Die Speditionsfirma Reinke aus Gärtringen hat um Spenden für Flüchtlinge aus der Ukraine gebeten. Die Resonanz ist so groß, dass die Firma am Freitag einen eigenen Lkw mit Hilfsgütern nach Polen schickt.
Gärtringen - Im Minutentakt kommen Menschen an diesem Mittwochvormittag zum Fenster der Speditionshalle und laden Kartons, Kisten und Säcke ab. Sie sind prall gefüllt mit allem, was die geflüchteten Menschen aus der Ukraine nach ihrer Ankunft in Sicherheit brauchen könnten: Kleidung, Decken, Drogerieartikel und sogar Gläschen mit Babynahrung. Die Atmosphäre in der Halle ist geschäftig, und ein ums andere Mal schallt den Speditionsmitarbeitern die Frage „Was wird noch gebraucht?“ entgegen.
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Seitdem Dorle Graf, Ehefrau des Geschäftsführers der Speditionsfirma Reinke, am Dienstag über Facebook zu Spenden für Flüchtlinge aus der Ukraine aufgerufen hatte, steht ihr Telefon nicht mehr still. „Wir hätten nicht mit diesem Ansturm gerechnet“, sagt sie. Eigentlich sei der Plan gewesen, eine Speditionsfirma aus Gerlingen, die am Freitag einen Lkw an die polnisch-ukrainische Grenze schickt, mit Sachspenden zu unterstützen.
„Situation vor Ort ist katastrophal“
Doch innerhalb weniger Stunden nach Dorle Grafs Aufruf zeichnete sich ein ganz anderes Bild ab: Derart riesig sei die Hilfsbereitschaft der Menschen aus dem Landkreis gewesen, dass die Spedition Reinke nun ebenfalls am Freitag einen Lkw mit Hilfsgütern nach Medyka in Polen fährt. „Wir haben heute morgen mit dem Grenzlager in Polen gesprochen, am dringendsten werden Medikamente, neue Unterwäsche und Decken gebraucht“, erzählt Dorle Graf, die in regem Austausch mit den polnischen Helfern steht. Diese betreuten die Geflüchteten dort erst einmal in einer Halle und in Zelten. Auch Ärzteteams stünden an der Grenze zur Verfügung. Dennoch: „Die Situation vor Ort ist katastrophal“, weiß Graf.
Umso ungebrochener ist die Spendenbereitschaft der Gärtringer. Der 14-jährige Jonas Maucher ist mit seiner Mutter zur Speditionshalle gekommen, gemeinsam bringen sie paketweise Windeln. Sogar zu Fuß oder mit dem Fahrrad kommen die Leute zur Halle – wie Max Ostermeier: Auf seinen Gepäckträger hat der Senior einige Wolldecken geklemmt, die er bei den Mitarbeitern der Spedition abgibt. Werner Baumann ist einer von ihnen. Im Akkord sichtet er die Güter, sortiert sie und verpackt sie nach Bedarf: „Oberste Priorität haben Medikamente und Hygieneartikel wie Feuchttücher, Windeln und Desinfektionsmittel“, erklärt er. Bis jetzt sei vor allem Kleidung abgegeben worden, erzählt Dorle Graf. Ein Lebensmittelmarkt bringe später noch Paletten mit Wasser und Toilettenpapier. Und eine Apotheke aus dem Landkreis habe auch schon einige Sachen geliefert.
Vier bis fünf Tonnen könnten es am Ende werden
Am Sonntag oder Montag werde der Lkw der Spedition Reinke dann am Grenzübergang Medyka an der polnisch-ukrainischen Grenze ankommen, sagt Speditionschef Daniel Graf. Rund 1300 Kilometer und gut zwei Tage Fahrtzeit stünden ihm von Gärtringen aus bevor. Der Lkw-Fahrer sei der erste gewesen, den Daniel Graf kontaktiert hatte: „Er hat sofort zugesagt.“ Inzwischen hätten auch noch weitere Fahrer der Speditionsfirma ihre Hilfe angeboten, sollte es künftig noch weitere Transporte aus Gärtringen geben. „Ich bin überwältigt“, so Graf. Nicht nur von der Mithilfe seiner Angestellten, sondern auch von der Spendenbereitschaft der Einwohner des Landkreises.
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Noch am Montag seien er und alle Helfenden davon ausgegangen, dass die Spenden aus dem Kreis allenfalls den Lkw der Gerlinger Firma Heck mitfüllen würden, sagt der 51-Jährige. Und nun packen er und sein Team selbst noch einen Transporter, in den insgesamt 34 Europaletten passen. Vier bis fünf Tonnen an Hilfsgütern könnten es am Ende werden, schätzt Graf. Und auch bei der Speditionsfirma in Gerlingen seien „ohne Ende“ Hilfsgüter eingetroffen. Mittlerweile habe sogar ein Fernsehsender angefragt, ob er über die Sammelaktion berichten könne, sagt der Speditionschef.
Situation an der Grenze könnte belastend sein
Doch für ihn stehe nun die schnelle und spontane Hilfe für die Flüchtlinge aus der Ukraine im Mittelpunkt. Was ihm Sorgen bereite, sei die teils unzureichende Informationslage über die Situation an der Grenze in Medyka. „Wir wissen nicht genau, was dort los ist“, sagt der 51-Jährige. Auch, dass die Lage an der Grenze eventuell belastend für den Fahrer des Hilfstransportes sein könnte, schließt der Gärtringer nicht aus. Dass über die Gerlinger Speditionsfirma ein direkter Kontakt zu der polnischen Hilfsstelle an der Grenze besteht, sei da wiederum eine große Erleichterung.
Währenddessen geht das Sammeln in der Speditionshalle weiter. „Ich bringe warme Jacken, Pullis und Schuhe“, sagt die Gärtringerin Ulrike Kahl. Von der Initiative der Firma Reinke habe sie durch eine Nachricht bei WhatsApp erfahren, die Aktion spräche sich eben schnell herum. „Ich finde es toll, dass die Leute aus Gärtringen sich engagieren“, sagt sie.
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Hilfstransport nach Medyka
Spendenannahme Die Spedition Reinke nimmt auch an diesem Donnerstag zwischen 10 und 19 Uhr noch weitere Sachspenden (beispielsweise Hygienematerial, Medikamente, Decken, Rucksäcke) entgegen. Die vorher sortierten und beschrifteten Kartons können bei der Spedition Reinke, Rote Halle, in der Robert-Bosch-Straße 2 in Gärtringen abgegeben werden.
Flucht
Im Zuge des russischen Angriffs auf die Ukraine sind bereits mehr als 600 000 Menschen in benachbarte Länder geflohen, die meisten davon nach Polen. Darunter sind viele Frauen, Kinder und Ältere, denn Männer zwischen 18 und 60 Jahren dürfen das Land nicht mehr verlassen.
Medyka
Der Grenzübergang liegt keine hundert Kilometer von Lviv, der Hauptstadt der Westukraine, entfernt und gilt derzeit als aktivster Grenzübergang.