Durch Freiberg quälen sich tagsüber viel Lastwagen. Für Anwohner der Hauptverkehrsachsen ist der Schwerverkehr nachts mit Schlaflosigkeit verbunden. Foto: Archiv (Simon Granville)

Lastwagen donnern nachts durch Freiberg (Kreis Ludwigsburg). Das raubt Anwohnern wie Jörg Brodel den Schlaf. Navi-Daten von TomTom belegen die Raserei.

Nicht wenige Fenster müssen nachts in Freiberg geschlossen bleiben – dabei hat der Frühling längst begonnen. „Hier rasen hunderte Brummis durch, und es wird nicht kontrolliert“, sagt Jörg Brodel, der an der Benninger Straße wohnt. Der 61-Jährige schätzt, dass mehr als 200 Lastwagen an seinem Haus vorbei rumpeln. Besonders nach Mitternacht werde der Verkehr zur Belastung.

 

Das Problem ist schon lange bekannt, doch die Stadt Freiberg beißt mit ihrer Forderung nach einem nächtlichen Lastwagen-Fahrverbot beim Landratsamt Ludwigsburg auf Granit. In Freiberg reichten weder eine Unterschriftensammlung noch ein Lärmaktionsplan, um die Straßenverkehrsbehörde zu überzeugen. Jetzt erwägt die Stadt rechtliche Schritte – nachdem ein Blitzer am Beihinger Ortsausgang in Richtung Benningen bereits Verbesserungen zeigt.

In den Tomtom-Daten ist zu sehen, dass an der Benninger Straße schneller gefahren wurde als erlaubt. Foto: Simon Granville

Daten des Navigationsanbieters TomTom zeichnen ein klares Bild der Verkehrssituation auf der Benninger Straße, wo nur 30 km/h gefahren werden darf: Seit der Installation eines stationären Blitzers am Ortsausgang in Richtung Benningen am 8. Dezember 2025 sind die nächtlichen Spitzengeschwindigkeiten von mehr als 75 km/h stark zurückgegangen.

Die folgende Karte zeigt, wo der stationäre Blitzer an der Benninger Straße steht und welche Abschnitte wir für diese Auswertung betrachtet haben:

Das Manko damals: Nach Mitternacht fuhren mit 85 Prozent die meisten Autofahrer sowohl im mittleren Teil der Benninger Straße ab der Einmündung zu In den Hälden als auch vor und nach der Einmündung Am Altneckar bis zu 75 km/h, teils sogar etwas mehr. An der Stelle ist allerdings hinzuzufügen, dass die Werte nachts auf weniger Datenpunkten als tagsüber basieren – sodass vereinzelte Punkte stärker ins Gewicht fallen können. Dennoch sind die meisten Autofahrer laut der Tomtom-Daten nach wie vor schneller als die erlaubten 30 km/h unterwegs.

Wie schnell die meisten Autofahrer an diesen drei Abschnitten vor und nach Inbetriebnahme des stationären Blitzers in Richtung Benningen, zeigen diese Grafiken:

Befunde wie die höheren Geschwindigkeiten aus den Tomtom-Daten dürften Jörg Brodel in seinem Protest bestärken. Er betont, dass auch innerorts gerast wird: „Wir haben nur hier am Ortsende die Blitzer – viele Lkw-Fahrer donnern nachts mit 50 oder 60 durch die Stadt.“ Darunter seien auch zahlreiche 40-Tonner, die nach Mitternacht die Häuser erschüttern ließen.

Ein Lkw-Nachtfahrverbot wie in Österreich?

Der Versicherungsmakler ist in Freiberg politisch gut vernetzt, in der CDU aktiv und kämpft seit Jahren für besseren Lärmschutz. Die Argumentation der Behörden überzeugt ihn nicht. Dass Arbeitsplätze im nahegelegenen Logistikzentrum gefährdet sein könnten, wenn nachts keine Lastwagen mehr durch Freiberg fahren dürften, hält Brodel für vorgeschoben. „In ganz Österreich dürfen Lastwagen nachts von 22 bis 5 Uhr nicht fahren. Der Verkehr bleibt ja gleich, man kann ihn nur anders kanalisieren.“ Auch die Sorge vor mehr Staus tagsüber sei für ihn zweitrangig. „Hier geht es um Gesundheitsgefährdung, und das ist durch die Messungen des Lärmaktionsplans gedeckt.“

Für Jörg Brodel beweisen die Zahlen aus dem Lärmaktionsplan vor allem eines: „Das Landratsamt tut zu wenig gegen den nächtlichen Lkw-Verkehr.“ Die gemessenen Dezibelwerte lägen klar über den zulässigen Grenzen. Frühere Bürgermeister hätten den Klageweg gegen die Behörden gescheut. Nun setzt Brodel auf den neuen Rathauschef Jan Hambach. „Es ist wichtig, dass das Thema weiterverfolgt wird“, sagt der Anwohner Brodel. Besonders enttäuscht zeigt er sich vom Landrat und CDU-Parteifreund Dietmar Allgaier. „Ich habe ihn mehrfach eingeladen, sich einfach mal eine Stunde mit mir in den Garten zu setzen. Er ist nie gekommen.“

Der Landrat lässt den Vorhalt nicht gelten. Über die Pressestelle lässt er antworten: „Das Landratsamt Ludwigsburg kennt die Gegebenheiten vor Ort sehr gut. Für die Bewertung eines Lkw-Nachfahrverbots in Freiberg ist kein Vor-Ort-Termin nötig, da diese auf Grundlage vorliegender Gutachten berechnet wird.“

Freiberger Bürgermeister lässt Klageweg prüfen

Der Freiberger Rathauschef Jan Hambach zeigt sich indes offen für juristische Schritte gegen die Straßenverkehrsbehörden des Landratsamts und des Regierungspräsidiums. „Wir prüfen derzeit die rechtliche Situation und die Erfolgsaussichten einer Klage und wollen nach Abschluss der Prüfung entscheiden“, sagt der Bürgermeister.

Vor allem die Bewohner des Stadtteils Beihingen gelte es vor dem Verkehrslärm zu schützen, so Hambach. Der Lärmaktionsplan der Stadt sehe neben einem Nachtfahrverbot auch eine Belagssanierung vor: ein Schritt, den das Regierungspräsidium 2027 realisieren lassen will. Die Wirksamkeit eines nächtlichen Durchfahrverbots sei aus Sicht der Stadt ausreichend belegt. Zwar werde Lärm subjektiv unterschiedlich wahrgenommen, die Gutachten sprächen jedoch eine klare Sprache: Die Belastung sei objektiv messbar und gesundheitlich relevant.

Das Landratsamt weist die Vorwürfe aus Freiberg jedoch entschieden zurück. Ein Nachtfahrverbot für Lastwagen über 7,5 Tonnen sei aus Sicht der Behörde weder rechtlich noch praktisch so eindeutig, wie es die Stadt darstelle. Man sehe die Gefahr, dass der Verkehr lediglich verlagert werde – mit Folgen für andere Kommunen entlang möglicher Ausweichstrecken.

Die LRA-Sprecherin Marianne Harr betont: „Das geplante Nachtfahrverbot würde den Verkehr aus den Freiberger Industriegebieten auf andere Strecken und in benachbarte Kommunen verlagern.“ Geeignete Alternativrouten ohne Wohnbebauung gebe es nicht. Betroffen wären demnach insbesondere Benningen, Ludwigsburg und Murr, wo sich die nächtlichen Lärmbelastungen erhöhen könnten. Die Nachbarkommunen hätten deutliche Bedenken gegen ein Nachtfahrverbot angemeldet. Grundlage dafür sei auch das von Freiberg selbst vorgelegte Gutachten, das eine Verlagerung der Verkehrsströme bestätige.

Landratsamt: „Tempolimits können Geräusche nicht reduzieren“

Dass wirtschaftliche Interessen einzelner Unternehmen den Ausschlag gäben, weist das Landratsamt ebenfalls zurück. Im Mittelpunkt stünden vielmehr die verkehrlichen und lärmschutzrechtlichen Folgen einer solchen Maßnahme. Zwar würden die Auswirkungen auf die Betriebe in den Industriegebieten Neckar I und II sowie an der Ludwigsburger Straße berücksichtigt. Entscheidend sei jedoch, ob ein Nachtfahrverbot tatsächlich zu einer nachhaltigen Entlastung führe. Genau daran gebe es nach den Ergebnissen des Gutachtens erhebliche Zweifel.

Auch beim Thema Geschwindigkeit widerspricht die Behörde der Kritik vieler Anwohner. Zwar könnten Tempolimits Motor- und Bremsgeräusche reduzieren. Die häufig beklagten „Rumpelgeräusche“ leerer Lastwagen entstünden jedoch vor allem durch Unebenheiten der Fahrbahn, Schachtdeckel oder Übergänge im Asphalt. Diese Geräusche ließen sich selbst bei Tempo 30 nicht vollständig vermeiden. Nach Einschätzung des Landratsamts handelt es sich beim nächtlichen Verkehr überwiegend um Ziel- und Quellverkehr aus Freiberg selbst. Bereits heute gelte ein Durchfahrtsverbot für Lastwagen – erlaubt sei lediglich Lieferverkehr.

Verkehrsdaten

Tomtom
Der Datendienstleister Tomtom erhebt über die in Autos verbauten Geräte wie etwa Navigationssysteme Daten über die Autofahrer. Laut eigenen Angaben ist in etwa jedem vierten Auto Technologie von Tomtom verbaut. Für die Benninger Straße hat die Firma uns exklusiv für einzelne, etwa mehrere Hundert Meter lange Segmente rund um die stationären Blitzer aufgeschlüsselt, wie schnell dort vor und nach Inbetriebnahme des stationären Blitzers in Richtung Benningen gefahren wurde.

Dafür wurden jeweils drei Monate vor dem 8. Dezember 2025 und drei Monate ab Inbetriebnahme miteinander verglichen.

85. Perzentil
Das 85. Perzentil der Geschwindigkeitsverteilung gibt die Geschwindigkeit an, die von 85 Prozent der Autofahrer nicht überschritten wird. Es eignet sich daher, um das typische Geschwindigkeitsniveau sowie besonders hohe Geschwindigkeiten im Verkehr zu beurteilen.