Begeisterung fürs Lesen kann man fördern. Die Jury des Deutschen Jugendliteraturpreis sichtet pro Jahr rund 600 Bücher und weiß, worauf es bei einem guten Schmöker ankommt. Foto: dpa

Lesen kann richtig Spaß machen, auch im Klassenzimmer. Dort findet bald wieder „Nachrichten in der Schule“ statt, und im Fach Deutsch werden wertvolle Schmöker gelesen. Literaturdidaktik-Professor und Jurymitglied Jan Standke weiß, was ein gutes Jugendbuch ausmacht und hat Tipps für Lehrer und Eltern.

Stuttgart/Braunschweig - Lesen kann richtig Spaß machen, auch im Klassenzimmer. Dort findet bald wieder „Nachrichten in der Schule“ statt, und im Fach Deutsch werden wertvolle Schmöker gelesen. Jan Standke hat Tipps für Lehrer und Eltern.

Warum ist Lesen wichtig?

Lesen ist eine zentrale Kulturtechnik und ermöglicht gesellschaftliche Teilhabe, ästhetische Erfahrung, Zugang zu Qualifikationswegen und Arbeitswelten. In der Schule kommt man ohne Lesen nicht aus. Es ist in allen Fächern von grundlegender Bedeutung. Gelesen wird heute allerdings nicht mehr nur im Buch, sondern auch auf Handys und Tablets. Das hat auch den Umgang mit Kinder- und Jugendliteratur verändert. Zudem sind wir eine verstärkt von Migration geprägte Gesellschaft, und das stellt natürlich neue Herausforderungen an die schulische Förderung von Lesekompetenz.

Warum macht das Leseverhalten der Jugend so vielen Menschen Sorgen?

Literaturferne Schüler lesen weniger gern, und das hat sicher auch damit zu tun, dass sie im Unterricht zu selten mit Texten konfrontiert werden, die ihnen echten Lesegenuss bieten. Vor allem bei den Klassikern sinkt die Lesemotivation. Aber es gibt Alternativen: Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ arbeitet mit tollen Verweisen auf klassische Literatur. Hier kann man ansetzen. Lesekompetenz kann sich nur entwickeln, wenn es gelingt, Lesemotivation zu fördern. Das gilt besonders während des sogenannten Leseknicks, des Absinkens des Leseinteresses zur Teenagerzeit, das alle Schüler erleben. Da kommt es darauf an: Schafft man es mit speziellen Angeboten, Jugendliche wieder an Literatur heranzuführen oder nicht?

Teilen Sie die Sorgen bezüglich des Leseverhaltens?

Teilweise, aber ich mache auch andere Erfahrungen. Schauen Sie sich nur die Jugendjurys des Deutschen Jugendliteraturpreises an. Überhaupt gibt es viele Schüler, die sich in ihrer Freizeit intensiv mit Literatur beschäftigen. Sie lesen beispielsweise nicht nur dickleibige Fantasy-Trilogien, sie tauschen sich im Internet auch seitenlang darüber aus. Da werden dann zum Beispiel ganze Parallelbiografien zu „Harry Potter“ geschrieben und diskutiert. Das ist eine beachtliche Entwicklung, die bei der allgemeinen Klage über den Verfall der Lektüre-Motivation immer in den Hintergrund rückt. Für den Unterricht müsste man solche Tendenzen stärker nutzen.

Wie hat sich die Kinder- und Jugendliteratur in den letzten Jahrzehnten verändert?

Sie hat sich sehr ausdifferenziert, spricht ganz unterschiedliche Zielgruppen an und ist unglaublich facettenreich. Gesellschaftliche Entwicklungen registriert sie aufmerksam. „Flucht“ zum Beispiel war in den letzten Jahren ein wichtiges Thema, vom Bilderbuch bis zum Jugendroman. Ein weiterer Trendsetter war das Thema Krankheit, die sogenannte Sick-Lit. John Greenes „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ ist da ein populärer Meilenstein.

Ist der Jugendbuchmarkt also auch Moden unterworfen?

Nicht nur. Neben solchen Trends gibt es auch ganz klassische Themen und Genres der Kinder- und Jugendliteratur, vor allem in der literarischen Fantastik. Vieles, von dem etwa Michael Ende bereits in „Die unendliche Geschichte“ erzählte, ist auch in aktuellen Texten noch präsent und beliebt.

Was zeichnet die heutige Kinder- und Jugendliteratur aus?

Vor allem thematische Vielfalt. Immer mehr Texte, so genannte All-Age-Literatur, werden von Kindern oder Jugendlichen und Erwachsenen gemeinsam gelesen. Zudem ist Literatur heute vermehrt Teil eines Medienverbundes, das heißt, neben dem Text gibt es Hörbücher, Verfilmungen und mehr. „Tschick“ ist hierfür wieder ein gutes Beispiel. Zudem spielen Übersetzungen eine immer wichtigere Rolle.

Was hat denn neben „Tschick“ vielleicht noch das Zeug zum Klassiker?

Vieles! Sicher die schon jetzt beliebten Texte der fantastischen Kinder- und Jugendliteratur. „Harry Potter“ wird sicherlich bleiben. Aber zum Beispiel auch die wunderbaren Kinderromane von Andreas Steinhöfel und viele mehr.

Ist der pädagogische Zeigefinger Vergangenheit?

Nein, Texte mit pädagogischem Zeigefinger gibt es immer noch. Gerade im Unterricht sind diese jedoch gar nicht so beliebt. Schüler wollen nicht belehrt werden durch Literatur, sie wollen herausgefordert werden. Wenn man Texte im Unterricht nur auf eine bestimmte Botschaft hin liest, kann das schnell ermüdend sein. Auch unterschätzt man die Schüler dabei leicht. Stattdessen sollte man sie an die Vieldeutigkeit von Literatur heranführen und sie mit fremden Perspektiven konfrontieren. Das fördert Lesekompetenz und Identitätsbildung gleichermaßen.

Der Kinder- und Jugendbuchmarkt ist riesig. Wie kann man die Spreu vom Weizen trennen?

Die große Vielfalt sorgt natürlich für Unübersichtlichkeit. Wir sichten pro Preisjahr mehr als 600 Titel. Dabei bestätigt sich der Eindruck, dass es viele Texte gibt, die durchaus interessant sind, aber ästhetisch belangloser als andere. Der Preis bietet für Eltern, Lehrer und Schüler eine wichtige Orientierung. Deshalb prüfen wir die Titel sehr genau, bis wir eine Preisentscheidung treffen.

Worauf achtet die Jury des Deutschen Jugendliteraturpreises?

Wir orientieren uns an Kriterien wie der sprachlichen und erzählerischen Qualität, der thematischen Innovation oder der Orientierung eines Textes an der Zielgruppe. Bei der Menge der Titel zählt aber auch: Schafft ein Buch es, uns auf den ersten 20 bis 30 Seiten zu packen? Das ist besonders im Hinblick auf die Leser sehr wichtig. Für mich ist ein preiswürdiges Buch aber stets ein sprachliches Ereignis: Wenn die Sprache fasziniert und eine neue Sicht auf die Welt bietet, dann ist es ein tolles Buch.

Und was ist mit wenig anspruchsvollen Bestsellern – haben die überhaupt eine Chance auf Beachtung?

Wenn ein ästhetisch niedrigschwelliges Angebot den Massengeschmack trifft, ist das nicht zu verurteilen. Gerade Schule muss den Spagat schaffen und Schüler vom motivierenden Bestseller zum anspruchsvollen Text führen. Lesefreude erhalten und Interpretationskompetenzen fördern – beides muss zusammenspielen. Wenn junge Menschen lesen, ist das ein Gewinn. Was sie lesen, ist erst einmal die zweite Frage. Hier können wir dann gemeinsam gestalten.

Zur Person: Professor Jan Standke

Der gebürtige Ascherslebener ist 37 Jahre alt,verheiratet, hat eine Tochter (3) und wohnt in Magdeburg.

Uni Seit 2017 ist er Inhaber des Lehrstuhls für „Didaktik der deutschen Literatur“ an der TU Braunschweig.

Jury Mitglied der Jury zum Deutschen Jugendliteraturpreis. 2019/2020 übernimmt er das Amt des Juryvorsitzenden.

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