Die Chamisso-Förderpreisträgerin Olga Grjasnowa Foto: René Fietzek

Eine bemerkenswerte Stimme in der Literatur: Chamisso-Förderpreisträgerin Olga Grjasnowa. „Die juristische Unschärfe einer Ehe“ ist der zweite Roman der aserbaidschanischen Schriftstellerin.

Stuttgart - „Die juristische Unschärfe einer Ehe“ – das ist einer der Vorzüge, die Altay seiner Ehe mit Leyla zuschreibt. Altay ist Arzt, Leyla ist Balletttänzerin, beide sind homosexuell, stammen aus Aserbaidschan, haben geheiratet ihrer Familien halber, lieben sich dennoch, schlafen miteinander, aber auch mit häufig wechselnden Partnern. Bis Jonoun kommt, die trotz allem Leylas Geliebte wird, einzieht und die juristisch unscharfe Ehe in eine Schräglage bringt. Leyla flieht in die Heimat, lässt sich treiben im nihilistisch rauschhaften Leben der Oberschicht von Baku, Altay und Jonoun folgen ihr nach: Die Reise nach Aserbaidschan wird zur Sinnsuche und Seelenfahrt zwischen den Kulturen für ein sehr modernes, freies, aber auch haltloses Paar.

Olga Grjasnowa erzählt von Altay und Lelyla in klaren, manchmal harten Sätzen. „Die juristische Unschärfe einer Ehe“, ausgezeichnet mit dem Adelbert-Chamisso-Förderpreis der Robert-Bosch-Stiftung 2015, ist ihr zweiter Roman, 2012 erschien ihr Debüt „Der Russe ist einer, der Birken liebt“. Schon damals ließ diese neue Stimme aufhorchen. Grjasnowa stammt, wie viele ihrer Figuren, aus Aserbaidschan, wurde 1984 in Baku geboren, kam 1996 nach Deutschland.

„Ich führe so ein typisches Freiberufler­dasein in Berlin“, sagt sie heute und lacht. „Darüber kann man natürlich auch schreiben, aber ich glaube kaum, dass das jemand lesen möchte.“

Auch Mascha, die Hauptfigur in Olga Grjasnowas erstem Roman, stammt aus Aserbaidschan, lebt in Berlin – ein Bild ihrer Autorin ist sie dennoch ebenso wenig, wie Altay und Leyla es sind. „Meine Personen müssen möglichst weit von mir weg sein“, sagt Grjasnowa, „sie dürfen emotional nichts mit mir zu tun haben. Wenn ich über mich selbst schreiben würde, könnte ich nicht ehrlich sein – oder streng genug.“

Wie streng Olga Grjasnowa ist? „Jonoun“, schreibt sie, „hasste die Kälte und wollte am liebsten sterben, aber sie war zu narzisstisch, um es unbemerkt zu tun.“ Manchmal wirkt der Blick dieser Autorin unerbittlich – und dennoch scheint sie immer auch mit ihren Figuren zu fühlen.

„Ich möchte keine Opfer darstellen“, sagt sie. „Alle meine Romanfiguren sind für ihre Handlungen vollkommen verantwortlich. Sie sind bei weitem nicht unschuldig. Das Scheitern, Versagen reizt mich immer sehr - wie es dazu kommt und vor allem, was danach geschieht. Aber man muss seine Figuren als Autor natürlich auch lieben – wenn man nur mit Hass oder Indifferenz schreibt, dann kommt nichts zustande.“

Die aserbaidschanische Oberschicht, in die Leyla eintaucht, schnupft Kokain und rast mit teuren Wagen durch die Stadt. Leyla wird verhaftet, nachdem sie an einem dieser Rennen teilgenommen hat. „Die Rennen fanden bei Nacht und ausschließlich in belebten Gegenden statt, nicht selten kamen dabei Fußgänger ums Leben, was den Charme des Ganzen natürlich erhöhte.“ Der Satz findet sich schon auf der ersten Seite des Buches – ein Schock.

„Diese Autorennen“, sagt Grjasnowa, „gibt es wirklich. Dahinter steht eine Art von Menschenverachtung, die in Aserbaidschan allgegenwärtig ist. Jeder, der dort nicht genug Geld hat, ist kein Mensch. Das spürt man an jeder Ecke.“ Grjasnowa reiste selbst nach Baku, in ihre Heimatstadt – an die wirkliche High Society, sagt sie, sei sie dort nicht herangekommen. „Aber Baku ist eine Zwei-Millionen-Stadt, dort kennt im Prinzip jeder jeden, die alten Strukturen sind erhalten geblieben. Wenn man die Leute fragt, bekommt man schon ein ganz gutes Bild.“ Wie Grjasnowas erster ­Roman ist auch „Die juristische Unschärfe einer Ehe“ ein Roman, für den seine Autorin umfangreiche Recherchen anstellte – sie interviewte Balletttänzer und Ärzte, fuhr nach Moskau, wo Altay als Arzt arbeitete, beschreibt eine Gesellschaft, in der ­Gesundheit dasselbe ist wie Geld und in der die Ärzte in den billigeren Krankenhäusern schwer betrunken zum Skalpell greifen.

Altay, Leyla und Jonoun leben in einer prekären Welt, sie suchen, irren, finden sich zuletzt vielleicht doch. Olga ­Grjasnowa ließ sich zu ihrer Geschichte inspirieren von einem sufistischen Text, der von 30 Vögeln erzählt, die sich auf die Suche nach Gott begeben. „Nachdem sie sehr viel Leid erlebt haben, ­stellen sie fest, dass Gott entweder in ihnen selbst wohnt oder dass er nicht existiert.“

Ein wenig zu kolportagehaft wirkt dieser Roman manchmal durchaus noch – aber die trockene, lakonische Konsequenz seiner Sprache, jener Sätze, die so genau wissen, wohin sie wollen und auf dem Weg dorthin jedes Detail in ihren Bannkreis ziehen, ist bemerkenswert, vielleicht sogar einzigartig in der jungen deutschen Literatur.

Mit der Arbeit an einem neuen Buch hat Olga Grjasnowa bereits begonnen – „seit einem Jahr“, sagt sie, „recherchiere ich an einem Thema. Es geht um Flüchtlinge im Mittelmeer, um eine ganz andere Form der Auswanderung. Es hat nichts mehr zu tun mit Aserbaidschan, ­damit bin erst einmal für eine Weile durch.“

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