Wie nennt man eine Steinfliege mit langer Zunge? Na klar. Petroperla mickjaggeri. Im Löwentormuseum treffen Rockstars auf Fossilien. Da ist Musik drin.
Der Doktor macht Musik. Greg Graffin ist Gründer und Sänger der Band Bad Religion und einer der Väter des Punkrock. Aber er ist auch ein promovierter Paläontologe, der an der Universität Ithaka lehrt. Und er ist Namensgeber für einen urzeitlichen Vogel mit Klauen und Zähnen, den Qiliania graffini. Eines der „Rock Fossils“, das in der gleichnamigen Ausstellung im Museum am Löwentor zu sehen ist.
Wie mache ich eine Ausstellung interessant?
Wie erzähle ich eine gute Geschichte? Die Frage stellt sich Musikern und Ausstellungsmachern gleichermaßen. Wer Fossilien zeigen und das Publikum anlocken und begeistern will, der muss sich mehr einfallen lassen, als nur Vitrinen zu zeigen und ellenlange Beschreibungen, die sich an Fachleute richten. Womit wir bei Esben Horn wären. Der Däne ist Gründer der Firma 10 Tons, die unter anderem wissenschaftliche Modelle herstellt, die sich so ziemlich in jedem Naturkundemuseum der Welt finden.
Paläontologen lieben Musik
Der Freund von Rock und Metal hatte herausgefunden, dass Wissenschaftler neu entdeckte fossile Arten nach Musikern benannt hatten. etwa Frank Zappa, Lemmy Kilmister, und King Diamond, ein bekannter dänischer Musiker. Er organisierte 2012 eine kleine Ausstellung, King Diamond schaute vorbei, zumindest in der Welt der Paläontologen verbreitete sich die Kunde. Und gelangte zu Achim Reisdorf, damals in Bern am naturhistorischen Museum tätig. Er holte die Schau 2015 in die Schweiz, baute sie aus.
Der Kalloprion kilmisteri
Nun ist sie bis zum 16. Juni im Löwentourmuseum zu sehen – und zu hören. Denn zu jedem Fossil gibt es eine Beschreibung der namensgebenden Musiker – und die passende Musik. So hat der schwedische Wissenschaftler Mats Eriksson einen fossilen Ringelwurm Kalloprion kilmisteri genannt. Kilmisteri? Genau, er verewigte 2006 den Motörhead-Frontmann Lemmy Kilmister. Weil dessen Musik die Studien an den versteinerten Kauwerkzeugen des Wurmes begleitet hatten. Der Song „Kingdom of the Worm“ von Motörhead erschien im selben Jahr.
Wie darf man Arten taufen?
Aber darf man eigentlich ganz nach Gusto Namen vergeben? Wissenschaftler, die eine neue auch schon längst ausgestorbene Art entdecken, dürfen einen Namen aussuchen . Und müssen folgende Regeln beachten: Die Namen müssen aussprechbar sein; sie müssen aus mindestens zwei Buchstaben bestehen; sie müssen in Kleinbuchstaben geschrieben werden; sie dürfen nicht beleidigend sein; sie dürfen kein Eigenlob sein.
So habe man früher dem Professor gedacht, oder der Gattin, erzählt Achim Reisdorf. Doch einer Gruppe von Paläontologen ist die Musik so sehr ans Herz gewachsen, dass sie ihre Idole verewigen. Jason Head, Gregg Gunnell, Patricia Holroyd, Howard Hutchinson und Russell Ciochon hatten die Überreste einer der größten jemals lebenden Eidechsen gefunden und nannten sie Barbaturex morrisoni. Nach Jim Morrison von den Doors, genannt Lizard King, also König der Eidechsen; so hatte sich Morrison in einem Gedicht einst selbst genannt. Die Meeresschnecke Orbitestella dioi bekam ihren Namen von Ronnie James Dio, Sänger von Rainbow und Black Sabbath. Seinen berühmtesten Song hat er aber unter eigenem Namen aufgenommen: „The Holy Diver“. Der „heilige Taucher“, da dürfte sich doch auch eine Meeresschnecke angesprochen fühlen.
The Rolling Stoneflies
Die Beatles, Ramones, David Bowie, Simon and Garfunkel, John Coltrane sind unter anderem als Paten zu finden. Und neuerdings die Rolling Stones. Denn jede Station der Ausstellung darf etwas hinzufügen. Und da kommt Arnold Staniczek ins Spiel, promovierter Insektenkundler am Stuttgarter Naturkundemuseum. Und großer, ganz großer, Stones-Fan. Im Laufe der Jahre hat er allerhand Devotionalien gesammelt, sozusagen ein hauseigenes Museum beisammen. Manches hat er nun ausgeliehen für „The Rolling Stoneflies“. Staniczek sagt: „Als ich das Glück hatte, gleich acht unterschiedliche 90 Millionen Jahre alte Arten der Steinfliege in burmesischem Bernstein zu finden, wusste ich sofort was zu tun ist: Jedem Rolling Stone eine eigene Steinfliege zu widmen.
Largusoperla charliewattsi
Die Art, die ein gut ausgebildetes Trommelorgan besitzt, heißt nach dem Drummer Largusoperla charliewattsi, die Art mit der großen Zunge natürlich Petroperla mickjaggeri, die hübscheste Steinfliege Largusoperla brianjonesi, diejenige mit fingerartigen Auswüchsen nach Gitarrist largusoperla micktaylori.
Beatles oder Stones? Die Antwort ist Staniczek. Kollegen aus China haben den Stuttgarter kürzlich geehrt und eine Steinfliege nach ihm benannt: Ovaloperla staniczeki. Der Doktor kann es rocken lassen.
Rock Fossils feat. The Rolling Stoneflies
Ausstellung
Die Ausstellung ist im Museum am Löwentor bis zum 16. Juni zu sehen. Geöffnet ist das Museum dienstags bis freitags von 9 – 17 Uhr, samstags, sonntags und feiertags von 10 – 18 Uhr.