Das Gesicht des Industriestandorts Böblingen/Sindelfingen wird sich verändern. Die Logistik spielt eine wichtige Rolle. Foto: Eibner/Roger Bürke

Die Pandemie, der Rohstoff- und der Lkw-Fahrer-Mangel bremsen vor allem die Automobil-Industrie im Kreis Böblingen aus. Logistik-und Automotive-Experte Stefan Iskan sieht beim Kraftfahrermangel auch die Autobauer in der Mitverantwortung.

Kreis Böblingen - Seit Jahrzehnten gilt der Landkreis Böblingen wirtschaftlich als einer der stärksten und innovativsten Kreise in Baden-Württemberg. Vom Kleinbetrieb und Mittelständler bis hin zum Weltkonzern ist alles vertreten. An der Spitze der Unternehmen im Kreis steht mit dem Daimler-Konzern, der in Sindelfingen produziert, einer der größten Autobauer der Welt.

 

Doch selbst dieser „global player“ sieht sich derzeit mit großen Herausforderungen konfrontiert: Rohstoff- und Fachkräftemangel, zum Beispiel durch fehlende Lkw-Fahrer, und die Pandemie wirken aktuell wie Sand im Getriebe des Renommierkonzerns mit dem Stern. Im Moment bremst ihn vor allem die Halbleiterkrise aus. „Es gibt eine große Nachfrage, die Autoproduzenten können aber nicht liefern“, sagt Stefan Iskan, Professor für Logistik und Wirtschaftsinformatik, insbesondere Automotive SCM und Digitalisierung, an der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft im pfälzischen Ludwigshafen. Bis 2020 lebte der 39-Jährige, der im vergangenen Jahr zusammen mit namhaften Co-Autoren ein Buch über Corona geschrieben hat, in Ehningen.

Die Absatzzahlen verkaufter Autos sind zuletzt gesunken. Das liege aber nicht an mangelndem Kaufinteresse oder der Verkehrswende. Besonders SUV erfreuen sich weiterhin großer Beliebtheit. Vielmehr schlägt hier eben die Halbleiter- und Rohstoffkrise negativ zu Buche. Die schadet auch den zahlreichen Zuliefererbetrieben – beispielsweise in der Elektronik- und Maschinenbaubranche oder in der Gummi- und Plastikproduktion. Die Folgen der Halbleiterknappheit werden nach Einschätzung des Experten bis ins Jahr 2023 reichen. „Hier haben sich die Autokonzerne aber bislang nicht ehrlich gemacht und dies so nach außen kommuniziert. Es handelt sich nicht nur um eine kurze Kiste, der Halbleitermangel wird anhalten.“

Die „Geiz-ist-Geil-Philosophie“ schädigt die Logistik-Branche

Während die Automobilindustrie für die pandemische Entwicklung und die Rohstoffkrise wenig Verantwortung trägt, ist sie im Falle des Lkw-Fahrer-Mangels nicht unschuldig. Stefan Iskan: „Die Autobranche hat mit ihrer Geiz-ist-geil-Mentalität dafür gesorgt, dass sich Aufträge für Speditionsunternehmen in diesem Bereich kaum mehr rechnen. Die Kosten sind im Vergleich zum Gewinn zu hoch. Das liegt an den perfiden Ausschreibungsbedingungen, die die Auto-Industrie den Logistikern anbietet.“ Auch deshalb sei der Beruf des Kraftfahrers unattraktiv. „Selbst bei Premium-Herstellern in der Branche endet die ‚social responsibility’, also die soziale Verantwortung, oft an den eigenen Werkstoren.“

Um die Anforderungen seitens der Wirtschaft und der Konsumenten aufrechterhalten zu können, sollte die Logistikbranche nach Meinung des 39-Jährigen eine Aufwertung erfahren. Bislang fristet der Zweig eher ein Schattendasein, auch wenn die Bedingungen nicht so miserabel seien wie in Großbritannien. Dort hat der Fahrermangel zu leeren Supermarktregalen und Spritknappheit sowie kilometerlangen Schlangen vor Tankstellen geführt. Solche Szenen erwartet Iskan hierzulande nicht. „Das ist nicht denkbar. Deutschland profitiert als EU-Mitglied von offenen Grenzen. Wir haben keine Zoll- und Arbeitskräfteproblematik wie durch den Brexit ausgelöst. Dass osteuropäische Kraftfahrer unter diesen arbeitnehmerfeindlichen Bedingungen nicht mehr arbeiten wollten, kann ich nachvollziehen.“

Aber auch abseits der großen politischen Bühne könne man mehr für die Logistik als „Zukunftsbranche“ tun, meint der gebürtige Nürnberger: „Auch im Kreis Böblingen scheuen sich Kommunen noch davor, Flächen zu schaffen, die von Logistikunternehmen genutzt werden können. Man möchte Kritik aus der Anwohnerschaft vermeiden, da Lkws für Lärm, Emissionen und überfüllte Straßen stehen.“ Mittelständler könnten allerdings als Jobmotoren dienen, Gewerbesteuer einbringen und positiv für die darbenden Innenstädte wirken. „So viele Jobmotoren werden wir nicht mehr haben, und in der Logistik werden Menschen weiterhin gebraucht. Roboter und Drohnen helfen dort wenig,“ so Iskan. Nachdem selbst in erfolgsverwöhnten Kommunen wie Sindelfingen die Gewerbesteuereinnahmen eingebrochen sind, würden Anreize für mittelständische Firmen, etwa in der Logistik, auch den Städte- und Gemeindekassen Nutzen bringen.

Wirtschaftsstandort Böblingen/Sindelfingen wird sich wandeln

Der Wirtschaftsstandort mit seinen Kraftzentren in Böblingen und Sindelfingen ist einer Transformation unterworfen, die nicht mehr aufzuhalten ist. Digitalisierung und Automatisierung wird auch in den Bereichen weiter Einzug halten, wo seit Jahrzehnten wie selbstverständlich viel händisch gearbeitet wird. „Der Automotive-Schwerpunkt des Landkreises wird bleiben. Die Fabriken werden weiter benötigt, aber mit weniger Menschen, die darin arbeiten“, sagt Professor Iskan voraus. Die „brutale“ Digitalisierung, die der Experte aufgrund des globalen Wettbewerbs vor allem bei den großen Firmen im Kreis beobachtet, werde sich auf die Arbeitsplätze auswirken.

Bis 2030 versuche man Angestellte noch in gewohnter Form zu beschäftigen, dann, so der Automobilexperte, könnten die Pläne in den Schubladen zum Tragen kommen. „Wenn in den deutschen Leitindustrien wie zum Beispiel der Autobranche 2030 die Betriebspakte auslaufen, kommen für die Älteren an manchen Standorten Abfindungsangebote ins Spiel. Wer Mitte, Ende 50 ist, könnte frühverrentet werden“, prognostiziert er. Mittlerweile geistern auch Zahlen herum, wie hoch bei großen Unternehmen diese Abfindungen sein könnten: „Das könnten durchaus 150 000 Euro pro Person sein“, schätzt Stefan Iskan.

Der Umbruch käme nicht nur auf Arbeitende in der Produktion, sondern auch in anderen Bereichen wie der Buchhaltung zu. Wer nicht zum „alten Eisen“ gehört, könnte in anderen Wirtschaftszweigen Arbeit finden, denn in der Software-, IT,–, Kraftfahrer- oder Logistik-Branche, vor allem dem boomenden Onlinehandel und bei Zustelldiensten, könnten sich Lücken ergeben.

Experte für Logistik: Stefan Iskan

Herkunft
Der 39-jährige Stefan Iskan ist in Nürnberg geboren, arbeitet in Ludwigshafen und lebt in der Nähe von Stuttgart.

Beruf
An der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen hat Iskan seit 2013 die Professur für Logistik und Wirtschaftsinformatik. Der frühere Junioren-Kicker des 1. FC Nürnberg leitet den anwendungsorientierten Masterstudiengang Logistik, der von Unternehmen wie Daimler, Volkswagen und Duvenbeck unterstützt wird. Iskan ist Gründer des Start-ups supplychainmachine.com – einer Marktinnovation, mit der er die Logistikbranche zukunftsfähig machen und die Gesellschaft für Logistik begeistern möchte.

Veröffentlichung
Im Campus-Verlag ist vor Kurzem sein aktuelles Buch „Zukunftsbranche Logistik“ erschienen. 2020 ist sein Buch „Corona in Deutschland – Die Folgen für Wirtschaft, Gesellschaft und Politik“ im Kohlhammer-Verlag erschienen.