Christiane Benner steht vor ihrer ersten großen Tarifrunde als Vorsitzende der IG Metall. Foto: dpa/Andreas Arnold

Sieben Prozent höhere Entgelte peilt die Gewerkschaft in der nächsten Lohnrunde an. Eine soziale Komponente soll die unteren Entgeltgruppen entlasten. Und statt einer Viertagewoche sollen freie Tage für Ehrenämter herausgeholt werden.

Der erste Aufreger der im Herbst beginnenden Tarifrunde der Metall- und Elektroindustrie ist schon gesetzt: Ausgerechnet der Verhandlungsführer von Südwestmetall, Harald Marquardt, hatte unlängst eine Nullrunde verlangt. Nun keilt die IG-Metall-Chefin Christiane Benner zurück: „Wer noch vor der Tarifrunde eine Nullrunde fordert, heizt sie auf.“ Sie finde es „respektlos, so mit der Erwartung der Beschäftigten umzugehen“. Vielmehr erwarte die Gewerkschaft „auch eine Solidarität der Arbeitgeber, was die angespannte finanzielle Situation der Menschen anbelangt“, sagte sie.

 

Was empfiehlt der IG-Metall-Vorstand? Sieben Prozent höhere Entgelte will die IG Metall für die 3,9 Millionen Beschäftigten erreichen, hat der Vorstand beschlossen. Der Jugend gilt diesmal ein besonderes Augenmerk: Die Ausbildungsvergütungen sollen um 170 Euro überproportional steigen. Die Gewerkschaft argumentiert mit der teils stabilen wirtschaftlichen Lage: Die Unternehmen verfügten noch über ein komfortables Auftragspolster.

Zuvor hatte die IG Metall in einer großen Erhebung unter 318 000 Beschäftigten (zu zwei Dritteln Mitglieder) erstmals nach einer angemessenen Entgeltforderung gefragt. Demnach sprachen sich zehn Prozent der Teilnehmer für bis zu vier Prozent mehr Lohn aus, 26 Prozent plädierten für vier bis sechs Prozent, 30 Prozent für sechs bis acht Prozent und 34 Prozent der Beteiligten für mehr als acht Prozent .

Die Tarifrunde finde unter nicht einfachen Bedingungen statt, sagte Benner. „Das wissen wir.“ Die Menschen machten sich Sorgen um ihren Lebensstandard – sie wollten Perspektiven für sich, ihr Unternehmen und ihren Standort. Allerdings habe sich in der Umfrage gezeigt, dass die abstrakte Wahrnehmung der wirtschaftlichen Situation schlechter sei als die konkrete Sicht auf die Lage des eigenen Betriebs. Die Ängste hätten damit zu tun, dass der Industriestandort teils von Arbeitgebervertretern schlechtgeredet werde. „Ein Standortbashing ist aus unserer Sicht nicht hilfreich.“ Das Land dürfe sich nicht immer weiter in die Abwärtsspirale hineinreden.

Was ist das Besondere an der Forderung? Die IG Metall führt in ihrer Entgeltforderung eine soziale Komponente ein, die die unteren Entgeltgruppen besonders entlasten soll. Gemeint ist ein Mindest- oder Festbetrag als Teil des Entgeltabschlusses. Dieses Instrument sei in allen regionalen Tarifkommissionen ein Thema gewesen. „Wir müssen darauf reagieren“, sagte Benner. Es sei auch ein Zeichen von Solidarität, wenn Besserverdienende darüber nachdenken, dass Leute in den unteren Entgeltgruppen zu wenig Geld haben. „Wir sind aber noch nicht in der Lage zu sagen, was da die richtige Summe wäre.“ Es müssten zwischen 300 und 500 Euro sein, „damit es gravierend ist“. Die IG Metall wolle aber lieber im Verlaufe der Tarifrunde schauen, was sie erreichen könne, als jetzt hohe Erwartungen zu wecken. „Wir werden da im Ergebnis liefern müssen“, sagte sie, warb aber auch für etwas „Beinfreiheit“.

Was soll bei der Arbeitszeit passieren? Bei der Arbeitszeit dringt die Gewerkschaft auf eine Weiterentwicklung der tariflichen Freistellungszeit. Seit 2019 erhalten Beschäftigte in tarifgebundenen Betrieben das tarifliche Zusatzgeld (T-Zug) – 27,5 Prozent des durchschnittlichen Monatsentgelts. Beschäftigte, die in Schicht arbeiten, Kinder betreuen oder Angehörige pflegen, können bei Bedarf das tarifliche Zusatzgeld in zusätzliche acht freie Tage pro Jahr umwandeln – was 2022 zum Beispiel mehr als 400 000 Beschäftigte genutzt haben. Allerdings gibt es dabei auch Einschränkungen.

Nun will die IG Metall zwar nicht mehr freie Tage herausholen, aber den Kreis der Anspruchsberechtigten vergrößern. Tarif-Vorständin Nadine Boguslawski spricht von einer Ausweitung „hin zu einer Demokratie- und Ehrenamtszeit als wertvollen Beitrag der Unternehmen, gesellschaftliches Engagement aktiv zu unterstützen“. Gerade die Europawahlen hätten gezeigt, dass die Beschäftigten mehr Zeit bräuchten, wenn sie sich in der Freizeit ehrenamtlich einsetzten. „Das wäre dann ein neuer Tatbestand.“ Wenn sich mehr Menschen in der Gesellschaft einbrächten, stabilisiere es die Demokratie, ergänzte Benner. Sie sei gespannt, ob sich darüber mit den Arbeitgebern zu einer Verständigung kommen lässt.

Klar ist damit auch: Die vom früheren Vorsitzenden Jörg Hofmann vorangetriebene Viertagewoche ist in der Metall- und Elektroindustrie endgültig ad acta gelegt. Benner zufolge hat sich in den Betrieben herausgestellt, dass die Beschäftigten eher an differenzierten Antworten zur Arbeitszeit interessiert seien. 85 Prozent der Umfrageteilnehmer hätten sich mehr Zeitsouveränität und Selbstbestimmung gewünscht.