In Windeseile wird in Wilhelmshaven am LNG-Flüssiggasterminal gearbeitet. Es wird als erste von fünf Anlegestellen fertig sein. Wir waren vor Ort.
In der politischen Diskussion ist die Stadt Wilhelmshaven so etwas wie ein geflügeltes Wort geworden. Niedersachsens Energie- und Umweltminister Olaf Lies (SPD) prägte den Begriff von der „Deutschlandgeschwindigkeit“, mit der das Terminal für per Schiff angeliefertes Flüssiggas nördlich des Jade-Weser-Ports von Wilhelmshaven gebaut werde. Bei einer Veranstaltung des Arbeitgeberverbandes Nordmetall zur Landtagswahl – am 9. Oktober wird in Niedersachsen gewählt – lobte Lies am Montag Wilhelmshaven als Paradebeispiel für schnelle Genehmigungsverfahren – genauso wie Tesla in Brandenburg. „Da wird uns gezeigt, dass es schneller geht. Wir brauchen nur Mut. Auch Autobahn- und Eisenbahnprojekte könnten schneller genehmigt werden“, so Lies.
Eine wenig spektakuläre Anlegestelle
Der grüne Spitzenkandidat Christian Meyer musste da sogar einstimmen: Ja, auch Genehmigungsverfahren von sechs bis sieben Jahren für Windräder seien „viel zu lang“, man müsse die Planungsbehörden personell aufstocken. Grüne Wiesen, schwarzer Erdaushub und schwarze Gasröhren, die auf vielen Kilometern wie eine Perlenkette in der Landschaft liegen. Hinzu kommt eine wenig spektakuläre Anlegestelle am Ende eines ein paar Hundert Meter langen Stegs unweit von Deutschlands einzigem Tiefseewasserhafen. So sieht derzeit Deutschlands schnellste Baustelle aus.
Das Gas kommt aus 20 Ländern
Das zu Flüssiggas eingedampfte und tiefgekühlte Erdgas wird mit Schiffen angeliefert, es wird in einem dauerhaft ankernden zweiten Schiff – der sogenannten FSRU („Floating, Storing and Regasification Unit“) – aufgewärmt und wieder in einen gasförmigen Zustand zurückverwandelt. So wird das Verfahren ablaufen. Von der Anlegestelle aus führt die im Bau befindliche 26 Kilometer lange Gaspipeline dann zum Dorf Etzel, wo die flüssige Alternative zum russischen Gas – die aus 20 Herkunftsländern stammen soll – dann in Deutschlands „Gasautobahn“ eingespeist werden soll. Tatsächlich ist die Geschwindigkeit, in der das Projekt aufs Gleis gehoben worden ist, sensationell: Am 27. Februar hatte Kanzler Olaf Scholz verkündet, dass man LNG-Terminals in Wilhelmshaven und Brunsbüttel haben wolle, schon am 4. Juli war offizieller Baubeginn in Wilhelmshaven. Allein 800 Mitarbeiter arbeiten derzeit an der Gaspipeline: „Sobald das schwimmende LNG-Terminal – das FSRU – mit der neuen Gasleitung verbunden ist, kann das erste Gas fließen“, sagt Andreas Lehmann, Pressesprecher der für die Gasleitung zuständigen Firma Open Grid Europe.
Ab dem 20. Dezember kann Gas fließen
„Mit der Fertigstellung der Wilhelmshavener Anbindungsleitung am 20. Dezember kann schon vor Weihnachten Gas ins deutsche Netz eingespeist werden.“ Ob die Anlegestelle auch so rasch fertig ist, lässt die zuständige Firma Uniper auf Anfrage allerdings offen: Gemeinsam mit dem Bundeswirtschaftsministerium strebe man eine Inbetriebnahme im Winter 2022/2023 an, teilt Uniper-Sprecher Lucas Wintgens mit. Der kalendarische Winter endet aber erst am 19. März 2023. Tatsache ist, dass Wilhelmshaven als Erstes fertig werden soll – vor dem LNG-Terminal in Brunsbüttel und zwei Terminals in Lubmin. Fakt ist auch, dass über dieses Terminal – für das in Wilhelmshaven noch ein Zwilling in Planung ist – „schnellstmöglich“ bis zu 7,5 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr umgeschlagen werden sollen. Das entspreche ungefähr 8,5 Prozent des aktuellen deutschen Gasbedarfs pro Jahr, sagt Uniper-Sprecher Wintgens.
Bei den Grünen vor Ort und den Naturschutzverbänden hat der schnelle Baubeschluss Bauchgrimmen ausgelöst. „Wir sind gezwungen worden, wir machen es nicht gerne“, sagt der Wilhelmshavener Grünen-Politiker Alexander von Fintel, der auf der Landesliste auf einem chancenreichen Platz kandiert. Gezwungen? Von Wirtschaftsminister Robert Habeck? „Nein, von Russland“, sagt von Fintel. Er weist daraufhin, dass selbst die Deutsche Umwelthilfe schwimmende Gasterminals „aufgrund der Notlage“ und zeitlich befristet akzeptiert habe.
Die Grünen sind dafür, Umweltschützer skeptisch
So ähnlich fällt auch die Position der „Küsten-Grünen“ aus, festgehalten in einem Papier unter dem Titel „Schnell einsteigen, schnell aussteigen“. LNG sei eine Technologie, die nur angesichts des Ukraine-Krieges Sinn mache, heißt es darin, weil sie klimaschädlich und wenig effizient sei: „Die einzigen sicheren Energiequellen sind die erneuerbaren Quellen, die uns hier in Deutschland zur Verfügung stehen: Wind, Sonne, Wasser und Biogas. Der Einstieg in LNG muss zwar schnell erfolgen, der Ausstieg aber auch.“ Skeptisch ist von Fintel auch, was Liefer- oder Mietverträge für Gas und Terminal über das Jahr 2030 hinaus anbelange: „Die könnten dazu führen, dass wir nicht aufhören, Erdgas zu verbrennen, und unsere Klimaziele nicht erreichen.“
Uniper hat da eine andere Meinung, weist darauf hin, dass der neue Anleger auch Derivate von Grünem Wasserstoff – also synthetischem Kraftstoff – aufnehmen könne: „Das Projekt ‚Green Wilhelmshaven‘ wird so ein Volumen von bis zu zehn Prozent des zukünftigen Wasserstoffbedarfs von Deutschland liefern.“ Vor allem der Naturschutzbund und der BUND hatten kritische Stellungnahmen zum Eilverfahren veröffentlicht, dass das LNG-Beschleunigungsgesetz beim Projekt in Wilhelmshaven ermöglichte. Mangels Erfolgsaussichten habe man aber auf eine Klage verzichtet, so der Nabu-Referent Frederick Eggers. Das Ökosystem des Wattenmeers am Jadebusen sei jetzt schon stark belastet – es grenzt an ein 344 Hektar großes Hafen- und Logistikareal mit fast zwei Kilometer langen Anlegestellen.
Enttäuschung beim Nabu
Enttäuscht sei man beim Nabu auch, dass Rammarbeiten im Meer offenbar ohne begleitende Schutzmaßnahmen für die Schweinswale vorgenommen worden seien. Mit einer Kette von Luftblasen hätte der die Schweinswal vergraulende Lärm zumindest gemindert werden können. Bei örtlichen Naturschützern sitzt der Frust über den Baubeschluss tiefer. Die Wilhelmshavener Aktivistin Stefanie Eilers sagt, dass in der Eile die Umweltfolgen des Projektes gar nicht geprüft werden konnten. Beispielsweise, wie die in zwei Meter tiefe verbuddelten Gasröhren in der Moor- und Marschlandschaft wirkten und ob sie nicht natürliches Methan freisetzten. Eilers sagt, das LNG-Terminal könne ein neues Startsignal sein und „der Jadebusen wird vollgeknallt mit Anlegestellen“. Von den Grünen ist sie enttäuscht.