Giftiges Löschwasser hat in der Jagst ein Fischesterben ausgelöst. Foto: dpa

Bei Löscharbeiten gelangt Giftstoff aus Dünger in die Jagst und löst ein massenhaftes Fischesterben aus. Jetzt haben die Einsatzkräfte eine neue Strategie zum Abbau der Substanz.

Künzelsau/Mulfingen - Es ist ein Wettlauf gegen fließendes Wasser und die Zeit: An der Jagst kämpfen Feuerwehr, Technisches Hilfswerk (THW) und zahlreiche Helfer gegen das mit Ammoniumnitrat verunreinigte Wasser. Allein im Kreis Schwäbisch Hall sind nach Angaben des Landratsamtes bereits mindestens acht Tonnen Fische in dem Neckarzufluss verendet. Fischereivereine sammeln die toten Tiere in Containern, um sie zu verbrennen. Naturschützer fordern, dass die Behörden Lehren aus der Umweltkatastrophe ziehen.

Im Hohenlohekreis, wo die Schadstoffwelle seit Mittwochvormittag angekommen ist, pumpt seit der Nacht zum Donnerstag eine Fachfirma bei Mulfingen (Hohenlohekreis) reinen Sauerstoff in den Fluss, um den Giftabbau zu beschleunigen. Am frühen Morgen wurde zudem Frischwasser aus einem Hochwasserhaltebecken eingeleitet, um einen möglichst großen Verdünnungsfaktor zu erzielen, wie das Landratsamt in Künzelsau mitteilte. Die Ammonium-Konzentration ist bei Mulfingen derweil auf mehr als 36 Milligramm pro Liter gestiegen, nach rund 4 Milligramm am Tag zuvor. Zur Einordnung: Eine Dosis von mehr als 0,5 Milligramm pro Liter ist für viele Fische schon tödlich.

Experten nehmen Proben

Nach einem Feuerwehrgroßeinsatz am Wochenende bei einem brennenden Landhandel im Kreis Schwäbisch Hall war mit dem Löschwasser eine große Menge Ammoniumnitrat in die Jagst geflossen. Derzeit liege das Hauptaugenmerk auf der Brandstelle in Kirchberg an der Jagst, sagte eine Sprecherin des Landratsamts. Experten seien dabei, das Gelände zu untersuchen und Proben zu nehmen. Es könne nicht hundertprozentig ausgeschlossen werden, dass weiterhin geringe Mengen Schadstoffe ausflössen, sagte die Sprecherin. „Wir arbeiten mit Hochdruck dran, dass die Brandstelle nicht weiterhin eine Gefahr bleibt.“

Die Schadstoffwelle lasse sich nach Angaben von Experten relativ schlecht verdünnen, sagte die Sprecherin weiter. „Aber wir kommen Schritt für Schritt voran.“ Durch die Maßnahmen, die im Kreis Schwäbisch Hall seit Sonntag laufen, sei bereits eine deutliche Verringerung spürbar. „Es wäre aber gut, wenn es regnen würde, dann würde auch von oben Frischwasser zugeführt.“

Behörden mit Situation überfordert?

Der Landesnaturschutzverband (LNV) und Naturschutzbund (Nabu) in Baden-Württemberg forderten eine Prüfung von möglichen Defiziten unter anderem bei der Baugenehmigung und Lagerung von Gefahrgut. Man habe den Eindruck, dass die Behörden zu Beginn der Gewässerkatastrophe überfordert waren, teilten die Organisationen gemeinsam mit. „Wir stellen daher die Frage, ob man sich bei Katastrophen- und Brandschutzübungen zu sehr auf Schadensfälle im Verkehrs- und Siedlungsbereich konzentriert hat und daher auf solche Umweltkatastrophen zu wenig vorbereitet ist.“

Landesweit gebe es zahlreiche ähnliche Konstellationen, bei denen an Flüssen liegende Mühlen Handel mit Dünger und Pflanzenschutzmitteln betrieben, hieß es in der Mitteilung weiter. Da es zudem relativ häufig in Mühlen brenne, müsse grundsätzlich über die Lagerung von hoch gewässertoxischen Stoffen in Flussnähe nachgedacht werden.

Fluss auf Jahre kontaminiert

Die Giftfahne fließt derzeit langsam weiter in Richtung Neckar. Nach Expertenmeinung wird es Jahre dauern, bis der Fluss, der als eines der wertvollsten Fließgewässer im Südwesten gilt, seinen alten Zustand wieder erreicht hat. Die Jagst könnte demnach auf einer Strecke von rund 120 Kilometern betroffen sein.

Am Freitag wollen sich der baden-württembergische Umweltminister Franz Untersteller und der für Naturschutz zuständige Landwirtschaftsminister Alexander Bonde (beide Grüne) in Krautheim ein Bild von der Lage machen.

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