Sandra Richter ist die neue Leiterin des Literaturarchivs Marbach. Sie will dort künftig auch Computerspiele sammeln. Foto: dpa

Wer am Computer daddelt, endet garantiert als Analphabet, dachten besorgte Eltern vor noch gar nicht langer Zeit. Elektronische Spiele galten als ganz übler Schund. Die neue Leiterin des Literaturarchivs Marbach denkt da ganz anders.

Marbach/Augsburg - Das Daddeln wird jetzt noch ein bisschen renommierlicher. Das ehrbare Deutsche Literaturarchiv Marbach sammelt nämlich künftig auch Computerspiele. „Es handelt sich um die nächste mediale Stufe von Literatur“, sagte die neue Direktorin des Archivs, Sandra Richter, der „Augsburger Allgemeinen“. „Früher gab es Dramen auf der Bühne, dann kam der Film, jetzt gibt es Computerspiele - das sind Wandlungsformen von Erzählungen.“

Dass nun allerdings jedes martialische Ballerspiel, jede Klötzchendreherei, gar jede „Moorhuhn“-Kopie neben Hölderlin und Martin Walser aufs Regal darf, ist eher unwahrscheinlich. Das Literaturarchiv, betont die vor zwei Wochen ins Amt eingeführte Richter, werde nicht jedes Computerspiel verwahren: „Wohl aber die, die in hohem Maße Erzählstrukturen enthalten“. Auch früher habe man nicht nur gelesen, sondern auch gespielt: „Goethe beispielsweise hat das Gänsespiel gespielt und darüber gedichtet. Heute erfüllen Computerspiele ähnliche Funktionen.“ Das Gänsespiel ist ein in Europa weit verbreitetes Brettspiel.

Vielfalt der Medien

Fans dürfen jetzt also rätseln, welche Orks und Zombies, welche Aliens, Zombies und sonstigen Pixelmonster und vor allem auch, welche Heldinnen und Helden mit Goethe in die Ewigkeit des Archivs eingehen dürfen. Richter nennt zwar noch keine Titel, verweist aber auf eigene Erfahrungen: „Ich habe im Alter von vielleicht zehn Jahren die „Buddenbrooks“ entdeckt und parallel dazu das erste Mal ein Computerspiel gespielt. Diese Vielfalt verschiedener Medien ist mir immer wichtig gewesen, wobei die Literatur für mich das wichtigste Medium ist.“

Im 1955 gegründeten Deutschen Literaturarchiv in Marbach am Neckar (Kreis Ludwigsburg) werden literarische und philosophische Werke verwahrt, die seit 1750 erschienen sind. In rund 44 000 Archivkästen ruhen mehr als Tausend Nachlässe, Sammlungen von Schriftstellern oder Übersetzern, dazu Archive von Verlagen und Redaktionen. Die Bibliothek ist nach offiziellen Angaben die größte Spezialsammlung zur neueren deutschen Literatur - mit rund einer Million Bänden.

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