Ist Helwe wirklich auf dem Teller gelandet? Foto:  

Die Leser haben uns ihre Weihnachtsgeschichten geschickt. Heute berichtet Lore Wanner aus Leonberg, wie sie als Kind das Fest erlebt hat. Im Mittelpunkt steht die kleine Gans namens Helwe.

LKZ-Adventskalender -

Es muss kurz nach dem Krieg gewesen sein, als mein Vater eine kleine Gans nach Hause brachte. Wir waren damals vier Geschwister und gleich in die kleine Gans verliebt. Sie wurde auf den Namen „Helwe“ getauft. Meine Mutter hatte den Namen ausgesucht. Er ist arabisch und heißt auf deutsch „die Süße“ – und das war sie wirklich.

Meine Mutter war nämlich in Jerusalem geboren und ist in Palästina aufgewachsen. Sie war das Kind einer Templer-Familie, einer pietistischen Siedlerbewegung aus Württemberg, die Ende des 19. Jahrhunderts ihr Heil im Heiligen Land suchte. Sie war Erzieherin und mein Vater Lehrer. Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges mussten sie das Land verlassen und sind wieder zurück nach Korntal gekommen.

Zum Fressen kam Helwe laut schnatternd

Die „Süße“ wohnte im Schuppen ganz hinten in unserem großen Garten. Wenn sie gefüttert werden sollte, kam meine Mutter auf den Wäschetrockenplatz und rief nach Helwe. Dann kam sie laut schnatternd und flügelschlagend angerannt.

Meine Mutter musste sie immer streicheln, sonst fraß sie nicht. Helwe wurde bald größer und dicker und Weihnachten kam näher. Meine Eltern erzählten uns, dass Helwe zu Weihnachten geschlachtet werden sollte. Wir waren entsetzt, keinen Bissen unserer geliebten Helwe würden wir essen. Als es dann ans Schlachten ging, weigerte sich mein Vater. Ein Bauer, ein paar Straßen weiter, würde dies tun. Unsere Helwe wurde zwei Tage vor Weihnachten in einer Kiste auf dem Leiterwagen weggefahren. Wir Kinder weinten alle. Helwe kam nicht wieder zurück und meine Eltern sagten uns, sie sei verkauft worden.

Mutter hatte so ein komisches Magenleiden

An Weihnachten gab es bei uns als Festessen Hähnchen. Wir wunderten uns und staunten, wie groß dieses Hähnchen war. Es passte gerade noch auf unsere lange Reisplatte. Ein so großes Hähnchen hatten wir noch nie gesehen und es schmeckte einfach köstlich mit der braunen knusprigen Haut. Nur meine arme Mutter hatte ein komisches Magenleiden an diesem Tag. Sie konnte einfach keinen Bissen essen.

Die Leser schreiben

Das Leben hat die Geschichten geschrieben, unsere Leserinnen und Leser haben sie freundlicherweise für uns und für Sie aufgeschrieben. In diesem Jahr bringen wir einen Adventskalender der besonderen Art. Die Redaktion hatte die Leser gebeten, das Erlebte festzuhalten, was sich am eindringlichsten mit der Advents- und Weihnachtszeit in ihrem Gedächtnis verankert hat. Es sind bewegende, rührende, lustige, auch nostalgische Gesichten, die Sie erfahren, wenn bis Weihnachten jeden Tag ein Kästchen mit Überraschungen geöffnet wird.