Das neue Literaturhaus ist das vierte dieser Art im Land. Es soll die Lust am Lesen wachhalten. Seine Entstehung war allerdings begleitet von einigem Krawall.
Heilbronn - Die Stadt hat dem Wort einen schönen Raum gegeben. Das Heilbronner Trappenseeschlösschen liegt malerisch im gleichnamigen See, am Rande des Pfühlparks. Der markante barocke Bau hat kein Badezimmer. Zum Glück: Anton Knittel, promovierter Germanist, profunder Kleist-Kenner und Chef des dort untergebrachten neuen Literaturhauses und des Kleist-Archivs Sembdner, käme gar nicht mehr nach Hause, wie seine Gattin argwöhnt.
Damit leistet sich Heilbronn nach einer Auflistung des Netzwerkes der Literaturhäuser als vierte Stadt im Land nach Stuttgart, Karlsruhe und Freiburg ein eigenes Literaturhaus – und „wir geben den Heilbronnern ihr Trappenseeschlösschen zurück“, sagt der Oberbürgermeister Harry Mergel (SPD). Die Eröffnung wurde bereits gefeiert.
Doch die letzten Handwerkerarbeiten sind noch nicht abgeschlossen. Etwa eine Million Euro kostet der Umbau, zwei Drittel davon stammen aus Stiftungen und Spenden. Aber vom 1. September an empfängt das Haus Besucher für die Dauerausstellung zu neun Autoren mit Heilbronner Bezug. Neben Heinrich von Kleist, der mit seinem Schauspiel „Das Käthchen von Heilbronn“ die Stadt in der Literatur verankert hat, geht es um Justinus Kerner, der Heilbronn ein Liebesgedicht geschrieben hat, Wilhelm Waiblinger, der Satiriker und Revolutionär Ludwig Pfau, die während des Hitler-Regimes „unerwünschte“ Schriftstellerin Victoria Wolff, die in Hollywood Karriere als Drehbuchautorin gemacht hat, der Bundespräsident Theodor Heuss in seiner Rolle als Publizist und der Romancier Otto Rombach.
Schon beim „Heilbronn“ schreiben zuckt Asmodi zusammen
Auch dem Schriftsteller Herbert Asmodi ist eine Station gewidmet, der zu seiner Heimatstadt ein sehr gespaltenes Verhältnis hatte: Wenn er nur das Wort Heilbronn schreiben müsse, zucke er zusammen, „als signierte ich einen ungedeckten Scheck“, schrieb er einmal. Schließlich befasst sich die Schau mit dem tragischen Leben und Sterben des Ernst Siegfried Steffen, der als Kind schwerst misshandelt wurde, im Gefängnis zum Schreiben kam und außerhalb des Zuchthauses nie richtig Fuß fassen konnte.
Ende September ist Damiano Femfert zu Gast
Außerdem soll es Wechselausstellungen geben und Lesungen. So ist am 27. September Damiano Femfert zu Gast. Der 35-Jährige hat im Frühjahr sein viel gelobtes Erstlingswerk „Rivenports Freund“ vorgelegt. Vom 8. bis 10. Oktober ist eine Tagung geplant anlässlich des Hölderlin-Jahres zum Thema „Seit ein Gespräch wir sind. Hölderlin und Kleist im Dialog“.
Dabei dürfen die Literaten und ihre Arbeit buchstäblich ergriffen werden: Biografien, Zitate, Ausschnitte aus den Werken können die Besucher auf Zetteln oder Plakaten mitnehmen. Verschiedene Künstler erzählen in kleinen Filmen das Leben der Literaten auf ihre Weise. Und schließlich schreibt das Literaturhaus vom 1. September an seine eigene Geschichte: Auf einer Schreibmaschine können die Besucher sich mit ein paar Sätzen in einem Fortsetzungstext verewigen.
Im Vorfeld gab es reichlich Theaterdonner
Harry Mergel löst mit dem Literaturhaus ein Versprechen ein, dass er seinen Heilbronnern im OB-Wahlkampf 2014 gegeben hatte. Die Vorbereitungen für das Literaturdomizil waren begleitet von einigem Krawall. Günther Emig, langjähriger Leiter des Heilbronner Kleist-Archivs, hatte sich vor zwei Jahren mit einem Donnerwetter in den Ruhestand verabschiedet. Er hatte mit einer Vielzahl von Veröffentlichungen von sich reden gemacht und auch das Internet als Plattform für die Literaturvermittlung für sich entdeckt.
Die Sammlung „ist fehl am Platz in Heilbronn“, das sagte Emig 2018 jedem, der es hören wollte, und das meint er auch jetzt noch. Eigentlich habe die Stadt keine Verbindung zu Kleist. Er empfahl den Heilbronnern, das 1991 von dem Kleist-Forscher Helmut Sembdner übernommene Archiv der Partnerstadt Frankfurt/ Oder zu überlassen. Dort ist der Dichter geboren, dort befindet sich das Kleist-Museum, dorthin hätte nach Emigs Vorstellung mit seinem Wechsel in den Ruhestand auch die Heilbronner Sammlung übersiedeln sollen.
Anton Knittel will die Lust am Lesen fördern
Die Stadt entschied anders. Allerdings soll es künftig auch weniger um die Veröffentlichung von Literatur, sondern stärker um ihre Vermittlung gehen, wie Anton Knittel sagt: „Ich will die Lust am Lesen und den Austausch über Literatur wachhalten.“