Literaturnobelpreis in Gefahr Nobelkomitee in größter Krise seiner Geschichte

Von Helmut Steuer 

Sara Danius, die Ständige Sekretärin der Schwedischen Akademie, nach ihrem Rücktritt. Foto: AFP
Sara Danius, die Ständige Sekretärin der Schwedischen Akademie, nach ihrem Rücktritt. Foto: AFP

Die Schwedische Akademie ist nach dem Rücktritt mehrerer Mitglieder nicht mehr beschlussfähig. Nun will der König einen Ausweg aus dem Desaster finden.

Stockholm - Als am Donnerstagabend die Mitglieder der Schwedischen Akademie zum Sitz der 1786 gegründeten Institution in Stockholm eilten, die sich um die Förderung der schwedischen Sprache, aber vor allem um die Auswahl des Literatur­nobelpreisträgers kümmert, stand deutlich das Wort „Krise“ in den Gesichtern geschrieben.   Es geht nicht um irgendeine, sondern um die schwerste Krise in der Geschichte der Akademie. Hinter verschlossenen Türen stritten die Mitglieder rund drei Stunden lang, dann trat die Ständige Sekretärin der Akademie, Sara Danius, vor die Mikrofone und erklärte ihren Rücktritt. „Es war der Wunsch der Akademie, dass ich mein Amt niederlege“, erklärte die 56-Jährige. Sie gibt nicht nur ihr Amt als Ständige Sekretärin auf, sondern auch ihren Sitz im Komitee. Danius war die erste Frau, die die Schwedische Akademie führte – und auch die erste Chefin der altehrwürdigen Institution, die für mehr Transparenz eintrat.

Jetzt musste sie gehen, die Mehrheit der Akademiemitglieder sprach sich gegen den neuen Kurs aus. Damit nicht genug. Auch Katarina Frostenson räumt ihren Stuhl bis auf Weiteres. Sie ist die Ehefrau von Jean-Claude Arnault, einem französisch-schwedischen Fotografen und Regisseur. Dieser ist der Auslöser der gegenwärtigen Krise, in der es um sexuelle Übergriffe, finanzielle Ungereimtheiten und Geheimnisverrat geht. Und um Eitelkeiten, Missgunst und Selbstüberschätzung. Im vergangenen Herbst hatten 18 Frauen Arnault sexuelle Übergriffe vorgeworfen. Er soll seine Position als Kulturschaffender und Betreiber des Kulturvereins „Forum“ ausgenutzt haben.     Danius beauftragte eine Stockholmer Anwaltskanzlei, die Vorwürfe zu untersuchen. Das Ergebnis ist bisher nicht veröffentlicht worden, sondern wurde nur intern diskutiert. Dabei kam es zur Eskalation. Denn einige Akademiemitglieder wollten Frostenson ausschließen und Anzeige gegen den Kulturverein erstatten.   Eine Mehrheit lehnte den Ausschluss von Frostenson jedoch ab. Daraufhin erklärten drei Akademiemitglieder ihren Rücktritt. Das war vor einer Woche.

Von 18 Stühlen sind nur noch 11 besetzt

Mittlerweile haben neben Danius und Frostenson zwei weitere Mitglieder ihre Arbeit niedergelegt. Von den ursprünglich 18 Stühlen der Akademie sind nun nur noch elf besetzt, nachdem bereits vor mehreren Jahren zwei Mitglieder die Akademie verlassen haben. Das Problem: Die Mitglieder werden auf Lebenszeit gewählt. Nach­rücken können neue Stuhlinhaber erst nach dem Tod eines Mitglieds. Doch mit nur noch elf Aktiven ist die Akademie, die bis zum Oktober den Literaturnobelpreisträger 2018 auswählen muss, nicht mehr handlungsfähig. Als Schutzpatron der Akademie ist deshalb der schwedische König Carl Gustav in Aktion getreten.     Er erwägt nun eine Änderung der Satzung. Die alten Regeln müssten überdacht werden, so der Monarch, der die Zerreißprobe innerhalb der Akademie „eine sehr, sehr traurige Entwicklung“ nannte. „Die starke Frau, die eine Erneuerung der Akademie versucht hat, wird zum Verlassen gezwungen. Ich bin völlig sprachlos über dieses beispiellose Vor­gehen“, erklärte Annie Lööf, Vorsitzende der schwedischen Zentrumspartei. Sie bekommt Unterstützung von einem Akademiemitglied: „Zwei Frauen wurden geopfert“, entrüstete sich Per Wästberg. „Es ist eine Schande für die Akademie, über die nicht hinweggegangen werden kann. Und alles wegen eines Sexsüchtigen.“

   Bis zu einer Neuordnung in der Akademie übernimmt Anders Olsson die Rolle des Ständigen Sekretärs. Viele Kulturschaffende und Politiker im In- und Ausland fordern einen umfassenden Neuanfang. Die Krise der Akademie, da sind sich die meisten Beobachter einig, ist noch nicht überwunden. Sie hat gerade erst angefangen.

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