsch: Solche Notlagentarifverträge sind etwa von Galeria Kaufhof Karstadt, Real oder Esprit bekannt und auf die jeweilige Situation zugeschnitten. Befürchtet wird aufseiten des Einzelhandelverbands jedoch ein hoher bürokratischer Aufwand. Zum Beispiel müsste eine Haustarifvertragskommission gebildet werden, und ein unabhängiger Wirtschaftssachverständiger müsste den Sanierungsfall feststellen. Dies alles wäre unverhältnismäßig und würde zu lange dauern, so der Vorwurf. Zudem seien viele Fragen ungeklärt. Es sei „mit den Händen zu greifen, dass das untauglich ist“. Dies gelte auch für eine zwingende Verbindung mit Beschäftigungssicherung. Besser wäre eine „Differenzierung aus sich selbst heraus“. Mögliche Ansätze finden sich in Tarifabschlüssen anderer Branchen: zum Beispiel Einmalzahlungen oder versetzte Lohnerhöhungsschritte, jeweils ausgerichtet an fixen Kriterien.

Die Situation ist so kompliziert, dass eine Lösung der Tarifrunde bis zum Sommer dauern kann. Verdi hält Warnstreiks trotz der Pandemie für möglich. Das nächste Treffen ist am 20. Mai geplant.