Literaturwissenschaftler aus Ditzingen Ein halbes Jahrhundert für Kafka

Von Patricia Elsner 

Hartmut Binder hat einige Lücken in der Biografie Kafkas aufgedeckt und gefüllt. Foto: factum/Granville
Hartmut Binder hat einige Lücken in der Biografie Kafkas aufgedeckt und gefüllt. Foto: factum/Granville

Hartmut Binder gilt als Koryphäe der Forschung über den Prager Schriftsteller Franz Kafka. Sein Wissen hat sich der Ditzinger in mehr als 50 Jahren angeeignet. Auch in Gesprächen mit Kafkas Weggefährten.

Ditzingen - Von Ruhestand kann bei Hartmut Binder nicht die Rede sein. Der 80 Jahre alte Literaturwissenschaftler und Kafka-Fan arbeitet gerade an der Fortsetzung seiner im Jahr 2000 erschienen Veröffentlichung zu Prager Kaffeehäusern und Vergnügungsstätten, in denen Franz Kafka mit seinen Freunden oft zu Gast war. „Ich habe noch mehr Material zu dem Thema gefunden und will dieses publizieren“, sagt Binder. Im November wurde er von der Stadt Ditzingen als Kulturschaffender im Bereich Literatur ausgezeichnet.

Seit mehr als 50 Jahren beschäftigt sich der Ditzinger mit dem Leben und der Literatur des Prager Schriftstellers Franz Kafka. Der Start dieses Schwerpunkts seines Wirkens war in Studienzeiten. „Nach meinem Germanistikstudium in Tübingen wollte ich promovieren. Mein Doktorvater schlug Kafka als Thema vor.“ Gut 30 Bücher und zahlreiche wissenschaftliche Artikel zu Kafka und weiteren Schriftstellern und Lyrikern wie Johannes Urzidil, Rainer Maria Rilke, Franz Werfel und Gustav Meyrink hat Binder bis heute veröffentlicht.

„Nach meiner Promotion hatte ich noch so viel Material übrig, da habe ich einfach weitergemacht“, sagt der Ditzinger, der immer in seiner Freizeit forschte. Hauptberuflich arbeitete Binder zunächst als Lehrer an einem Gymnasium in Stuttgart-Feuerbach, von 1973 an bis zu seinem Ruhestand im Jahr 2000 unterrichtete er an der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg.

Gastbeiträge in Zeitungen und im Radio

Unter anderem beschäftigte sich Hartmut Binder damit, welchen Einfluss das Judentum auf Kafka hatte. „Eine Zeit lang hieß es, dass sich Kafka wenig für das Judentum interessiert habe“, sagt Binder. „Ich fand allerdings heraus, dass Kafka die ‚Selbstwehr’, eine zionistische Zeitung in Prag, abonniert und auch hebräisch gelernt hatte.“ Entgegen der bisherigen Annahmen sei Kafka sehr wohl interessiert gewesen am Zionismus sagt Binder.

„Für die Arbeiten habe ich viel recherchiert“, sagt Binder. Aber nicht nur damit verbrachte er seine Freizeit: Binder war einige Jahre lang auch journalistisch tätig, schrieb unter anderem für die Stuttgarter Zeitung, die „Neue Zürcher Zeitung“ und die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ Rezensionen zu Kafka und berichtete über Ausstellungen zur Alten Welt und Archäologie. „1968 hatte ich auch einmal einen Auftritt beim Süddeutschen Rundfunk. Da habe ich einen Pro-Contra-Bericht zu Intelligenztests gemacht“, sagt er.

Zu Besuch bei Kafkas Nichte

Sein Steckenpferd ist und bleibt jedoch Kafka. Um weitere ungelöste Rätsel über den Schriftsteller zu lösen, traf sich Binder auch mit Freunden und Familienmitgliedern des Schriftstellers. „Bei einer Konferenz in Berlin habe ich eine Nichte Kafkas kennengelernt, die mich zu sich nach Hause einlud. Dort haben wir dann ganze Nächte verplappert.“ Und er habe Briefe Kafkas an seine Schwester Ottla, die Mutter seiner Gastgeberin, zu lesen bekommen. „Es war für mich wichtig, das Familienklima, den Humor in der Familie Kafkas zu begreifen“, sagt Binder. „Das hat mir geholfen, Kafka zu verstehen.“ Außerdem habe er sich auch mit Max Brod, Kafkas engstem Freundund Herausgeber seiner Werke, über den Schriftsteller unterhalten. „Je genauer man die Lebensverhältnisse kennt, umso mehr scheiden dumme Interpretationen aus“, sagt Binder.

So sei Kafka zwar ein ernsthafter Autor, der allerdings durchaus zu Späßen aufgelegt war. Zum Beispiel sei „Die Verwandlung“, ein Werk, in dem ein Mann namens Gregor Samsa eines Morgens als Käfer aufwacht, als komische Erzählung zu betrachten. „Wenn man sich nicht so sehr mit der Figur identifiziert, dann erkennt man den Witz in der Situation“, sagt Binder. „Kafka selbst konnte sich, als er die Geschichte seinen Kollegen vorlas, kaum vor Lachen halten“, sagt Binder.

„Ich bin ein begeisterter Anschauer“

Auch über andere Schriftsteller hat Binder offenbar gängige Missverständnisse aufklären können. „Über das Leben von Gustav Meyrink kursierten viele Gerüchte“, sagt Binder. „Zum Beispiel, dass er im Gefängnis saß.“ Binder ist dem nachgegangen und hat, wie er schildert, unter anderem herausgefunden, dass Meyrink unschuldig im Gefängnis war. „Über meine Forschungsergebnisse zu Meyrink wollte ich einen Aufsatz schreiben. Am Ende ist es ein dickes Buch geworden“, sagt er.

Für seine Forschung habe er viele Archive durchforstet, viele alte Zeitungen gelesen. „Alles, was mir während meiner Recherchen in die Hände fiel, habe ich gesammelt“, sagt Binder. „Oft zu mehreren Schriftstellern gleichzeitig.“

Trotz aller Faszination für den Prager Schriftsteller sagt Binder von sich selbst, er sei nicht von Kafka absorbiert worden. „Ich habe auch noch andere Hobbys“, sagt er. Mit seiner Frau habe er bereits das ganze Land und sämtliche Kulturdenkmäler bereist. „Die Höhlen auf der Alb, das Uracher Schloss und das Kloster in Maulbronn, meiner Heimatstadt“, sagt er. „Ich bin ein begeisterter Anschauer.“

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