In den Bundesländern Salzburg und Oberösterreich gilt von Montag an ein mehrwöchiger Lockdown für alle. Die Spitäler dort rüsten sich bereits für die Triage. Und es könnten weitere Bundesländer folgen.
Salzburg - Für Harald Kratzer ist die Lage nicht einfach. „Bis in den Oktober war es richtig nett“, sagt der Geschäftsführer des Salzburger Traditionsrestaurants Sternbräu, „aber jetzt reißt es uns wieder alles weg.“ Kratzer sitzt am Mittag in der fast leeren Lounge seines Hauses. 58 Weihnachtsfeiern waren gebucht, bisher sind 53 davon wieder storniert worden. Kratzer wünscht sich für Salzburg das, was nur einen Tag später verkündet wird: „Wir brauchen jetzt einen kompletten Lockdown.“ Nur so könnten die Corona-Infektionen gebremst werden, die in Teilen Österreichs derzeit durch die Decke schießen. Nur so wäre ein „irgendwie normaleres Weihnachten denkbar“, wie Kratzer es ausdrückt.
Lockdown für zunächst zwei Bundesländer angekündigt
Tatsächlich: Am Donnerstag kündigen die Bundesländer Salzburg und Oberösterreich einen Lockdown für alle an. Dieser soll am Montag beginnen. Er werde „mehrere Wochen“ andauern, sagte der oberösterreichische Landeshauptmann – das ist der Ministerpräsident – Thomas Stelzer. Er und sein Salzburger Kollege Wilfried Haslauer hatten sich lange dagegen gesperrt, ebenso wie Österreichs neuer Bundeskanzler Alexander Schallenberg (alle ÖVP). Laut Haslauer wird der Lockdown für die gesamte Bevölkerung und alle Bereiche gelten und „drei, eher vier Wochen dauern“ – abhängig von der Impfentwicklung. Demnach kann er womöglich vor Weihnachten enden. Auch die Schulen sind betroffen, sie müssen schließen. Am Wochenende beraten nun die Politiker auf Bundesebene, ob sich ganz Österreich dem anschließt.
In Salzburg ist die Sieben-Tage-Inzidenz der Infizierten pro 100 000 Einwohner binnen einer Woche von knapp 1094 auf 1719 am Donnerstag in die Höhe geschnellt. Die Kliniken sind am Limit. Schon zu Wochenbeginn hatte Österreich neue Beschränkungen beschlossen: Die 2-G-Regel – geimpft oder genesen – gilt in weiten Teilen des öffentlichen Lebens, ausgenommen sind nur Lebensmittelläden, Apotheken und Ähnliches. Und für Ungeimpfte gilt eine Ausgangssperre – sie dürfen die Wohnung nur für den Weg zur Arbeit, zum Lebensmitteleinkauf und zur Erholung draußen verlassen.
Ein 80-köpfiges Team versucht die Kontakte nachzuverfolgen
„Die Leute können keine Kleidung kaufen, nicht ins Kino, nicht ins Café, das ist schon hart“, beschreibt Karl Schupfer, der Sprecher der Stadt Salzburg, die Lage. Er empfängt in seinem Büro im Schloss Mirabell. Einen Satz sagt Schupfer immer wieder, fast flehend: „Wir geben nicht auf.“ Das Team aus 80 Mitarbeitern verfolgt die Kontakte der Infizierten nach, „da sind wir jetzt zwei Tage hinterher“. Sie kontrollieren die „Abgesonderten“, wie in Österreich Menschen in Quarantäne heißen. „Fast alle halten sich daran“, meint Schupfer.
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„Der Stresspegel der Leute ist hoch“, sagt der Sprecher. „Viele reagieren auf Kleinigkeiten im Alltag übertrieben, sie werden immer aggressiver.“ Die nächsten zwei bis drei Wochen seien für die weitere Entwicklung der Coronapandemie entscheidend. Die Politik müsse handeln, irgendwie. Aber: „Vermeintliche Gewissheiten sind plötzlich keine mehr.“ Und Schupfer sieht auch „die Angst, falsche Entscheidungen zu treffen“.
Das alles weist doch auch sehr auf Deutschland und auf das, was hier bevorstehen könnte. Die Impfquoten liegen bei deutlich unter 70 Prozent ähnlich niedrig, die Anzahl der hartnäckigen Impfgegner dürfte in etwa gleich sein, deren Begründungen für ihre Realitätsverweigerung unterscheiden sich nicht. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und andere Pandemiebekämpfer schwurbeln gerade viel rum mit immer neuen Klein-Klein-Regeln, die in Gänze kaum einer mehr versteht. Einschränkungen für Geimpfte und Genesene seien unverhältnismäßig, wird immer wieder betont. Genau so diskutierte die österreichische Politik das Thema auch bis vor Kurzem. Doch die Realität hat alles über den Haufen geworfen.
Spitäler rüsten sich für die Triage
„Die Planungen zur Triage in den Spitälern schockiert die Leute richtig“, beobachtet Kratzer. Triage – das ist die medizinische Katastrophe. Es ist die Entscheidung darüber, welche Intensivpatienten bei Knappheit ein benötigtes Bett bekommen und welche nicht. Oftmals ist es eine Entscheidung über Leben und Tod. Die Kliniken im Land Salzburg haben nun ein sechsköpfiges Team benannt, das dies bestimmt, wenn es notwendig werden sollte. So etwas gab es noch nie.
Mit dem Problem der Triage befasst sich die Intensivmedizinerin Barbara Friesenecker aus Innsbruck schon lange. Entscheidend sei: „Wer hat die höchste Überlebenschance?“ Der bekommt das Bett, die anderen müssen auf die normale Station „und sterben dort häufig“. Es geht nicht um Dinge wie: Welcher Coronapatient ist geimpft und welcher nicht? Und was macht man mit anderen Erkrankten etwa nach Herzinfarkten oder Schlaganfällen? Auch ein Impfgegner könnte also gegebenenfalls den Vorrang erhalten.
In Salzburgs Straße und Gassen ist es ungewöhnlich leer
In den Straßen und Gassen der Salzburger Altstadt ist es schon jetzt ungewöhnlich leer. In der Getreidegasse sind glitzernde Weihnachtsmänner und Engel ausgestellt, doch niemand ist in den Läden. Auf dem Residenzplatz ist ein Christkindlmarkt zur Hälfte aufgebaut, von dem niemand sagen kann, ob dort in diesem Jahr je ein Punsch oder eine Bratwurst verkauft wird.
Hallein, ein Städtchen 20 Kilometer südlich von Salzburg. Julian Engel ist beim Land Salzburg für die öffentliche Gesundheit zuständig und ist am späten Nachmittag mit zwei Polizistinnen und zwei Polizisten unterwegs. Ihr Auftrag: Kontrolle der Corona-2-G-Regeln, vor allem in Friseursalons und Gaststätten. „Ein Kunde muss bis zu 500 Euro Strafe zahlen, wenn er nicht geimpft oder genesen ist“, berichtet Engel, „und ein Betreiber bis zu 30 000.“
Bei Verstößen drohen hohe Geldstrafen
Als Erstes ist ein Friseursalon an der Reihe, alle gehen rein und lassen sich von den Kunden die Impfnachweise auf dem Display des Mobiltelefons oder im Impfbuch zeigen. „Okay, passt, dankschön“, sagt Julian Engel. Beim nächsten Friseur lassen sich zwei Männer gerade die Haare schneiden. Der eine versichert bei der Kontrolle, er sei im Juli infiziert und in Quarantäne gewesen. Eine Bescheinigung hat er aber nicht. Der andere meint, er sei geimpft, das Handy liege jedoch daheim. Engel hält eine etwas strenge Ansprache mit der Aufforderung, die Dokumente an die Polizei zu schicken. Schlechter sieht es für die Friseurmeisterin aus, die den Salon betreibt. Ihr teilt Engel mit, dass sie eine Anzeige erhalten werde – und guten Abend.
„Wir sind freundlich, wollen aber zeigen, dass es ernst ist“, sagt der Kontrolleur. Bei den weiteren Kneipen und Lokalen an diesem Abend gibt es keine Beanstandungen. Eine größere Runde sitzt in einem italienischen Restaurant vor Pizza und Scampi-Platten. „Super, dass ihr das macht, dass ihr danach schaut“, werden Engel und die Polizisten gelobt.